Updates vom „Ingebot“: Flockt die Milch
Automatisierung der Jahrhundert-Dichterin: Auf Bluesky veröffentlicht der Bot-Account „Ingebot Bachmann“ alle vier Stunden randomisierte Wortfetzen der Autorin.
Foto: Otto Breicha/Brandstätter Images/picture alliance
Eigentlich ist das natürlich Blasphemie, ein Sakrileg. Da hat doch tatsächlich jemand das Gesamtwerk der heiligen Ingeborg an einen Bot angeschlossen, der nun alle vier Stunden ein Bachmann-Zitat auf die Social-Media-Plattform Bluesky schießt. Und dann der Name des Accounts: Ingebot Bachmann. Unverschämt ist diese Automatisierung der Jahrhundert-Dichterin! Und wunderbar!
Mitten zwischen hitzigen Debattensträngen über die Sozial-„Reformen“ der Bundesregierung und über die Buchvorschüsse von Hanno Sauer, finden sich nun so schöne Bachmann-Worte wie: „Erlöse mich! Ich kann nicht länger sterben“.
Schon der Literatur-Twitteraccount „Thomas Mann Daily“, auf dem der Germanist Felix Lindner 2022/23 jeden Tag einen Auszug aus den Tagebüchern des Zauberers postete, hatte etwas Anarchisch-Lustiges (29. 3. 1938: „Rührei-Imbiß. Viel leere Zeit.“). Der Ingebot Bachmann aber treibt die Entkontextualisierung auf die Spitze, denn er nimmt weder Rücksicht auf die Datierung eines Zitats noch auf ganze Sätze.
Die herausgerissenen Fetzen aus Lyrik und Prosa der frühen und späteren Dottoressa bilden in der Bluesky-Timeline allerdings wieder ganz eigene, wilde Reihen. Zum Beispiel folgt auf den Vers „die Hühner und wirf mir ein weißes“ der Schnipsel „und jetzt versponnen, verwebt“. Ein anderes dieser „neuen“ Bachmann-Gedichte lautet: „Halt mir die Rast, wo Bienen uns bewirten, / brich mit den Blicken ein, / Dunkles zu sagen / noch diesen Abend, eh die Amsel singt.“
Eine Anfrage der taz an die Macher:innen des Ingebots zum Warumwiesoweshalb blieb unbeantwortet. Rätselhaft bleibt deshalb auch, warum das Profilbild des Accounts ein Spiegelei zeigt, Frikadellen (die Bachmann vielleicht Fleischlaiberl nennen würde) und gebratene Tomaten, äh, Paradeiser.
Die hocherhabene und geschichtsschwere Bachmann („Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt“) hatte auch eine leichte Seite und konnte durchaus witzeln und lachen. So berichten es mehrere ihrer nahen Zeitgenoss:innen. Vielleicht hätte sie ein Vergnügen daran gehabt, dass sogar ein Vers-Torso wie „flockt die Milch“ auf Bluesky drei Likes bekommen kann.
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