Unterwegs mit einem Eisbrecher: Mit dem Seelöwen durchs Eis

Thorsten Küster ist Binnenschiffer in der vierten Generation. Im Winter steuert er den kleinen Eisbrecher "Seelöwe" über die Havel. Sein ohrenbetäubender Job dient weniger den Schiffen, die stecken bleiben könnten. Vielmehr soll er Schäden am Ufer und Hochwasser verhindern.

Eisbrecher bei der Arbeit. Bild: AP

Breitbeinig steht Thorsten Küster hinter dem Steuerrad des "Seelöwen" und fixiert das Eis. Seit Montagnacht ist die Obere Havel zugefroren: Eis, so weit das Auge reicht. Im Sonnenlicht hat ein Wintermärchen Gestalt angenommen. Die Kristalle funkeln und blitzen in allen Farben. Begleitet ist das Bild aber nicht von Stille, sondern von einem ohrenbetäubenden Lärm. Küster ist Kapitän eines Eisbrechers. "Es krachen lassen", nennt es der Mann, wenn der Bug seine Schiffs - des "Seelöwen" - das Eis unter den Rumpf drückt und es dort in tausend Einzelteile zersplittert.

Seit 14 Jahren schon geht Küster - "wie Küste" - mit dem "Seelöwen" auf Tour. Der 22 Meter lange und fünf Meter breite Kutter, Spitzengeschwindigkeit 20 Stundenkilometer, hat noch zwei Schwestern: die "Seeotter" und der "Seehund". Neben den drei kleinen Eisbrechern unterhält das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) im Berliner Raum und östlichen Brandenburg noch die größeren Eisbrecher "Oder" und "Oderberg". "Hauptaufgabe ist nicht, das Wasser für die Schifffahrt offen zu halten", sagt Mike Kaus, Leiter des Schifffahrtbüros vom WSA. Die Eisbrecher sollen vielmehr dafür sorgen, dass die Uferanlagen keinen Schaden nehmen und kein Hochwasser entsteht.

Im Radio wird zurzeit auch gern vermeldet, die Eisbrecher würden gewährleisten, dass die Kraftwerke der Region von den Frachtschiffen weiter mit Kohle versorgt werden können. Doch das stimmt nur bedingt. Das einzige Kraftwerk, das auf den Wasserweg angewiesen ist, sei das Kraftwerk Klingenberg nahe Rummelsburg, sagt Kaus. Denn es hat keine Lagermöglichkeiten für Kohle und keinen Gleisanschluss. "Wenn nötig, würden wir dort auch mit drei Eisbrechern rund um die Uhr langfahren."

Als sich Torsten Küster und sein Matrose Boris Zenker um sechs Uhr morgens für den Dienst anziehen - beide tragen nun wasserdichte Hosen und dicke Fleece-Pullover - zeigt das Thermometer 17 Grad minus. Um die Fahrrinne in der Unteren Havel Wasserstraße von Spandau bis Neelitz zu öffnen, braucht der Eisbrecher eine halbe Stunde länger als noch zu Wochenbeginn, so dick ist das Eis inzwischen. "Zehn Zentimeter werden es schon sein", schätzt Küster. Bei 20 Zentimeter komme der "Seelöwe" an seine Grenze. "Mehr schafft er nicht."

Am Mittag nimmt der Kutter von der Schleuse in Spandau auf der Havel-Oder-Wasserstraße Fahrt in Richtung Nordosten auf. Normalerweise reicht sein Einsatzgebiet bis Niederfinow. Aber so weit muss er zurzeit nicht. Das Land Brandenburg hat das Schiffshebewerk in Niederfinow am 5. Januar dichtgemacht - nicht wegen Eises, sondern um die technische Inventur durchzuführen. Darum geht die Fahrt heute nur bis Lehnitz. Die Eisbruchstücke treiben im Kielwasser hinterher. Allerdings nicht lange: Wenn es so kalt ist wie jetzt, friert die Schneise in wenigen Stunden wieder zu. Bei strahlender Sonne arbeitet sich das Schiff knirschend durch die am Vortag zerhackten, krumm und schief zusammengefrorenen Schollen voran. Nur unter den Brücken ist das Eis glatt und ebenmäßig.

Eine kreisrunde Stelle ist noch offen. Hunderte von Blesshühnern, zwei Schwäne und eine kanadische Wildgans paddeln wie wild in dem Wasserloch, damit es nicht zufriert. "Im Sommer können sie sich überhaupt nicht leiden. Aber im Winter halten sie zusammen", kommentiert Küster das Naturschauspiel.

Mit dem Mittelfinger der linken Hand lenkt der Mann lässig sein Schiff. Eine winzige Berührung des Joysticks reicht und der "Seelöwe" reagiert. Das große hölzerne Steuerruder kommt nur in Notfällen zum Einsatz. Thorsten Küster, 40 Jahre alt, Dreitagebart, Sonnenbrille, Ohrring, Jim-Beam-Basecap, ist Binnenschiffer in der vierten Generation. Urgroßvater, Großvater, Vater - alle waren mit dem Frachtschiff unterwegs, "aber nur bis zur Küste". Er selbst schipperte von Kindheit an mit Vater und Mutter Kohle, Erz, Getreide und Kunstdünger nach Berlin.

Im Sommer und in warmen Wintern, wenn kein Bedarf an Eisbrechern besteht, montiert die Zwei-Mann-Crew die Eisenverstärkung am Bug des "Seelöwen" ab und liefert mit dem Schiff Kräne und Baumaterialien an Schleusen.

Bei Niederneuendorf sitzen zwei polnische Frachtschiffe fest, mitten auf der Havel. Der "Seelöwe" umkreist die Schiffe einmal. Durch die Wellenbewegung bricht das Eis. Ein polnischer Matrose im roten Overall und Pelzmütze winkt ein Dankeschön. "Wenn wir sowieso des Weges kommen, kostet die Aktion die Leute nichts", sagt Küster. Anders sei es, wenn der Eisbrecher eigens angefordert werde. Seeleuten, die im Eis festsitzen, bleibt sonst nur zu abwarten, bis es taut. Bei einer Eisstärke wie der jetzigen kann das mehrere Wochen dauern - auch wenn die Quecksilbersäule wieder über null klettert.

"Das Schöne an dem Job ist, man ist den ganzen Tag draußen", sagt Küster. Eisiges Wetter mache ihm nichts aus. Im Gegenteil. "Die Kälte hat was." Sein Traum sei, einen riesigen russischen Eisbrecher in der Arktis zu steuern, verrät er grinsend. Die Schiffe könnten meterdickes Eis durchbrechen. "Da kann man es richtig krachen lassen."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de