Unregelmäßigkeiten bei der Gewosie

Der Autoritäre muss gehen

Vorstand Axel Utrata verlässt das Unternehmen. Offiziell aus Altersgründen – vermutlich wegen der Korruptionsvorwürfe gegen ihn.

Der scheidende Chef hinterlässt eine Baustelle. Foto: Stefan Sauer/dpa

BREMEN taz | Die Mitteilung der Gewosie aus Bremen Nord ist dürr und diskret: Axel Utrata, jahrzehntelanger Vorstand, verlässt das Wohnungsbauunternehmen. Offiziell aus Altersgründen, er wird 65. In der selben knappen Pressemitteilung steht jedoch auch: „Umstrukturierungen im technischen und kaufmännischen Bereich“ würden „in der nächsten Zeit weiter fortgeführt“, es gehe um die „Neuordnung der Geschäftsbereiche“. Kein Dankeswort. Und nichts zu den Korruptionsvorwürfen gegen ihn.

Utrata soll Personen und Firmen in seinem Umfeld in auffälliger Weise mit überteuerten Gewosie-Aufträgen versorgt haben. Auch der Aufsichtsratsvorsitzende der Gewosie, Mathias Gill, soll davon profitiert haben.

Seit einem Jahr werden aufgrund vertraulicher Informationen von MitarbeiterInnen diese Vorwürfe bekannt. Utrata hat mit einem autoritären Führungsstil viele verärgert. Der Aufsichtsrat des 1894 gegründeten Genossenschaftsunternehmens, der den Vorstand kontrollieren soll, hält jedoch dicht – er ist mit handverlesenen Leuten besetzt. Einige von ihnen machten als Bauunternehmer Geschäfte mit der Gewosie. Kritiker in der genossenschaftlichen Vertreterversammlung wie der Architekt Uwe Meier wurden rausgeworfen. Aus dem Genossenschaftsverband trat die Gewosie unter Utrata aus.

Eine langjährige Abteilungsleiterin, die nicht namentlich genannt werden will, weil sie immer noch den langen Arm von Utrata fürchtet, erzählte der taz, sie sei einmal direkt von Utrata aufgefordert worden, sich in die Vertreterversammlung wählen zu lassen. „Ich brauche anständige Leute in der Vertreterversammlung“, habe er ihr gesagt. Als Abteilungsleiterin war sie weisungsgebunden und abhängig – das qualifizierte sie offenbar als „anständig“. Sie lehnte ab – „das war der Tag, an dem ich in Ungnade fiel“. Sie verließ das Unternehmen.

Ein weiterer Fall: Vor dem Arbeitsgericht läuft gerade ein Kündigungsschutzverfahren gegen einen Haustechniker der Gewosie. Der Vorwurf: Er soll die Unterlagen herausgegeben haben, auf deren Grundlage die Staatsanwaltschaft auf Korruptionsverdacht ermittelte. Gewosie-Anwalt Rainer Küchen erklärte vor dem Arbeitsgericht, die Firma wolle ihren Haustechniker loswerden – „völlig egal, was das kostet“. Als Notar hat Küchen bei einem Termin am 5. 12. 2013 den Verkauf von fünf Sparkassen-Immobilien beglaubigt – vier gingen an die Gewosie, eine an Utrata privat.

Davor hatte die Gewosie zuletzt 2011 Schlagzeilen gemacht, als sie ganze Straßenzüge verkaufte, in denen langjährige Mitglieder der Genossenschaft lebten. Als Käufer war zunächst eine Firma mit Briefkasten in der Steueroase Norderfriedrichskoog aufgetreten. Inzwischen sind die Genossenschaftswohnungen im Portfolio des US-Versicherungsfonds Conwert gelandet. Neuerdings haben die Mieter eine Telefonnummer in Delmenhorst als Ansprechpartner – bei der sich nach kurzem Piepsen nur eine Automatenstimme meldet: „Achtung. Es steht kein Platz mehr für die Aufnahme von Sprachnachrichten zur Verfügung.“

Ein erster großer Korruptionsvorwurf bezog sich Anfang des Jahres auf Balkon-Anbauten. Ausgeführt wurden die Aufträge jahrelang von einer Firma Rabs aus Thüringen. Die nimmt normalerweise pro Balkon rund 4.000 Euro. Bezahlt hat die Gewosie rund die Hälfte mehr – an die Firma Sanitech aus Siegen, die den Auftrag zum reduzierten Preis weitergab. Die Gewosie hatte damals keine Konkurrenzangebote eingeholt.

„Der Aufsichtsrat ist mit handverlesenen Leuten besetzt“

Gewosie-Kenner erklären das mit „verwandschaftlichen Beziehungen“ zu Sanitech. In der Tat war unter der Sanitech-Adresse in Siegen früher die Süd-Nord Vermögensbetreuungs-GmbH der Frau des Gewosie-Chefs, Ingeborg Utrata, gemeldet. Der Geschäftsführer der Firma Rabs wollte mit der taz nicht über den Balkon-Auftrag reden, die Bremer Staatsanwaltschaft hat ihn nie befragt.

Einen weiteren Korruptionsvorwurf veröffentlichte die taz vor vier Wochen: Er bezieht sich auf die Geschäftsbeziehungen des Aufsichtsratsvorsitzenden Mathias Gill zur Gewosie, über die er eigentlich wachen soll: Am 23. März 2016 ist Bauunternehmer Gill Aufsichtsratsvorsitzender der Gewosie geworden. Gleich tags darauf hat er für rund 30.000 Euro Rechnungen an die Gewosie geschrieben. Es ging meist um dieselbe Sache: „Schornsteinköpfe überprüfen und ggf. instand setzen“ bei diversen Miethäusern.

Genauer waren die Aufträge nicht gefasst. Verwunderlich ist auch, dass diese Aufträge alle ein knappes Jahr zuvor, am 28. 5. 2015 erteilt worden sein sollen – so ist es jedenfalls auf den Auftragsbögen vermerkt. Unterstellt man, dass die Schornsteinköpfe wirklich undicht waren, scheint es merkwürdig, dass die Baufirma Gill diese Reparaturen erst nach der Heizperiode – Monate später – in Angriff genommen haben will.

Handwerkskammer-Präses Jan-Gerd Kröger, selbst Bauunternehmer in Bremen-Nord, geht zudem davon aus, dass andere Handwerker die in den Gill-Rechnungen aufgelisteten Arbeitsschritte für die Hälfte des Betrages ausgeführt hätten. Offenbar hatte Utrata keine Konkurrenzangebote eingeholt und die Aufträge per Zuruf dem designierten Aufsichtsratsvorsitzenden zugeschanzt.

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