Ungarns LGBTQ-Vereine bedroht: Der Sport und das Gesetz

Queere Sportklubs in Budapest sorgen sich, dass sich ihre schlechte Lage mit dem neuesten Parlamentsbeschluss künftig noch mehr verschlechtert.

Fußballfans in Budapest auf dem Weg ins EM-Stadion

Ist der Sport in Ungarn für alle da? LGBTQ-Klubs haben Sorge Foto: Michael/dpa

Ein neues Gesetz schreibt in Ungarn vor, dass Jugendliche etwa an der Schule, in Büchern und Filmen nicht mehr mit Homosexualität und Transsexualität in Berührung kommen dürfen. Das betrifft den Sport nur indirekt. So berichtet Anna Szlávi, die Leiterin der Tischtennisabteilung in der einzigen LGBT-Sportorganisation „Atlasz“, dass es bei ihnen ohnehin keine Mitglieder unter 18 Jahren gebe. Aber: „Gerade vor kurzem hatten wir noch diskutiert, wie wir Teenager besser erreichen und unterstützen können, und das wird jetzt nicht funktionieren.“ Verheerend sei vor allem die moralische Abwertung als krankhaft und pädophil.

Wir treffen uns in einem Café in Budapest, einem dieser Hipster-Orte mit teuren Limonaden. Szlávi sagt, das liberale Budapest sei der beste Ort in Ungarn. Sie habe hier keine Angst, mit ihrer Partnerin über die Straße zu gehen, und der progressive Bürgermeister lade LGBT-Organisationen regelmäßig ein. Aber Besuche in Westeuropa zeigten ihr, was Budapest sein könnte. Anna Szlávi ist Linguistin, Mitbegründerin des Magazins qLit für queere Frauen, Dozentin und hat mehrfach zu LGBT im Sport publiziert.

Zwei Dinge sind ihr besonders aufgefallen. Erstens: die schlechte Lage queerer Frauen im Sport, ein europaweites Problem. Auch Atlasz sei sehr lange von Schwulen dominiert gewesen. Mit der Tischtennisabteilung, die speziell für Frauen geschaffen wurde, habe sich das etwas geändert. Besonders in Ungarn, wo das Mutterideal gegenüber Sportlerinnen stark sei und Sport sehr patriarchal geprägt, seien Frauen auch in der queeren Szene außen vor.

Viktor Orbán investiert zwar massiv in Sport, aber nur 1,9 Prozent der Gelder gehen an den Breitensport

Und dann gibt es ein zweites, spezifisch post-sozialistisches Problem, das es Organisationen wie Atlasz schwer macht: wenig Graswurzelkultur. Und entsprechend wenig demokratische Eigeninitiative, wenig Neigung zur Vereinsmitgliedschaft. Nach Angaben von Anna Szlávi sind im europäischen Schnitt rund 10 Prozent der BürgerInnen Mitglied in einem Verein oder einer Organisation, in Ungarn nur 2 Prozent. Das sei erschreckend und verändere sich nur sehr langsam. Zu besten Zeiten habe Atlasz 100 Mitglieder gehabt. „Auch sehr viele LGBT in Ungarn machen lieber individuellen Sport, statt zu Atlasz zu gehen, weil sie Mitgliedschaft nicht gewohnt sind.“ Und sich überdies wegen der Homophobie nicht mit so einer Organisation verbinden wollten.

Viktor Orbán investiere zwar massiv in Sport, aber das diene vor allem nationalistischer Propaganda und Medaillen, nur 1,9 Prozent davon gingen an den Breitensport. Das bringe auch ganz praktische Probleme: „Ungarn belegt einen der weltweit höchsten Ränge bei Fettleibigkeit.“ Und es führe eben zu fehlender demokratischer Vereinskultur, wenig gemeinsamer Partizipation. Dass queere Vorbilder im Spitzensport fehlen, darüber ist Szlávi indes nicht erstaunt: Als Nationaltorwart Peter Gulácsi sich für Adoptionsrechte von Homosexuellen ausgesprochen hat, sorgte er für einen riesigen Skandal.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de