Ungarn und das EU-Parlament: Mit der Geduld am Ende

Die konservative EVP und Viktor Orbáns rechtspopulistische Fidesz gehen getrennte Wege. Viel zu lange hat die EVP damit gewartet.

Der ungarische Ministerpräsident und Fidesz-Vorsitzende Viktor Orbán vor einer blauen Wand mit Europaflagge dreht den Rücken zu

Regierungschef Orbán quittiert den „Affront“ der EVP mit dem Abzug seiner Abgeordneten Foto: Francisco Seco/reuters

Na bitte, geht doch! Endlich hat sich die Europäische Volkspartei (EVP) dazu durchgerungen, Ungarns Regierungspartei Fidesz aus ihrer Fraktion zu werfen. Dieser Schritt, für den es eine entsprechende Änderung der Geschäftsordnung brauchte, war überfällig.

Denn Regierungschef Viktor Orbán hat mit dem zielstrebigen Aufbau einer „illiberalen Demokratie“ in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausgelassen, um seine Verachtung gegenüber europäischen Werten wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu Protokoll zu ­geben. Gleichschaltung der Medien, krasse Eingriffe in die Unabhängigkeit der Justiz, Verbannung der Soros-Universität aus Budapest sowie Hetze gegen Mi­gran­t*in­nen, verbunden mit der Weigerung, Schutz suchende Menschen aufzunehmen – das Sündenregister ließe sich endlos fortsetzen.

Und die EU? Die setzte im Falle Ungarns auf Schadensbegrenzung und faule Kompromisse. Nichts anderes war auch die Entscheidung von 2019, die Fidesz-Mitgliedschaft in der EVP-Fraktion bis auf Weiteres einzufrieren. Wie effektiv Orbáns Strategie der Erpressung gewirkt hat, war eindrucksvoll im vergangenen Herbst zu besichtigen: Da schaffte es der Mann aus Budapest, den Rechtsstaatsmechanismus zu seinen Gunsten zu verwässern, indem er damit drohte, den EU-Haushalt und das Corona-Aufbaupaket zu blockieren.

Ein besonders unrühmliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang übrigens auch EVP-Chef Manfred Weber, der sich als ein Düpierter fühlen muss. Er versuchte, immer wieder zu vermitteln, zog aber in entscheidenden Momenten den Schwanz ein.

Dass Orbán diesen „Affront“ der EVP mit dem Abzug seiner Abgeordneten quittierte, überrascht nicht. Schon rätseln viele, wo er sich in Brüssel eine neue politische Heimat suchen wird. Da böte sich die rechtslastige ID an. AfD-Chef Jörg Meuthen ließ bereits mitteilen, dass Orbán in dieser Familie der EU-Skeptiker und Globalisierungskritiker willkommen sei. Sollte der Fidesz-Chef der Einladung folgen, wäre dieser Schritt nur logisch. Dann wäre die Fidesz da, wo sie wirklich hingehört.

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Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.

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