Ungarischer Kinofilm „Sunset“

Das Grauen hinter dem Schein

Dieser Film ist wie ein Schleier: In „Sunset“ von László Nemes wandelt eine rätselhafte Frau durch das Budapest am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Eine Frau steigt aus einem Zug

Als Írisz Leiter (Juli Jakab) in Budapest​ ankommt, ist noch alles offen. Sie hat aber ein Ziel Foto: MFA+

Der erste Hut, den sie trägt, verhüllt ihr Gesicht. Sie blickt nach unten, zu sehen ist nur ihr Mund, der scheinbar lächelt, dann eine sachte Ernsthaftigkeit offenbart. „Lüften wir den Schleier“, sagt eine zweite Frau irgendwo aus dem Raum, jenseits des Sichtbaren. Der Kopf hebt sich, die ungarische Schauspielerin Juli Jakab wird erkennbar.

Schon in László Nemes’ Spielfilmdebüt „Son of Saul“ wirkte Jakab mit, war dort im Rausch der verstörenden Ereignisse allerdings nur kurz zu sehen. In Nemes’ neuem Film, „Sunset“, tritt sie jetzt aus dem Schatten und nimmt das Zentrum des Bilds ein, gibt mit durchdringendem Blick die Unternehmerstochter Írisz: eine rätselhafte, verlorene Seele, die kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs durch die europäische Weltstadt Budapest wandelt.

Ein Film wie ein Schleier. Über das, was im Verborgenen ergründet werden muss, und das, was überhaupt sichtbar werden kann. „Sunset“ ist trotz seiner genauen Verortung in Zeit und Raum ein ganz und gar traumwandlerisches Angebot. Denn Nemes interessiert sich mehr für die Gegenwart des Wahrnehmens als für die logische Einordnung und Beherrschbarkeit des Vergangenen. Er und sein Kamermann Mátyás Erdély erheben mit einem desorientierend nahen, sich ständig verlagernden Blick keinen Anspruch auf vollständige Abbildung. Sondern sie lassen vieles, was sich um die Heldin herum abspielt, ins Unscharfe abgleiten.

So fühlt sich der Film visuell auffällig ähnlich an wie „Son of Saul“, entstand allerdings aus anderen Gründen: In seinem Debüt interessierte sich Nemes für die Ethik der Abbildung eines Konzentrationslagers. Er weigerte sich, die immer gleichen Gewaltbilder zur NS-Zeit zu reproduzieren und etwaige Erwartungshaltungen an einen KZ-Film zu bedienen.

„Sunset“. Regie: László Nemes. Mit Juli Jakab, Vlad Ivanov u. a. Ungarn, Frankreich 2018, 142 Min.

In „Sunset“ beschäftigt ihn nun das undurchdringliche Getümmel der Großstadt und darin ein weiter gefasster Sinn historischer Orientierungslosigkeit. Mit einem großzügigeren Bildformat versucht er sich an einer breiten Skizze der europäischen Zivilisation am Rande des Zusammenbruchs, allerdings erneut durch den Filter einer einzelnen, absolut gesetzten Wahrnehmung.

Nach Jahren kehrt sie zurück

Írisz Leiter wird im Film zur Symbolfigur, denn sie ist nicht irgendwer. Sie ist die Tochter der bekanntesten Hutmacherfamilie Budapests. Der österreichische Hof aus Wien gibt sich regelmäßig die Ehre, selbst Sissy war zu Besuch. Das gewichtige Haus konnte auch von einem großen Feuer nicht zerstört werden, doch Írisz verlor ihre Eltern und wurde im Kindesalter in ein Heim gegeben. Nach Jahren kehrt sie zurück und versteht ihre Position, sucht sich Wege in den Betrieb, lernt die österreichische Kundschaft und den Adel vor Ort kennen, weiß die Strukturen für sich zu nutzen – und sie hört von einem Bruder, der totgeschwiegen wird.

Im Sprechen über diesen geisterhaften Bruder enthüllen sich Wahrheiten, Scheinwahrheiten und Gerüchte. Bald scheint es, als wäre der Hutladen eine Miniatur seiner Zeit: der Abgründe, die sich kurz vor dem Krieg im Menschen auftun und die Eskalation erst ermöglichen; der Extravaganz, die alles kaschiert, was nicht zu ertragen ist; der Schönheit und der Warenhaftigkeit, die sich in der angepriesenen Mode ebenso wie in der Belegschaft darstellen soll. Nachdem sich Nemes mit „Son of Saul“ zu der Frage verhielt, ob es eine Kunst nach der Schoah geben kann, erforscht „Sunset“ nun die Idee eines manipulativen Scheins, der jedes Grauen hinter sich zu verbergen vermag.

Írisz sieht aus wie ihre Mutter, könnte deren Reinkarnation sein. Das bezeugt schon zu Beginn ein Bild, das sie genau betrachtet. Und wenn die Leute sie immer wieder anstarren, selbst im Vorbeigehen noch obsessiv mustern, sind die Blicke gleichermaßen auf sie und ihre Geschichte gerichtet. Mit ihrem Auftreten kehrt das Vergangene zurück als taktlose Konfrontation: Írisz verhält sich unmöglich, insbesondere für eine Frau dieser Zeit. Sie respektiert keine Grenzen und Verbote, stellt unbequeme Fragen, läuft wie eine Getriebene in dunkle Gassen und wühlt auf, was alle verdrängen wollen. Ein Verdrängen, das unmissverständlich ein Wissen voraussetzt.

Haltlosigkeit des Geschehens

Immerzu flüstert es in diesem Film. Nemes nutzt Stimmen erneut als dichtes Geflecht, das das Geschehen umspinnt und dessen Möglichkeitsräume ausdehnt. Sprache verbirgt hier ebenso viel, wie sie enthüllt. Die Menschen sprechen mit einer geheimnisvollen Gewissheit über die Ereignisse der letzten Jahre und geben dennoch ungern etwas von sich preis. Österreichischer Adelssprech mischt sich mit vulgärem Mordgeschrei und zynischem Understatement. Der Fluss der dynamischen ungarischen Rhetorik befeuert die unruhige Haltlosigkeit des Geschehens. Auf ausgesprochene Worte treffen grollende und gurgelnde Laute, Keuchen, Lechzen und Stöhnen; fast tierische Geräusche entlockt der Film dem Menschen.

Anders als in seinem vorherigen Film vermengt Nemes das Sprechen nun zudem unentwegt mit Musik. Kaum ein Moment, in dem nicht ein Instrument von irgendwoher anklingt, Erwartungen und Drohungen auflodern lässt. Eine permanente Grundspannung, als könnte der einzelne Mensch jederzeit von der Gewalt der Welt zermalmt werden.

Írisz ist getrieben, hier hilflos, dort gnadenlos, durchschreitet die Stadtwelt ohne Taktgefühl, taumelt von Klangraum zu Klangraum, Dichte zu Dichte: von heimlichen Affären zur verlorenen Hütte im Wald, zum knarrenden Hotel, zur letzten Station der Straßenbahn, zum Komplott im Hinterraum, zum Teufelspalast. Und stets ist sie umgeben von den Menschen, zwischen denen sie ihre Bahnen zieht.

Choreografische Inszenierungsweise

Nemes brach die Filmschule ab und assistierte bei Béla Tarr, der in den „Werkmeisterschen Hamonien“ Körper wie Planeten behandelt. Mit seinen hypergegenwärtigen Geschichtsfilmen, seiner choreografischen Inszenierungsweise und langen Einstellungen stellt er sich ebenso in eine Traditionslinie mit Miklós Jancsó, umkreist in seinem Sprechen über das Kino eine Idee der Destabilisierung und des mündigen Publikums.

Möglich war die Arbeit an „Sunset“ auch durch die vergleichsweise gute Stimmung in der ungarischen Filmförderung“

Nemes verteidigt ein Filmemachen, das sich bei der Konfrontation von Machtrealitäten und Blickregimen nicht hinter erzählerischen Konventionen versteckt. Möglich war seine Arbeit an „Sunset“ nicht nur durch seinen Oscar-Erfolg mit „Son of Saul“, sondern auch durch die vergleichsweise gute Stimmung in der ungarischen Filmförderung. Die überwachte seinerzeit der im Januar gestorbene ehemalige „Rambo“-Produzent und Orbán-Vertraute Andrew Vajna als Regierungskommissar, der sich seit 2011 durch eine unerwartet progressive Haltung zum Autorenkino profiliert. Ganz anders als im Theater, der Wissenschaft, oder der bildenden Kunst, wo Maßregelungen das Tagesgeschäft prägen.

Den einzigen Raum, den man Írisz im Film verwehrt, wird sie, verkleidet als Mann, betreten, denn die letzten Grenzen sind die des eigenen Körpers und der Identität. Anders als der KZ-Häftling Saul Ausländer findet Írisz Leiter in sich keine lebensbejahende Kraft, sondern entdeckt in ihrer Biografie und letztlich ihrem Herzen einen soghaften Abgrund. Ein Psychologe meint über ihren Bruder, er projiziere seinen eigenen Horror auf die Welt, und markiert damit einen historischen Moment, in dem sich die Psychoanalyse und das Kino als junge Disziplinen begegnen. Írisz lauscht der Diagnose des fortschrittlichen Mediziners, wie im Bewusstsein, dass diese Welt keine unschuldigen Leinwände bietet.

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