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Über das NichtredenSchweigen ist ein großes Geschenk

Der digitale Kapitalismus kann die Stille nicht ertragen. Dabei kann viel Großzügigkeit darin liegen, Dinge nicht auszusprechen. Ein Debattenbeitrag.

Kürzlich war ich in einem Kurs, in dem es um Kommunikation mit Kindern ging. Die Dozentin sagte, dass es wichtig sei, Fragen von Kindern offen und direkt zu beantworten. In einem Beispiel ging es um ein Kind, das im Bus gefragt hatte: „Warum hat die Frau solche Haare?“ – und dabei auf eine Schwarze Frau und ihre Locken gedeutet hatte. Man solle die Frage direkt beantworten, meinte die Dozentin, sonst glaubten die Kinder, dass Differenz etwas Fragwürdiges sei, was nur im Hinterzimmer besprochen werden dürfe.

Daraufhin meldete sich eine Teilnehmerin und sagte, sie habe einmal im Zug in einem Abteil mit einem Kind gesessen, dessen Gesicht voller Verbrennungsnarben war. Das Kind der Teilnehmerin fragte seine Mutter, was das sei – woraufhin die Eltern des versehrten Kindes baten, das jetzt nicht im Abteil zu erklären. Die Teilnehmerin hat daraufhin geschwiegen.

Die Dozentin fand das falsch. Ich finde es richtig.

Die Alles-lässt-sich-thematisieren-Lehre

Die Todsünde heutiger Kommunikation ist das Tot-Schweigen. Aber welchen Preis hat dieses Inslebenholen qua Gespräch? Und, vor allem, wer zahlt ihn?

Wo ist das Problem?, fragen die Ver­tre­te­r:in­nen der reinen Alles-lässt-sich-thematisieren-Lehre. Je­de:r kann sich dazu verhalten. Aber das ist es doch: Man muss sich verhalten zu einer Beschämung, die nicht zurückzuholen ist. Es kann viel Großzügigkeit darin liegen, Dinge nicht zu sagen.

Wer schweigt, tritt ein Stück zurück. Hat keine Meinung parat, zeigt für alle sichtbar, nichts zu sagen zu haben.

Ich habe mich immer gefragt, wie sich Au­to­r:in­nen wie Harper Lee gefühlt haben, die irgendwann aus der Öffentlichkeit verschwanden, weil sie nichts mehr publizierten. Erlebten sie das als Scheitern oder als eine Form der Ehrlichkeit mit sich selbst, auf die sie stolz waren? Ich weiß es nicht und natürlich gibt es keine pauschale Antwort.

wochentaz

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In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Wer schweigt, fällt heraus aus einer Gesellschaft von Instant-Meinungen, die immer und sofort zur Hand sind. Ist im Grunde tot, weil nicht mehr auf Sendung. „Die Hyperkommunikation, der Kommunikationslärm entweiht und profanisiert die Welt. Niemand lauscht. Jeder produziert sich“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay „Undinge. Umbrüche der Lebenswelt“ erbittert.

Schweigen kann Kommunikationsverweigerung sein. Oder das Wegducken einer ganzen Gesellschaft, wie in der sprachlosen Bundesrepublik der Nachkriegsjahre. Inzwischen ist es auch etwas ganz anderes: widerständig. Ein anarchischer Akt in einer Zeit, in der Kommunikation als Voraussetzung wirtschaftlichen Überlebens gilt. „Der Informationskapitalismus erzeugt den Zwang zur Kommunikation. Daher liebt der Kapitalismus die Stille nicht“, schreibt Han mit so etwas wie Genugtuung.

Die Stille wirft ein grelles Licht auf die Überproduktion. Wie folgerichtig und befriedigend es ist, dass dieser Widerstand kostenlos ist, ein Nichts gegen das Zuviel.

Es ist ein Nichts, das Mut erfordert. Wer schweigt, muss der Angst ins Auge sehen, in der Unhörbarkeit zu verschwinden. Niemand honoriert diesen Mut, vielleicht – und es ist schwierig, das nicht kränkend zu finden – wird die Leerstelle nicht einmal bemerkt.

Die Freiheit des Schweigens

Was den Schweigenden bleibt, ist eine große Freiheit. Sie sind raus aus dem Spiel, fliegen tief unter dem Radar, performen nicht länger, sie sind beneidenswert unproduktiv. Sie schweigen, also können sie hören.

Es gibt Menschen, für die diese Stille notwendige Bedingung ist, um zu etwas außerhalb ihrer selbst zu kommen: Kunst. Einer Beziehung zu Gott.

Schweigen war für den Philosophen Ludwig Wittgenstein die angemessene Reaktion auf Unsagbares, auf all das, was unser Fassungsvermögen übersteigt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Kein Wunder, dass in einer Zeit, die hochallergisch auf alles Unverfügbare reagiert, das Schweigen zu den Ver­lie­re­r:in­nen gehört. Das Wittgenstein-Zitat ist kurz davor, zu einer Postkarten-Weisheit zu verkommen, die sich besser verkauft als seine Texte, aber das macht es nicht weniger wahr.

Das Schweigen ist ein großes Geschenk, eine große Möglichkeit. Niemand kann sie uns nehmen.

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