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UVB-Studie zum Wohnungsbau„Das wird das bedeutendste Thema für die Wahl sein“

Der Wirtschaftsverbandschef Alexander Schirp hält 100.000 zusätzliche Wohnungen für möglich.

Der Wirtschaftsverband UVB drängt darauf, die seit 1990 vervierfachte Zahl der Bauvorschriften zurückzuschrauben Foto: Patrick Pleul/dpa

Aus Berlin

Stefan Alberti

Das hatten sich die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) als Spitzenverband der regionalen Wirtschaft anders vorgestellt. Zum üblicherweise nachrichtenarmen Jahresstart wollten sie eine Studie vorlegen, die durchaus Potenzial für eine Titelgeschichte hat: Denn 100.000 zusätzliche Wohnungen über die bisherigen Planungen des Senats hinaus hält der Verband in den nächsten zehn Jahren für machbar.

Doch 2026 startete nicht nachrichtenarm, sondern mit dem Zerfall der SPD-BSW-Koalition in Brandenburg und dem Blackout. Und kaum ist der vorbei, arbeiten sich die Medien daran ab, dass Regierungschef Kai Wegner (CDU) eine Stunde Tennis spielte, statt sich sofort im vermeintlichen Katastrophengebiet zeigen.

Und deshalb muss UVB-Hauptgeschäftsführer Alexander Schirp auch ein paar Fragen zu ebendiesen Themen beantworten. Etwa, wie er das Krisenmanagement Wegners bewertet. Die Reparatur der Stromkabel nach dem Anschlag in vier Tagen hinzubekommen, „war eine ganz hervorragende Leistung“. Nicht wegreden will er, dass sich manches besser hätte darstellen lassen.

Aber das lässt Schirp nach eigenen Worten nicht daran zweifeln, dass die Landesregierung in jetziger Konstellation anstehende Aufgaben wie den Wohnungsbau hinbekommt. „Das wird das bedeutendste Thema für die Wahl sein“, sagt Schirp über den Wohnungsmarkt mit Blick auf die Abgeordnetenhauswahl am 20. September.

36.000 Wohnungen über Supermärkten möglich

Die UVB-Studie hält 100.000 zusätzliche Wohnungen auf folgende Weise für möglich: 36.000 oberhalb von Supermärkten, 30.000 in bisherigen Büros und 26.000 durch bisher zweckentfremdete und nicht ordnungsgemäß vermiete Wohnungen. Hinzu kommen 7.000, die durch Aufstockung möglich sein sollen, und 5.000 am Rande des Tempelhofer Feldes. Letztere, meint Schirp, würden für die Nutzung des Feldes „kaum eine Einschränkung bedeuten“.

Schirp und Maren Kern, die Chefin des regionalen Wohnungsunternehmensverbands BBU, kritisieren in dem Pressegespräch auch eine seit 1990 auf 20.000 vervierfachte Zahl an Bauvorschriften, die Wohnungsbau bremse. Kern hat dazu ein konkretes Beispiel parat: Für eine Stahlbetondecke reichen nach ihren Worten ohne Stabilitätsverlust statt der vorgeschriebenen 18 Zentimeter auch 14 aus. Das würde nicht nur günstigeres Bauen ermöglichen, sondern auch CO₂-Emissionen verringern.

Neu ist das nicht unbedingt. Eine Umwandlung von Büro-Leerstand hatte Ende November auch Bettina Jarasch vorgeschlagen, die Fraktionschefin der Grünen und Co-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl. Und über eine Supermarkt-Überbauung sei man mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schon im Gespräch gewesen, als deren Chefin von 2016 bis 2020 noch Katrin Lompscher von der Linkspartei war, räumt Schirp ein. Versuchen mag man es trotzdem noch mal und drängt dabei auf weniger bürokratische Hindernisse. „Der Lebensmitteleinzelhandel ist bereit, seinen Beitrag zu leisten“, heißt es in der Studie.

In Enteignung – als Folge des Volksentscheids dazu von 2021 – sieht Schirp auch am Donnerstag genauso wenig einen Weg zu mehr Wohnungen wie Maren Kern. Dass die Linkspartei, die auf Enteignung drängt, durchaus Chancen hat, nach der Abgeordnetenhauswahl die Landesregierung anzuführen, ist durchaus ein Thema für die UVB.

Von einer Schicksalswahl mag Schirp auf eine entsprechende taz-Frage hin nicht reden, wohl aber von einer Richtungsentscheidung – wobei das eigentlich bei jeder Wahl so sei. Wohnungsverbandschefin Kern ist da klarer mit Blick auf eine Linkspartei-Regierung: „Investoren würde das abschrecken.“

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