Trumps Rede zum 4. Juli: Weiter so, Mr President!

Trumps Polarisierung hat vor der Corona-Krise der USA funktioniert. Jetzt geht es vielen Amerikanern schlechter – sein Wahlkampf stößt an Grenzen.

ein Mann und eine Frau halten ihre Hand vor die Brust

Trump und Gattin beim Festakt in Washington Foto: Patrick Semansky/ap

Donald Trumps Auftritt zum 4. Juli in Washington hat Spaltung, Wut und Angst verbreiten wollen: Spaltung der Gesellschaft in „die“ und „wir“, Wut auf all die angeblichen Linksradikalen und Schwarzen, die die glorreiche Geschichte des Landes infrage stellten, und Angst vor einer Machtübernahme durch die Demokraten. Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen. Man kann diesen narzisstischen Präsidenten zum hundertsten Mal verdammen, für unfähig erklären und die Gefahren heraufbeschwören, die von diesem Mann ausgehen. Das entspricht zweifellos der Realität.

Man kann diese furchtbare Rede aber auch positiv sehen: Donald Trump fällt nichts mehr ein, obwohl ihm angesichts seiner Umfrage­werte dringend etwas einfallen müsste.

In einer der größten Wirtschaftskrisen der US-Geschichte, während einer Pandemie, die weiter um sich greift, in Zeiten, in denen viele Menschen nicht länger dazu bereit sind, institutionellen Rassismus zu akzeptieren, macht der Präsident das, was er immer macht, und offenbar auch das Einzige, was er kann: Er polarisiert. Trump setzt damit einzig auf seine angestammte Wählerklientel und unternimmt nicht einmal den Versuch, abtrünnige Republikaner und Unabhängige für sich einzunehmen.

Im Gegenteil: Millionen Ältere und Vorerkrankte erklärt Trump indirekt zu Idioten, wenn er behauptet, 99 Prozent aller Coronafälle seien „komplett harmlos“. Trumps Strategie hat funktioniert, solange es den USA gut ging, die Wirtschaft wuchs und die Arbeitslosigkeit gering war. Jetzt, da viele Amerikaner ganz subjektiv feststellen müssen, dass es ihnen schlechter geht als zuvor, stößt diese Art Wahlkampf an ihre Grenzen. Als glaubwürdig konnten Trumps Äußerungen nur so lange durchgehen, wie sie der Lebensrealität ihrer Adressaten nicht diametral widersprachen. Dies ist jetzt aber der Fall.

Damit ist noch lange nicht gesagt, dass einer der unfähigsten Präsidenten in der Geschichte dieses großartigen Landes im November auch abgewählt wird. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür steigt. Deshalb kann es nur heißen: Weiter so, Mr President!

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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