Trumps Kehrtwende bei Masken-Frage: Zu spät, zu wenig

Meinte der US-Präsident es jetzt ernst mit dem Kampf gegen die Pandemie, wäre mehr nötig als Lippenbekenntnisse: eine nationale Strategie.

Eigentlich nicht für die Hand, sondern fürs Gesicht: Trump zeigt Maske Foto: Leah Mills/reuters

Fünf Monate und mehr als 140.000 Tote in den USA später zeigt Präsident Donald Trump Anfänge von Einsicht. Er sagt, dass die Pandemie schlimmer werden wird, bevor sie nachlässt, empfiehlt das Tragen von Masken und nennt es – kein unwichtiges Detail für seine fähnchenschwingenden AnhängerInnen – „patriotisch“.

Das ist mehr als nichts und ohne Frage besser als das Leugnen von wissenschaftlicher Evidenz und das Behindern von Gesundheitspolitik. Und trotzdem ist es kein Anlass zum Jubel. Trump scheint der größte Verantwortliche für die rapide Ausbreitung von Corona zu sein, nicht nur in den USA, sondern in der ganzen Welt. Von Beginn der Krise an stellt er der Bekämpfung der Pandemie Hindernisse in den Weg. Wider besseres Wissen verbreitet er das Gerücht, das Virus werde die USA verschonen. Krankenhäuser und Testzentren seien ausreichend ausgestattet. Anstatt sie zu stärken, verließ er die Weltgesundheitsorganisation, hetzte gegen China und nannte die „Wirtschaft“ ein höheres Gut als die Gesundheit und das Leben. Wahltaktische Überlegungen wiegen für Trump schwerer als die Gesundheitspolitik.

Selbst am Tag seiner späten Einsicht bleibt Trump Teil des Problems. Beim Treffen mit politischen GeldgeberInnen trägt er wieder keine Maske. Und er hält fest an seiner konsequenten Verniedlichung des Problems. So will er LehrerInnen und SchülerInnen nach den Ferien zum Regelunterricht in geschlossenen Räumen ­zwingen.

An der Basis ist die Maske längst ein Politikum geworden. Wer keine Maske trägt, bekennt sich damit fast automatisch zu Trump. Die ideologische Überfrachtung eines Stücks Gewebe hat die Ausbreitung der Pandemie begünstigt. Sie hat zugleich die sachliche Diskussionen und das Vorgehen gegen die Ausbreitung des Virus behindert.

Wenn Trump es jetzt ernst mit der Pandemiebekämpfung meinte, wäre sehr viel mehr nötig als Lippenbekenntnisse und eine Wiederaufnahme seiner Selbstdarstellung bei Briefings aus dem Weißen Haus. Die Pflicht zum Maskentragen in geschlossenen Räumen und das Schließen von Bars, Schulen und anderen Versammlungsräumen an Orten, wo die Pandemie wütet, gehört dazu. Noch wichtiger wäre es, endlich eine nationale Strategie für den Umgang mit der Pandemie zu entwickeln und auf den Rat von WissenschaftlerInnen und GesundheitspolitikerInnen zu hören.

Stattdessen setzt Trump weiterhin auf WahlkampfstrategInnen und Umfragen. Solange das so bleibt, schreitet der US-Präsident über Leichen auf dem Weg zur erhofften Wiederwahl.

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Kommt aus Köln. Ihre früheren journalistischen Stationen waren Mexiko-Stadt, Berlin und Paris. Seit 2010 ist sie taz-Korrespondentin in den USA. Sie lebt in New York.

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