■ Vorlesungskritik: „Trauerarbeit“ im Plauderton
Arnulf Baring beginnt die Vorlesungsstunde mit einer Entschuldigung. In der Woche zuvor habe er viel zu ausführlich seine politische Meinung kundgetan. Das sei, sagt er, sonst nicht seine Art.
Das erstaunt, verstand sich doch der 62jährige Jurist, der an der FU Zeitgeschichte lehrt, seit jeher aufs Politisieren. Weil er Wahlkampf für Hans-Dietrich Genscher betrieb, warf ihn die SPD 1983 aus der Partei. Zwei Jahre später lehnte er das Angebot der FAZ ab, die Leitung des Feuilletons zu übernehmen, und zog eine Offerte aus Ebenhausen vor. Dort wirkte er von 1986 bis 1988 bei der konservativen „Stiftung Wissenschaft und Politik“.
„Deutschland und der Osten“ lautet das Thema, das sich Baring für dieses Semester vorgenommen hat. An diesem Montag geht es um die Ostsiedlung im Mittelalter. Baring möchte seinen Hörern vermitteln, „wie sich die Deutschen seit dem Jahr 800 in mehreren Schüben ihrer selbst bewußt geworden sind“ – auch wenn ihre Ausbreitung im Mittelalter „auf jeden Fall nicht national“ zu verstehen sei.
„Ich bin ja kein Experte für all diese Fragen“, gesteht er freimütig ein. Für ein paar politische Allgemeinplätze reicht es aber allemal. Er habe, schickt er voraus, „große Mühe mit dem Wort Ostdeutschland“ als Bezeichnung für die frühere DDR, sei jedoch überzeugt, daß sich die Bezeichnung mit dem Schwinden des Ost-West-Gegensatzes wieder für die Gebiete jenseits von Oder und Neiße durchsetzen werde.
Wenn Baring seine fachkundigen Kollegen, die Mittelalter-Historiker, zitiert, geht es eher um Politik als um Wissenschaft. Der Zusammenhang zwischen den NS-Verbrechen und dem Verlust der Gebiete im Osten müsse „in den Köpfen und Herzen lebendig bleiben“, bemüht er Hartmut Boockmann von der Humboldt- Universität. Zwar sei nach dem Krieg die „kollektive Verdrängung sehr wichtig für die Aufbauleistung“ gewesen, doch müßten die Deutschen jetzt „Trauerarbeit nachholen“.
„Ich werde sehr mißverstanden, ich werde dauernd als Nationalist bezeichnet“, klagt Baring seinen Hörern. Dabei gehe es ihm doch nur um „eine größere Unbefangenheit, die die Vergangenheit als vergangen begreift“. „Verkrampft“ findet er es beispielsweise, für ehemals deutsche Städte nur noch den polnischen Namen zu verwenden.
Auch als Baring endlich zum Thema der Stunde, der Ostsiedlung, vorgedrungen ist, fabuliert er in freier Assoziation weiter. Über den Deutschen Orden kommt er auf die Kreuzzüge, und dabei bleibt nicht unerwähnt, daß Axel Springer die Ausgrabung einer Kirche an der Mauer des salomonischen Tempels finanzierte. Der Deutsche Orden bringt Baring auch auf den Stauferkaiser Friedrich II. Die Senioren-Studenten, die bei ihm gerne die Hörsaal-Bänke drücken, kommen in Fahrt. Eine „schlimme Jugend“ habe Friedrich gehabt, wirft eine weißhaarige Hörerin ein, doch ein „schöner Mann“ sei er gewesen. „Jaja“, ergänzt Baring, „er hatte eine ausgemacht lockere Art mit Frauen.“
Das als „Vorlesung“ angekündigte Plauderstündchen ist inzwischen völlig zerfasert. Ein Schlußakkord gelingt Baring nicht mehr: „Ich sehe an Ihrer Unruhe, daß die Zeit abgelaufen ist.“ Ralph Bollmann
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