piwik no script img

■ Tour d'EuropeDudelsäcke und Fideln

„Folk war nie tot“, sagt der Bretone Alan Stivell, „die Musik hat nur einen anderen Namen bekommen, und das Interesse hat sich von Europa nach Afrika und Jamaika verlagert.“ Stivell war zehn Jahre lang von der Bildfläche verschwunden, für den Herbst plant er wieder eine Deutschlandtournee. „Es gibt die neue Folk-Welle, die World-Musik kommt nach Europa zurück!“

Der Hamburger Labelmanager Christian Thiel hat davon noch nichts gemerkt: „Es gab ein kurzes Revival in England – aber das war vor zwei Jahren und ist längst wieder vorbei. Zur Zeit siehst du auf allen größeren Festivals nur die alten Bands, originelle neue Gruppen finde ich auch auf der Insel nicht.“ Und in Deutschland stöhnen Konzertmanager, weil die Folk-Clubs weiter sterben und Gigs nur noch in Irish Pubs zu plazieren sind. Also keine Welle!

Keine Welle, wo selbst Jodeln gerade wieder gesellschaftsfähig wird? Der Österreicher Hubert von Goisern gibt seinen „Kuahmelcher“ (CD „Omunduntn“) bis rauf nach Hamburg vor ausverkauftem Haus. Der Rock-und- Pop-Sender SWF3 hat eine Folk- Sendung neu ins Programm genommen. „Nach der Pilotsendung haben sich hier über tausend Briefe gestapelt!“

Offenbar gibt es ein Nord-Süd- Gefälle. Konzertveranstalter Peter Wennerhold: „Im Süden ist keltische Musik immer schon besser gelaufen, und zwar in der Reihenfolge irisch, schottisch, bretonisch – und Schluß!“

Warum der Norden nicht mitzieht, weiß keiner. Warum die Iren das Rennen machen, liegt nahe: Der typische Irland-Tourist liebt nämlich nicht Irland, sondern das Irland-Klischee, und glaubt deshalb an alles, was entweder sattgrün ist oder eine gälischsprechende Großmutter hat. Deshalb verkaufen die Dubliners immer noch ihre Platten.

Ein großes Problem des Folk ist immer noch das Image aus den Siebzigern: Müsli, Tee, Birkenstocksandalen – es mieft penetrant nach Räucherstäbchen. Sängerin Karen Matheson von Capercaille aus Schottland besteht deshalb auf einem anderen Etikett: „Ich kenne zuviel seichtes Zeug, das als Folk vermarktet wird. World-Musik hat auch traditionelle Wurzeln, klingt aber viel frischer und origineller. Wir sind zwar eine Folk-Band – aber wenn wir uns auch so nennen, haben wir keine faire Chance auf dem Markt.“

Daß sich das Image langsam bessert, liegt auch an dem Erfolg von MTV-Unplugged-Produktionen. Weil Folks kaum Steckdosen brauchen, profitieren sie jetzt von dem Akustiktrend. Und wenn's dann wirklich nicht gleich eine neue Welle sein soll: Seit „Mull of Kintyre“ hat es in den Charts nicht mehr so viele Dudelsäcke und Fideln gegeben – Folk-Elemente sind in den Hitparaden also zumindest nicht mehr verboten.Karl Ewald

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen