Tom Tykwer über Dreierbeziehungen: "Ankommen finden wir scheiße"

Major Tom Tykwer lotet in seinem neuen Film "Drei" Vor- und Nachteile einer Menage à trois aus. Letztlich dreht sich der Film vor allem ums Leiden am Erwachsensein.

Die Nähe der Zweisamkeit ist hier nur gefühlt, beide Männer lieben außerdem diesselbe Frau. Bild: dpa

taz: Herr Tykwer, zu Beginn bekommt Ihr Filmpaar eine ziemliche Breitseite verpasst. Die beiden sitzen im Kino, können der Handlung nicht mehr folgen und fragen sich nicht ohne Selbstironie, ob sie vielleicht zu alt fürs Kino seien …

Tom Tykwer: … und dann dreht sich ein Zuschauer um und sagt: "Wollt ihr nicht zu Hause weiter meckern, Omi, Opi."

In diesem Augenblick hat man das Gefühl, dass sich Simon und Hanna ihrer paarundvierzig Jahre plötzlich bewusst werden. Dass sie von außen betrachtet älter oder erwachsener wirken, als sie wahrhaben möchten.

Es ist die einzige Szene, in der das konkret angesprochen wird. Ich muss mich ja selber immer wieder fragen, von welchen Leuten dieser Film überhaupt handelt. Natürlich fokussiert er eine gewisse Altersgruppe, aber tatsächlich geht es um Menschen, die mit dem Zustand des Erwachsenenseins regelmäßig krisenhaft umgehen. Die mit den gesellschaftlichen und sozialen Zuschreibungen nicht umgehen wollen, die man von außen aufgedrückt bekommt. Du arbeitest in diesem Beruf, bist mit dem und dem zusammen, triffst dich mit diesen und jenen Leuten, also bist du das und das und eben erwachsen. Diese Festlegung empfinden wir als Stillstand. Da kann dein Beruf, dein Umfeld noch so interessant sein. Erwachsensein bedeutet, dass du irgendwo angekommen bist. Das finden wir scheiße.

Tom Tykwer

*****************

Stationen: Geboren 1965 in Wuppertal. Leitete ab 1988 das Moviemento-Kino in Berlin-Kreuzberg. 1992 gründete er zusammen mit Stefan Arndt die Produktionsfirma Liebesfilm. 1994 entstand (zusammen mit Arndt, Dani Levy und Wolfgang Becker) die heute noch existierende Produktions- und Vertriebsfirma X-Filme Creative Pool.

Filme: Er drehte unter anderem "Lola rennt" (1998), "Heaven" (2002), "Das Parfüm - Die Geschichte eines Mörders" (2006) und "The International" (2009). Sein erstes Langfilmdebüt war "Die tödliche Maria" (1993).

"Drei": Sein aktueller Film - mit Sophie Rois und Sebastian Schipper in den Hauptrollen - spielt in Berlin. Ein Paar aus der Berliner Kulturszene sucht für seine zwanzigjährige Liebe neue Wege. Ohne es voneinander zu wissen, verlieben sie sich beide in den Stammzellenforscher Adam (Devid Striesow). "Drei" ist ein gutaufgelegter Schauspielerfilm, der selbstironisch das klassische Paarmodell hinterfragt. Start: am Donnerstag

Kurz nach der Kinoszene hört man auch schon David Bowies Song "Major Tom", der ziemlich gut, aber auch mit einem kleinen Augenzwinkern den Gemütszustand Ihrer Helden trifft.

Weil es ein Stück über jemanden ist, der wegschwebt von allem, der die Verbindung zur Erde ganz verliert und höchstwahrscheinlich eine Art Sehnsuchts- und Projektionsfigur ist. Wir wollten damit den quintessenziellen Song finden für diejenigen, die unter dem Label des Erwachsenseins leiden. Und es ist ein Stück, das fast jede Altersgruppe cool findet. Jeder kennt es, obwohl es 40 Jahre alt ist. Man bezieht sich emotional auf den Text, ohne unbedingt den Kontext der Entstehungsgeschichte zu kennen, die ja auf Bowies Drogenerfahrung zurückgeht. Dieser Song wird vielmehr als eine Möglichkeit zum Wegfliegen wahrgenommen. Als ein Gefühl des Ungebundenseins. Wir schweben und es sind noch alle Möglichkeiten offen.

Schon kommt der Dritte im Bunde angeschwebt, fast wie eine Erscheinung aus dem Nichts. Er wird auch die Festlegung als Paar in Frage stellen und trägt den bedeutungsschweren Namen Adam. Beginnt nun eine neue Erzählung?

Die Namen, das sind so Schnapsideen, die einem beim Schreiben kommen und die man dann behält, weil einem auch nichts Besseres einfällt. Ich habe gar keinen großen Bezug dazu. Aber es entsteht so doch ein höheres Kohärenzgefühl. Natürlich ist dieser Adam eine Figur, die in den Film wie ein Mirakel eintritt, eine Projektionsfigur, an der sich Hanna und Simon im positiven Sinne abarbeiten. Er will ja auch diese Fläche sein, will ein Geheimnis um sich bauen, um ein offeneres Lebensmodell fahren zu können. Er betreibt den Rückzug von allen Verbindlichkeiten und verweigert sich auch ganz offensichtlich durch seine Kleidung und Einrichtung jeglicher Zuordnung. Aber der Film, der ja nicht zufällig "Drei" heißt, trifft die sehr bewusste Entscheidung, sich um alle drei Figuren auch zu kümmern. Deshalb wird Adam innerhalb seiner eigenen Fiktion eine Figur aus Fleisch und Blut. Er kriegt ja fast mehr Historie, Wurzeln und Hintergrund als alle anderen und wird dadurch irgendwann zum Mitspieler.

Zum Mitspieler in einem Film, der auch eine Komödie ist und der mit seinem Tonfall an die Hollywood-Screwball-Comedys der 1930er und 1940er Jahre erinnert.

Ohne dass wir uns jetzt noch einmal die Filme von Preston Sturges oder Ernst Lubitsch angeschaut haben, nehmen wir natürlich Bezug darauf. Aber das hängt auch mit Sophie Rois zusammen, die so unglaublich auf die Tube drücken kann, die ein wunderbares Timing und Tempo hat. Man kann für sie einfach tolle, aberwitzige Texte bauen, die sie sich ummoduliert, dass sie runtergehen wie Butter. Obwohl sie sich furchtbar kryptisch lesen. Schaut man sich zum Beispiel die Drehbücher von Sturges an, nehmen die Dialoge teilweise halbe Seiten ein, werden aber in 10 Sekunden runtergespult. Wenn das jemand wie Sophie kann, vermag sie die anderen und auch das Publikum mitzureißen. Dieser Film möchte eben auch unterhalten, ohne sich dabei vor den anstrengenden Sachen zu verstecken.

Die Dreicksbeziehung ist ja ein Thema, das der Screwball-Comedy auch nicht ganz unbekannt war. Wie dieses Genre überhaupt seiner Zeit voraus war - man muss nur an die Männer in Frauenkleidung, an den Geschlechterdiskurs innerhalb dieser Komödien denken.

Die Geschlechterfragen, das Spiel mit den Identitäten, die grundsätzliche sexuelle Debatte, die die ganze Zeit auch in unserem Film mitschwingt, faszinieren mich einfach. Auf allen Ebenen, deshalb besuchen Hanna und Adam auch Robert Wilsons Inszenierung von Shakespeares "Sonetts" - auch dort ging es um die Auflösung der Geschlechter. Danach ist Adam mit einer Schauspielerin verabredet, die einen Mann spielt. Noch dazu arbeitet er in der Stammzellenforschung. Das alles spiegelt unsere widersprüchliche Zeit. Philosophie und Forschung sind im Themenbereich der Genderfragen sehr weit fortgeschritten, doch unsere Alltagskultur wird wieder repressiver und konservativer. Das ist sicher ein sehr schleichender Prozess, der mir durch den Film aber bewusster geworden ist, als etwas, was uns alle wieder eingeholt hat. Die bürgerliche Kleinfamilie ist wieder ins Zentrum aller Planungen gerückt.

In manchen Momenten versuchen Sie, die Geschlechterdebatte auch zu theoretisieren. Etwa in der Talkshow, wenn der weibliche Studiogast sich auf Judith Butler bezieht. Ich fühlte mich in diesen Momenten ein wenig belehrt.

Ich frage mich, warum solche Texte im Kino so schnell Aversionen auslösen. Denken spielt in diesem Film eine große Rolle. Das passiert nicht alles aus Instinkt, das sind doch Leute, die sich eben auch intellektuell mit Gegenwartsfragen auseinandersetzen. Das schießt doch nicht nur so rein, sondern gehört zu ihrer Persönlichkeit. Ich würde gerne den Widerstand gegen so was aufbrechen, weil solche Gespräche doch auch zu unserem Alltag gehören. Man spürt, dass sich die Figuren in diesem Diskurs zu Hause fühlen, dass sie von dieser Sprachlichkeit nicht überfordert sind. Im Gegenteil, es findet auf ihrer Augenhöhe statt. So wird das Thema für mich spielerisch auf eine andere Ebene gebracht, und eine Art Überbau entsteht. Oder umgekehrt. Man befindet sich gerade in einer bestimmten Situation, denkt über gewisse Fragen nach, wie Hanna und Simon über ihr Lebensmodell, und plötzlich korrespondiert alles mit diesem Thema. Man geht ins Theater, liest ein Buch und findet überall Parallelen zu sich selbst.

Deshalb verschlägt es der von Sophie Rois gespielten Talkmasterin mitten in ihrer Sendung plötzlich die Sprache, weil sie sich mit ihrer eigenen Lebenssituation konfrontiert sieht?

"Drei" ist von einem optimistischen Grundton getragen. Dennoch sind wir alle entspannt genug, um mit einem eher spielerischen Zugang zu den Möglichkeiten unserer Lebensweise umgehen zu können. Der Film will sich dem unangestrengt annähern, aber trotzdem keine Typen zeigen, die unheimlich locker sind, alles so cool draufhaben. Die drei Figuren sind ja auch gestresst, aus Gründen, die ich sehr nachvollziehbar finde. Es ist ja nicht so, dass ich das Monogamieversprechen absurd finde. Ich bin persönlich damit einverstanden, und in unserer Sozialisierung ist es doch die einzige Verabredung, mit der wir umgehen können. Dennoch möchte der Film eine gewisse Stimulanz bewirken. Den Figuren widerfährt da einfach etwas. Sie probieren etwas aus, riskieren Dinge und geraten dadurch in Situationen, für die wir, glaube ich, ins Kino gehen.

Also ist "Drei" kein Botschaftsfilm für die Menage à trois …

Nein. Aber es ist ein Wahnsinn, wie häufig ich direkt am Anfang von Interviews gefragt werde, ob wir jetzt alle Dreierbeziehungen machen sollten. Der Film ist ein Fragezeichen, ein hoffentlich amüsantes. Und der dramaturgische Höhepunkt ist, wenn die drei sich wirklich begegnen. Alles, was danach kommt, ist ein hoffnungsvoller Epilog.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben