Thierse über die Jammerossis: "Brutalisierung nicht zulassen"

Laut einer Studie fühlen sich Ostdeutsche immer noch benachteiligt. Bundestagsvize Wolfgang Thierse findet, dass Ostdeutsche nicht zweitklassig, sondern in ihrer Selbstwahrnehmung gefangen sind.

Anscheinend doch. Bild: dpa

taz: Herr Thierse, fast 20 Jahre nach dem Mauerfall fühlen sich noch drei Viertel der Ostdeutschen benachteiligt - der Jammerossi lebt, oder?

WOLFGANG THIERSE, 65, ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

Wolfgang Thierse: Na ja, aber der Befund ist nicht neu. Das ist nicht das Aufregende der Bielefelder Studie.

Finden Sie? Drei Viertel der Ostdeutschen, das ist doch eine unglaubliche Zahl.

Sich als zweitklassig zu empfinden ist für die Ostdeutschen wie ein Gefängnis ihrer Selbstbeurteilung. Sie sehen nicht, welche Chance in der gemeinsamen Demokratie steckt. Natürlich: Die Arbeitslosigkeit ist im Vergleich zum Westen doppelt so hoch in Ostdeutschland, Löhne und Gehälter sind niedriger. Die Mehrheit der ostdeutschen Rentner empfindet auch die Rente als Unrecht.

Aber gerade Rentner im Osten haben doch von der Einheit profitiert, weil sie so lange Berechnungszeiten für ihre Rente nachweisen konnten.

Das ist der Punkt: Dieses Selbstbeurteilungsklischee "Wir sind Deutsche zweiter Klasse" ist so ein starkes Korsett, dass die Tatsachen nicht mehr wahrgenommen werden, die dieses Zurücksetzungsgefühl relativieren. Beispiel Rente: Hinsichtlich der Bewertungspunkte stehen die Ostdeutschen meist schlechter da. Bezüglich der gesetzlichen Rente aber sind sie nicht schlechter dran als der Westen. Nur sehen die Rentner im Osten auch, dass die Menschen im Westen noch andere Alterseinkünfte haben.

Was hat dieses Gefühl der Benachteiligung für Folgen?

Es sind zum Teil ganz eigentümliche. So gibt es mehr Islamophobie in Ostdeutschland bei viel weniger Muslimen dort. Es gibt eine deutlich höhere Abwertung von Obdachlosen, obwohl Ostdeutsche im Schnitt mehr von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Dabei haben wir Ostdeutsche doch immer geglaubt, wir hätten ein großes Solidaritäts- und Gerechtigkeitsgefühl! An dieser Stelle können wir uns nicht mit sozialökonomischen oder sozialpsychologischen Erklärungen zufriedengeben. Hier muss man reden über die kulturelle, ideelle und moralische Vorgeschichte in Ostdeutschland - und die Nachwirkungen der DDR auch.

Trägt für diese Phänomene die Politik Verantwortung - oder eher die Gesellschaft?

Es gab ja eine massive finanzielle Solidarität mit dem Osten, die die Brutalität des wirtschaftlichen Umbruchs gemildert hat. Ich kann nicht sehen, dass die Politik an dieser Stelle mehr hätte tun können.

Die Bielefelder Forscher befürchten aber auch, die Menschenfeindlichkeit könnte mit der beginnenden Rezession weiter zunehmen. Teilen Sie diese Befürchtung?

Da die Forscher die Feindlichkeit rückbeziehen auf die ökonomischen und sozialen Bedingungen, ist diese Befürchtung zu teilen. Dort steckt die eigentliche politisch-moralische Herausforderung. Sie betrifft nicht nur die Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft: gerade angesichts schwieriger ökonomischer Verhältnisse nicht eine Brutalisierung der menschlichen Beziehungen zuzulassen.

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