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Theresa Hannig Über MorgenSlay! Dank Memes und Emojis wird Sprache endlich zu einer wirklich globalen Verständigungsform

Die Autotür schlägt zu, und die Worte hallen noch in meinem Kopf: „Mami, Bro, Cinema. Ich weiß, du warst am Grinden und hast trotzdem meine Sidequest gecarried. Aura +1000, no cap.“

Während mein Sohn über den Parkplatz zur Schule rennt, überprüfe ich mithilfe meines KI-Assistenten, was er wohl gemeint hat. Neben mir sitzt mein zeitreisender Freund Felix und lacht.

„Diese Jugendsprache versteht doch kein Mensch!“, schimpfe ich.

„Sollen alle so reden wie du in den 1990ern?“

„Nein … aber vielleicht einfach weniger Unsinn? Ein Wort, das tausend Sachen impliziert, und dazu diese Füllwörter: Ey Digga, Abi, Bratan, Bre, ich geh gleich crash out.“

Felix verzieht das Gesicht. „Goethe hätte gesagt: Was wird mir jede Stunde so bang? Das Leben ist kurz, der Tag ist lang.“

„Das ist Vintage!“

„Dir kann man heute auch gar nichts recht machen.“

„Ich mache mir Sorgen! Die Alten schimpfen seit Jahrtausenden über die Jugend. Aber was, wenn wir dieses eine Mal recht haben?“

„Keine Angst. Daran wird die Zivilisation nicht zugrunde gehen“, sagt Felix. „Im Gegenteil: Durch die aktuelle Jugend- und Onlinekultur wird Sprache endlich zu einer globaler Verständigungsform! Das Internet sorgt dafür, dass erstmals in der Geschichte eine Generation über alle Kontinente hinweg einen Großteil ihrer Sozialisierungserfahrung teilt: Weltgeschehen, Stars, Musik, Filme, Games. Fakt ist, dass es bei jungen Menschen aus Deutschland, Senegal und den Philippinen eine große Schnittmenge an ähnlichen popkulturellen Erfahrungen gibt. Die daraus entstehende Meme-, Emoji- und Sprachkultur wird zur Basis eines völlig neuen Internet-Vernakulars.“

„Eines was?“

„Ich meine eine gemeinsame Sprache, eine globale Metaebene, eine Möglichkeit, unabhängig von der Muttersprache Intentionen, Absichten, Emotionen oder implizite Kontexte zu transportieren.“

„Aber ich kann doch nicht mit ‚slay, girl, you’re so GOAT‘ über komplizierte Fachthemen sprechen.“

„Das nicht, aber du kannst damit global verständlich Subtext vermitteln, der sonst bei der Übertragung von einer Sprache in die andere verlorenginge. Denn durch die Normalisierung von KI-Übersetzungen lernen immer weniger Menschen Fremdsprachen und verlieren dadurch den unmittelbaren Zugang zu anderen Kulturen.“

„Ach, und das ist auch der Grund, warum es so viel einfacher ist, mit meinen chinesischen Kol­le­g*in­nen zu chatten, als E-Mails zu schreiben?“, frage ich. „Beim Chatten benutzen wir ständig Emojis und Memes.“

Durch das Internet teilt erstmals eine Generation über alle Kontinente hinweg einen Großteil ihrer Erfahrungen

„Genau!“, sagt Felix. „Und in Zukunft wird das noch viel intensiver. Denk nur an die Unmengen an Subtext, die du heute schon mit Begriffen wie ‚NPC‘, ‚Winter is coming‘ oder ‚This is fine‘ transportierst. Das Internet-Vernakular dient als Brücke zwischen den Sitten und Gebräuchen unterschiedlicher Kulturen und übernimmt online die Rolle, die im analogen Gespräch die nonverbale Kommunikation spielt.“

„Und das funktioniert dann in Zukunft auch zwischen Erwachsenen und Teenagern?“, frage ich.

„Nein, Sinn der Jugendsprache ist ja, sich von den Alten abzugrenzen und von ihnen nicht verstanden zu werden. Aber mach dir nichts draus: Im Jahr 2126 ist kaum etwas altmodischer als Worte aus der Mottenkiste des Tiktok-Zeitalters: ‚Sis, ich brauch meine Meds, sonst ist mein Gehirn AFK‘ sagen literally nur Greise.“

Theresa Hannig, 42, ist Science-Fiction-Autorin, Politikwissenschaftlerin, Grünen-Stadträtin und ehemalige Softwareentwicklerin.

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