Therapeut über den Sommer für Paare: „Ich rate zum Erlebnisurlaub“

Homeoffice und ständiges Aufeinanderhocken hat vielen Paaren nicht geschadet, sondern eher gut getan, sagt Paarexperte Eric Hegmann.

Ein Paar sitzt am Strand

Ein Traum für glückliche Paare: gemeinsam erholen vom Homeoffice Foto: Gregor Fischer/dpa

taz: Herr Hegmann, in Zeiten von Corona sind Paare gezwungen, enger und länger zusammen zu sein als gewöhnlich. Ist das für Paare eine besondere Herausforderung?

Eric Hegmann: Für viele mehr eine Chance als eine Herausforderung.

Sind ständiges Aufeinanderhocken und Homeoffice für Paare also keine Belastung?

Für viele nicht. Einer Studie der Partnervermittlung Parship zufolge rückt mehr als der Hälfte aller Paare in dieser Pandemie näher zusammen und empfindet die größere Nähe nicht, wie man vermuten könnte, als Belastung. Im Gegenteil: Die Bindung zwischen den Partner*innen ist dadurch eher stärker geworden.

Aber nun sollen sie auch noch zusammen Urlaub machen. Geht man sich irgendwann nicht fürchterlich auf die Nerven?

Für die Paare, die den Lockdown gut überstanden haben, ist ein gemeinsamer Urlaub wahrscheinlich ein Traum, so nach dem Motto: Die neue Freiheit haben wir uns gemeinsam verdient. Die meisten Paare klagen ja sonst, dass sie viel zu wenig Zeit füreinander haben. Durch Corona haben sie gelernt, sich zu arrangieren, gut miteinander auszukommen.

Arrangement klingt mehr nach Pragmatismus als nach leidenschaftlicher Liebe.

Paare, die gemeinsam eine Krise durchgestanden haben, gehen gestärkt daraus hervor. Das gibt Vertrauen und Stärke. Das ist in jedem Fall positiv für einen entspannten Urlaub.

Es gibt aber auch Menschen, die die Pandemie nicht so gut wegstecken und durchdrehen, wodurch die Beziehung belastet wird.

54, ist Paartherapeut in Hamburg

Das sind in der Regel Paare, die vorher schon ungelöste Konflikte hatten. Diese werden durch Corona nur verstärkt. Der Parship-Studie zufolge sind das etwa 30 Prozent. Das verwundert nicht und korreliert mit der Scheidungsquote des Statistischen Bundesamts von rund 30 Prozent.

Sollten diese Paare getrennt Urlaub machen?

Wenn sie sich nicht ohnehin schon getrennt haben … Heute einen Urlaub gemeinsam oder getrennt zu verbringen, ist mittlerweile eine Frage des Aushandelns. Viele Paare machen das grundsätzlich so: ein gemeinsamer größerer Urlaub und getrennt kleinere Trips mit Freundinnen und Freunden. Manche Paare meistern ihren gemeinsamen Alltag gut, machten aber lieber auch mal getrennt Urlaub, weil sie Abstand brauchen.

Viele Paare erhoffen sich vom Sommerurlaub Highlights wie Harmonie, Hammererotik, Spaß. Nicht wenige werden in dieser Hoffnung selbst in normalen Zeiten enttäuscht, weil im Urlaub unterdrückte Konflikte aufbrechen. Wie ist das in Zeiten von Corona?

Solche Enttäuschungen kann Corona verstärken, die Pandemie ist für viele so etwas wie ein emotionaler Ausnahmezustand: Man hat Angst um die eigene Gesundheit, Angst um den Partner, die Partnerin. Das kann dazu führen, dass Menschen in allen ihren Verhaltensweisen extremer reagieren.

Also entweder noch mehr Hoffnung auf einen grandiosen Urlaub? Und andererseits die noch größere Enttäuschung?

Für die einen gilt: Alles, was Paare sonst in den Urlaub legen – so was wie „Jetzt reden wir mal nur über uns und unsere Gefühle“, noch mehr Sex, viel mehr Nähe –, ist durch Corona längst passiert. Das ist eine gute Voraussetzung für einen entspannten Urlaub. Die anderen, die Krisenbelasteten, tappen öfter mal in die Erwartungsfalle, dass alles supertoll wird. Diese Hoffnung kann nur enttäuscht werden.

Zu welcher Art Urlaub raten Sie glücklichen Paaren in diesem Sommer?

Ich kann mir vorstellen, dass der Erlebnisurlaub für viele spannend ist: Bewegung, Aktivitäten, viel Abwechslung. An einem Fleck waren sie jetzt lange genug.

Wenn das möglich ist in diesem Jahr.

Klar, die Beschränkungen und die Vorsicht vieler Menschen dürfte auch einen Erlebnisurlaub einschränken.

Wie ist das für Paare mit Kindern?

Eltern dürften froh sein, wenn sie mit den Kindern wegfahren und die Kinder sich mal so richtig austoben können. Das ist auch eine Chance für die Mütter und Väter, sich wieder als Paar zu empfinden.

Wie wirkt sich der Stress mit Homeoffice und Homeschooling auf Eltern aus?

Der Stress war für die meisten enorm. Aber den meisten Eltern als Paar hat das nicht so geschadet, wie befürchtet worden ist.

Woher wissen Sie das?

Dazu laufen gerade Umfragen, ich kenne noch keine genauen Ergebnisse. Aber das, was man bislang weiß, ist positiver als erwartet.

Wie sollten Familien in diesem Sommer Urlaub machen?

Viele Eltern dürften auf die Idee kommen, so Ferien zu machen, dass die Kinder viel Spaß haben und sie sich selbst als Paar erleben und nicht nur reduziert auf die Rolle als Ernährer*innen, Pädagog*innen, Lehrer*innen.

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