■ Zu Rjurik Iwnew: „Tagebuch vor 33“
Für Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es nur wenige Dokumente, die Lebensbedingungen und Alltag von Homosexuellen in Rußland beschreiben. Der beste und offenste Bericht findet sich in den Tagebüchern und der Lyrik des Dichters Mikhail Kusmin. Darüber hinaus existieren verstreute Hinweise in der Memoirenliteratur und in einigen literarischen Arbeiten.
So beschreibt beispielsweise der Dichter Georgi Iwanow in seinem Roman „Das dritte Rom“ die folgende Szene: „Snetkow trug ein paillettenbesetztes Kleid, eine Perücke und einen falschen Busen. Jemand warf Welski eine Handvoll Konfetti ins Gesicht, ein anderer hielt ihm ein Glas hin und füllte es mit Champagner, daß es ihm über Manschetten und Hand strömte. Snetkow lehnte sich weinselig zu Welski hinüber, flüsterte ihm unverständlichen Unsinn ins Ohr und schleifte ihn dann durch die Menge in eine Ecke in der Nähe des Pianos, wo ein Matrose auf dem Hocker saß, der, obwohl halb betrunken, seine Verlegenheit immer noch nicht ganz überwunden hatte; offenbar der ,Star‘ des Abends – und wirklich sehr hübsch. Auf dem Piano klimpernd, sang ein berühmter Dichter ,Zwischen einer Frau und einem jungen Mann / seh' ich keinen großen Unterschied / Nur einen kleinen, nur einen kleinen ...‘ und lispelte dabei und unterschlug die R. Nach jedem Halbsatz blickte er dem Matrosen mit überheblicher Zuneigung in die hellblauen, leicht geschlitzten Augen.“
Im Portrait des singenden Dichters ist Kusmin einfach zu erkennen. Auch Georgi Iwanow gehörte zu den regelmäßigen Besuchern solcher Salons.
Der Lyriker Rjurik Iwnew, dessen wirklicher Name Mikhail Kowalew war, gehörte zur literarischen Bohème Rußlands und war ein enger Freund von Sergei Jesenin und Nikolai Klujew. Er lebte von 1891 bis 1981. Die beiden großen Schriftsteller Jesenin und Pawel Wasiljew, mit denen er gut bekannt war, waren beide jünger; er hatte beide entdeckt, und ihre Arbeiten hatten großen Einfluß auf ihn. Wie der größte Teil der russischen Prosa dieser Zeit hatten auch ausdrücklich schwule Texte wenig von dem heute gängigen Naturalismus. Um so interessanter sind diese bisher unpublizierten Auszüge aus Rjurik Iwnews Tagebüchern von 1930 bis 31, auch wenn sie mehr ein menschliches als ein literarisches Dokument darstellen.
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