Täuschungsfall beim Deutschlandfunk: Betrug beim Dlf aufgeflogen
Der Sender trennt sich von einem jahrelangen Mitarbeiter. Er hatte seine O-Töne nicht selbst aufgenommen und das nicht transparent gemacht.
Dieser Vorfall lässt auf den ersten Blick an den Betrug von Claas Relotius denken: Beim Deutschlandfunk hat ein langjähriger Mitarbeiter seinen Arbeitgeber getäuscht. Es handelt es sich um einen freien Reporter, der gut zwei Jahrzehnte für das Deutschlandradio (Dlf) gearbeitet hat und bis zuletzt aus dem europäischen Ausland berichtete.
Die Beiträge des Journalisten waren zwar nicht erfunden, doch er verwendete O-Töne aus anderen Medien und kennzeichnete diese nicht. Hinzu kommt: Der Reporter nutzte atmosphärische Elemente in seinen Reportagen, die den Eindruck erweckten, er sei tatsächlich vor Ort gewesen – was jedoch im vergangenen halben Jahr nicht der Fall war. Der Journalist soll aus einer „persönlichen Notlage“ heraus gehandelt haben, wie er gegenüber der Medienseite Übermedien sagte. Mittlerweile hat sich der Dlf von seinem Mitarbeiter getrennt.
Ein neuer Relotius? Claas Relotius hatte mehrere Jahre gefälschte Reportagen an den Spiegel und andere Medien verkauft, hatte Protagonisten und Szenen erfunden. Damit blieb er auch lange Zeit unentdeckt – bis sein Kollege Juan Moreno seinen Betrug aufdeckte.
Kein zweiter Relotius
Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien sagt klar: „Der Fall ist kein zweiter Relotius.“ Denn im Falle des Dlf-Reporters stimmen die Fakten. Trotzdem hat er den Sender betrogen.
Wie will sich der Sender künftig vor Betrug schützen? Seit 2014 existiert ein journalistisches Selbstverständnis des Deutschlandradios. Dieses deckt, so Wentzien, Interessenkonflikte von Journalistinnen und Journalisten ab, wenn es um Verbindungen zu Parteien und anderen Organisationen geht. Nur reicht das nicht mehr aus. An einer Neufassung dieser Leitlinien wird deshalb aktuell gearbeitet. Künftig wolle man ein Rechercheprotokoll von Journalistinnen und Journalisten verlangen, das Kontaktdaten, Fotos und Quellen dokumentiert. „Wir erwarten, dass unsere Autorinnen und Autoren ihre Arbeit jederzeit dokumentieren können.“
Zusätzlich soll eine Ombudsperson für das Deutschlandradio ernannt werden, „die auch selbst Stichproben machen kann, wenn ein Verdacht besteht“, sagt Wentzien. Dasselbe plante auch der Spiegel nach Relotius.
Ein zweiter Relotius ist beim Dlf wohl nicht aufgeflogen. Aber vielleicht hat sich eine neue Chance aufgetan, über das Problem der unsauberen Recherchen und des zunehmenden Drucks in der Branche zu sprechen.
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