TV-Reportage über Sexismus: Herr Eppert sucht nicht mehr

Thorsten Eppert hat vier Jahre lang bei ZDFneo die großen Fragen des Lebens erkundet: Liebe, Glück, Geld, Tod. Nun wechselt er das Format.

Skaterin und Aktivistin Anna Gross und Thorsten Eppert. Bild: ZDF/Adrian Stangl

Bei dem Satz mit der Dusche kann er nicht ernst bleiben. Thorsten Eppert steht am Elbstrand in Hamburg und grillt mit einer Männerrechtsgruppe. Auf dem Rost liegen Würste, es gibt Bier, hinter ihnen fahren die Fähren ein.

Warum er Männeraktivist wurde, fragt Thorsten Eppert einen der Mitgriller. Der antwortet: Er habe früher im Unisport einmal nicht duschen dürfen, weil eine „universitätsfremde“ Frau in den gemischten Duschen stand. „Der Auslöser war das Duschen?!“, fragt Eppert ungläubig und verschluckt das Satzende in einem Lachen.

Ein paar Wochen später sitzt Thorsten Eppert in einem Café im Hamburger Schanzenviertel. Kapuzenpulli, Wollmütze, Dreitagebart. „Mich hat die Duschgeschichte tatsächlich überrascht. Es war nicht so, dass ich ihn nicht ernst nehmen wollte, aber ich fand das einen ziemlich kleinen Auslöser.“ Aber wahrscheinlich, schiebt er hinterher, seien es meistens kleine Anlässe, die einen zu Engagement trieben. Eppert spricht nicht schlecht über seine Protagonisten.

Er gehört zu den jungen Moderatoren, die das ZDF in den vergangenen Jahren in die Spartenkanäle geschoben hat. 23 Folgen lang hat er vor der Kamera gesucht: die Liebe, das Glück, die Demokratie, das Geld. „Herr Eppert sucht“ ist nach drei Staffeln ausgelaufen. Im März startete der Nachfolger, mit neuem Titel, aber ähnlichem Konzept. „Herr Eppert, wie sexistisch sind wir?“, heißt die Folge, die heute bei ZDFneo läuft.

„Wie sexistisch sind wir?“, Donnerstag, 23.15 Uhr, ZDFneo.

Weniger Krawall

Von all diesen jungen Neo-Gesichtern, den Sarah Kuttners, Joko und Claas’ und Manuel Möglichs hat Eppert bei dem Sender am konstantesten durchgehalten. Das liegt vermutlich daran, dass er auf seinem versteckten Sendeplatz lange Zeit hatte, sich auszuprobieren. Und daran, dass Eppert anders Fernsehen macht, als die anderen Jungen: weniger Krawall, weniger Schreihals, dafür angenehm locker und echt.

Eppert ist eher der nette Sozialarbeiter als der knallharte Journalist. So jung ist er mittlerweile auch gar nicht mehr, aber mit 42 Jahren gehört man beim ZDF eben immer noch zum Nachwuchs – und so gibt er sich auch. Er redet gern und viel, sagt „ey“ und „krass“ und „ich will wissen, was so abgeht“, ist aber ganz freundlich und zugewandt – auch bei seinen Protagonisten. Er begegnet ihnen unvoreingenommen und neugierig. Schwierige Zusammenhänge bricht er auf leichte Fragen herunter. „Ich will wirklich verstehen. Dafür muss man nicht immer die ganz große Show machen. Die interessantesten Geschichten sind vor der Haustür.“

Zum Journalismus kam er während seines VWL-Studiums in London, Ende der 1990er Jahre. Er schrieb Texte für einen Online-Reiseführer, ging zum ZDF, als Redakteur im In- und Ausland. Ein ZDFneo-Redakteur fragte ihn schließlich, ob er sich auch vorstellen könne, vor der Kamera zu stehen. Zusammen entwickelten sie „Herr Eppert sucht“. „Am Anfang war das sehr aufwendig, wir hatten keine Ahnung, wie viel Material wir brauchen. Also lief die Kamera ständig mit“, sagt er. Heute sei er gelassener, aber immer noch Perfektionist. Das heißt: Eine Folge, von der Entwicklung bis zur Fertigstellung dauert etwa sechs Monate. Eppert führt keine Vorgespräche mit den Protagonisten, sondern lernt sie erst beim Dreh kennen. Das ist ungewöhnlich im Fernsehgeschäft. Eppert ist es wichtig, damit die Gespräche wirklich authentisch sind.

Für die Sexismussendung trifft er Skaterjungs und -mädchen, Managerinnen in ihrem Büro, läuft mit einem schwulen Paar, das zwei Kinder erzieht, durch die Straßen und begleitet Frauen, die ein feministisches Pornoheft machen, zum Dreh. Dabei sein ist Epperts Konzept. Da macht es auch nichts, wenn das Bild zu hell ist, die Geräusche im Hintergrund zu laut sind oder die Hauptperson unscharf ist.

Seine Rolle als Reporter vergleicht er mit der, die er als Sanitäter im Zivildienst hatte: „Ich hab einen professionellen Panzer um mich herum. Es gibt selten Situationen, die mich aus dem Konzept bringen.“ Außer beim Dreh in einem Kinderhospiz für die Sendung zum Thema das Böse. „Als mir ein Mädchen von ihrem Tumor im Kopf erzählt hat, da war es vorbei.“ Eppert hat selbst zwei Töchter.

Kein festes Format

Im vergangenen Jahr war die Sendung für den Grimme Preis nominiert, in der Kategorie Unterhaltung. „Die Sendung ist vielleicht unterhaltend, aber sie ist keine reine Unterhaltung. Sie ist ja auch Information, aber auch nicht nur.“ Eppert will Geschichten erzählen – und die können auch mal scheitern. In den Folgen zum Thema Sucht, die noch in der Mediathek zu sehen sind, versucht er 24 Stunden lang die Exalkoholikerin Jenny Elvers zu interviewen. Elvers versetzt ihn, ist zickig und genervt. Eppert lässt die Kamera laufen, am Ende sieht man ihm seinen Frust an. Am nächsten Tag klappt das Interview dann doch – mit einer ganz handzahmen Jenny Elvers.

Die heutige Folge ist die letzte ihrer Art. Eppert steht mittlerweile mehr hinter der Kamera, in seiner eigenen Produktionsfirma. Er möchte neue Formate entwickelt und mal wieder im Ausland drehen. Herr Eppert hat noch viel vor.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de