TU-Studie zu Antisemitismus in Schulen

Holocaust zu selten Schulstoff

Eine Studie zu Antisemitismus in Schulen sieht Nachholbedarf. Das betrifft insbesondere Schulbücher und die Lehrpläne.

Schüler zwischen den Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals Foto: Christian Jungeblodt

Eine Zahl machte am Wochenende die Runde: 40 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland, hatte der Fernsehsender CNN in einer repräsentativen Umfrage unter jungen EuropäerInnen ermittelt, wissen nach eigener Einschätzung wenig bis gar nichts über den Holocaust. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass das Thema im Schulunterricht erstaunlich stiefmütterlich behandelt wird – und auch Berlin hat Nachholbedarf, wie eine am Montag veröffentlichte Studie „Antisemitismus in der Schule“ der Technischen Universität Berlin und der Justus-Liebig-Universität ­Gießen argumentiert.

Beispiel Schulbücher: Berlin stellt es, wie auch Hamburg, das Saarland und Schleswig-Holstein, den Schulen frei, das passende Material auszuwählen. „Lehrmittelfreiheit“ heißt die Fachvokabel. Die AutorInnen der Studie sehen darin indes „eine eklatante Überforderung der Schulen“. Die Schulen könnten „schon aus zeitlichen Gründen“ kaum „prüfen, inwieweit die jeweiligen fachlichen und didaktischen“ Vorgaben des Lehrplans erfüllt würden.

Abgesehen davon verfügten „viele deutsche Schulbücher mit Blick auf das Themenfeld Antisemitismus nach wie vor über Mängel“, sagen die AutorInnen unter Berufung auf eine Studie von 2018, die 158 Schulbücher hinsichtlich ihres Israelbilds untersucht hatte. Fakten seien fehlerhaft, die Didaktik „wahlweise überwältigend oder unterfordernd“.

In der Bildungsverwaltung von Senatorin Sandra Scheeres (SPD) hat man indes Vertrauen in die Kompetenz der FachlehrerInnen und Schulbuchverlage und sieht zunächst keinen Handlungsbedarf: „Wir gehen davon aus, dass wir Hinweise bekommen, wenn ein Thema nicht so abgehandelt wird, wie es sein sollte. Der Rahmenlehrplan gilt“, sagte eine Sprecherin am Montag.

Nahostkonflikt nur „optional“ Thema

Tatsächlich sieht die Studie auch da Verbesserungsbedarf. Das Thema Nahostkonflikt etwa finde in den Lehrplänen nur „optional“ in den Jahrgangsstufen 9/10 statt. Allerdings ist Berlin da noch besser als das Gros der Länder: Nur Bayern hat den Nahostkonflikt verpflichtend im Lehrplan verankert. Scheeres’ Sprecherin betont indes, der Berliner Rahmenlehrplan sei „kompetenzorientiert“ ausgelegt. Die LehrerInnen seien also frei, „auf aktuell-politische Sachlagen zu reagieren“. In Geschichte könne man zum Beispiel das allgemeine Thema „Konflikte und Konfliktlösungen“ am Nahostkonflikt „konkretisieren“.

Allerdings müssen die LehrerInnen dafür selbst viel über ein schwieriges Thema wissen: 2017 hatte eine stichprobenartige Befragung des American Jewish Committee an 21 Berliner Schulen gezeigt, dass LehrerInnen sich gerade beim Thema Nahostkonflikt und muslimisch motiviertem Antisemitismus überfordert fühlen.

LehrerInnen sind überfordert von muslimischem Antisemitismus

Vorbildlich sei Berlin allerdings hinsichtlich des „präzisen Erhebungs- und Meldesystems“ für antisemitische Vorfälle, lobt die TU-Studie. Auch die bundesweit einmalige Stelle der Antidiskriminierungsbeauftragten für Schulen sei vorbildlich.

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