: THEATER
TheaterEsther Slevogtbetrachtet das Treiben auf Berlins Bühnen
Der Mann gehört zu den akademischen Riesen der Nachkriegszeit, der Romanist Karl Robert Jauss, 1921 geboren. An der Universität Konstanz hat er die Rezeptionsästhetik begründet, eine Art interaktives hermeneutisches Konzept. Seine Antrittsvorlesung als Professor in Konstanz machte ihn 1967 zum internationalen Star der Literaturtheorie. Was Jauss jedoch verschwieg, war seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS, die erst wenige Jahre vor seinem Tod bekannt wurde. Wie auch ein genereller nationalsozialistischer Übereifer des jugendlichen Gauss, der Gegner auch schon mal ins KZ expedieren ließ. Der Konstanzer Jurist und Theaterkritiker Gerhard Zahner hat die Causa Jauss noch einmal nachrecherchiert und die Ergebnisse unter der Überschrift „Die Liste der Unerwünschten“ in einem Monolog zusammengefasst. Im November 2014 wurde der Text im Audimax der Uni Konstanz uraufgeführt – inszeniert von Film-und Theaterregisseur Didi Danquart, der die Sache unter der Überschrift „Die Antrittsvorlesung“ auch zu einem Film verarbeitet hat und, wie es kaum anders zu erwarten war, mit beidem nicht nur in Konstanz ziemlich angeeckt ist. Denn an akademischen Denkmälern darf nicht gerüttelt werden! Am 27. Januar (dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz) zeigt das Theater an der Parkaue Danquarts Inszenierung als einmaliges Gastspiel: im Prater in der Kastanienallee, wo das Lichtenberger Theater umbaubedingt untergekommen ist (Theater an der Parkaue, Spielort Prater: „Die Antrittsvorlesung“, 27. 1., 19 Uhr, mit anschließendem Publikumsgespräch).
Nicht ganz korrekt war auch die offizielle Biografie von Demetrius dargestellt, zumindest in Schillers gleichnamigem Dramenfragment, das die Geschichte eines falschen russischen Zaren erzählt, der sich nichtsdestotrotz für den richtigen hält. Der Regisseur Georg Scharegg vom Theaterdiscounter erkennt in Schillers Figur nun Parallelen zu heutigen Identitätsjongleuren und Meinungsmanipulatoren, wie sie das Netz-Age hervorgebracht hat. Also Trolle, und zwar staatlich gelenkte, die ins Internet gejagt werden, um den Meinungsmarkt und die Richtung öffentlicher Debatten zu manipulieren. Massenhaft konnte diese neue Art von Informationskriegsführung unter anderem während der Ukrainekrise beobachtet werden. (Theaterdiscounter: „Demetrius / Trollfabrik“, 21.–24. 1., jeweils 20 Uhr).
Etwas ganz anderes, nämlich „Bilder einer großen Liebe“, zeigt das Hans Otto Theater in Potsdam. Tobias Wellemeyer inszeniert den Stoff von Wolfgang Herrndorfs letztem Roman, an dem dieser bis zuletzt gearbeitet hatte (Premiere 22. 1., 20 Uhr).
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen