: Swing & Zwang
■ "Swing Kids" im Kino: "räuber und Gendarm-Spielchen" im Dritten Reich
im Kino: »Räuber und Gendarm-Spielchen« im Dritten Reich
Die Swing-Ära, oft assoziiert mit dem berühmten Cottonclub, gilt als Synomym für harte Zeiten, die durch Lebensfreude und anarchistische Lebenshaltung der Swing-Fans eine glamouröse Umhüllung bekommen und die sich im Nachhinein auch als Inhalt präsentieren lassen. Welch ein Filmstoff, wenn sich diesem erotischen und individuellen Geglitzer aus Schwarz und Gold die braune, gleichgeschaltete Masse eines Nazi-Deutschlands entgegensetzt.
Doch Regisseur Thomas Carter, einst Miami-Vice-Verantwortlicher, hat die Chance verpatzt. Sein Kinofilm-Debut über die Hamburger Swing Kids im Dritten Reich kommt
1als verzuckerter Räuber-und-Gendarm-Film daher, der ein Kino-Klischee nach dem anderen zitierend, pathetisch die moralische Selbstfindung des jungen HJ-Mitglieds und Swing-Kids Peter Müller (gespielt von Robert Sean Leonard, bekannt aus dem „Club der toten Dichter“) inszeniert. Um es vorweg zu nehmen: Peters Moral wackelt kurz, dann findet er den Weg der Aufrechten und Guten und setzt rebellisch ein „Swing Heil“ gegen die braune Macht.
Der Hollywood-Mainstream kann sogar der Kultur-Unterdrückung der Nationalsozialisten und der Lagerinternierung von Swing- Fans noch viel an Rührseligkeit abgewinnen und das Aufbegehren eines einzigen Jugendlichen als Happy End verkaufen. Die wenig ausdifferenzierten Charaktere, die dramaturgisch schlappe Story mit vielen Längen — der Film hat auch noch Überlänge —, klassische psychologische Motive, die süßlich-kitschige Sounduntermalung á la Dschungelbuch, die Moralisierung des „Guten“ im Menschen — all das macht den Film zu einem Anwärter auf einen ZDF-Sendeplatz zu Weihnachten.
Und wer hoffte, dieser Film würde wenigstens die Swing-Fans musikalisch mit Raritäten bedienen, wird auch enttäuscht. Bekannte Klassiker von Benny Goodman, Cab Calloway und Count Basie wirken in diesem Film weichgespült und wie verklärte Glanznummern in einem Abgesang auf die gute alte Zeit. Im Vergleich zu Cottonclub wirken die Swing Kids noch weniger authentisch, sowohl musikalisch als auch politisch. Und nur wegen der Information, daß es in Hamburg — wie in ganz Deutschland — Swing- Kids gab, kann der Film nicht empfohlen werden. Greta Eck
Ufa, Savoy, Studio
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen