: Subversiver Gang
■ Eine Führung durch die Kanalisation Berlins verspricht noch keine Rattenschwänze / 50 Meter müssen reichen, um sich eine Vorstellung von 8.000 Kilometer Kanälen zu machen
Eine zentrale Rattenfütterungsstelle (zRf), die den Vormarsch der schädlichen Nager auf die Zivilisation kontrolliert, konnte der Herr von den Wasserbetrieben nicht bestätigen. Und doch empfahl er eine Führung durch die Unterwelt. „Wir hoffen, daß es nicht regnet, sonst tritt das Wasser aus den Kanälen und Sie müssen fluchtartig das Gelände verlassen!“
Sonntag morgen um 10 Uhr scheint die Sonne. Eine 15 Meter lange Besucherschlange wartet in der Erich-Weinert-Straße in Prenzlauer Berg begierig auf den ersten subversiven Gang. Was lockt die Wartenden am Untergrund? Vielleicht haben auch sie von der zRf gehört oder glaubhaft bestätigt bekommen, daß die DDR bald aufgrund ihrer maroden Kanalisation zusammengebrochen wäre. Vielleicht möchten sie die Überquerung des Styx von Dante und Äneas nachempfinden. Oder sie wurden gelockt von „Polizeiruf 110“ und anderen Filmen, die hier gedreht wurden. Es kann ja nicht jeder in Wien leben.
Der Bereichsleiter Kanalbetrieb, der uns führt, wiegelt jedoch jede Spekulation über einen drohenden Zusammenbruch ab. Wir betreten glitschige, spärlich beleuchtete Klinkerröhren aus der Jahrhundertwende. Dies also ist der Unterbau der Hauptstadt. Früher sind gelegentlich Besucher in das dunkle Gewässer gerutscht, daher gibt es nun ein Geländer. Schmugglerbanden, Meuchelmörder, Partisanenkämpfer oder verfolgte Christen sind unserem Besichtigungsführer während seiner Amtszeit nicht untergekommen.
Kundige Kanalbetriebsarbeiter finden sich in dem 8.000 Kilometer langen Gewimmel von Schmutzwasser-, Mischwasser-, Regenwasser- und Notauslaßkanälen zurecht. Normale Sterbliche werden nicht so weit geführt. Nach 50 Metern Subwegen gelangen wir wieder in die Oberwelt. Ohne daß ein einziger Rattenschwanz sichtbar geworden wäre. Dorothea Schildt
Die letzte Führung in diesem Jahr findet am 11.6. in der Hohenstaufen-/Martin-Luther-Straße statt.
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