Blackout-Tagebuch eines taz-Redakteurs 1: „Halten Sie auch noch die Stellung?“
Mit Campingkocher, Teelichtern und Mütze kommt man ganz gut aus ohne Strom und Heizung – wenn man nicht malade, pflegebedürftig oder alleinstehend ist.
Kaffee vom Campingkocher, Mütze auf dem Kopf beim Einschlafen, regelmäßig Wasser laufen lassen, damit die Leitungen nicht einfrieren, warmes Essen in der taz-Kantine. Es ist Routine aufgekommen bei uns an Tag vier des Stromausfalls im Berliner Südwesten. „Et es wie et es“, würde unsere Verwandtschaft aus dem Rheinland dazu sagen. Bloß neue Teelichter mussten heute her, und die Nachfüllflasche für die Öllampe war auch alle.
Wäre anders, wenn die Gattin oder ich malade, pflegebedürftig oder alleinstehend wären oder kleine Kinder im Haus hätten. Oder wir wie der Nachbar seit nun vier Tagen hinter heruntergelassenen Rollläden sitzen müssten, die elektronisch gesteuert werden und sich darum seit dem Ausfall am frühen Samstagmorgen nicht mehr hochziehen lassen.
Wir bekommen viel Hilfe, Übernachtungs-, Strom- und Heißer-Tee-Angebote. Darunter eines einer Sportfreundin, die sich von außerhalb meldet. Auf die Nachfrage, warum sie nicht in Berlin sei, erzählt sie von einer plötzlichen lebensbedrohlichen Erkrankung in der Familie. Vor diesem Hintergrund wird so manches relativ; Meckerei über leere Handys und kühle Nächte wirkt da irgendwie schal.
Am Abend eine schöne Überraschung: Das nahe Programmkino hat Strom, und so kriegen wir doch noch den neuen Charly-Hübner-Film zu sehen. Auf dem kurzen Heimweg ist dann der eine oder andere Polizeiwagen zu sehen. Die sorgen sich offenbar, dunkle verlassene Häuser könnten Einbrecher anlocken. „Halten Sie auch noch die Stellung?“, hat schon die Nachbarin gefragt. Machen wir – Donnerstag sollen alle ja wieder Strom haben.
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