Streiten in Gemeinschaften: Wir, die Anderen

Sich innerhalb der Community zu streiten, ist schwierig – und braucht Mut. Denn dieser Rückzugsort ist sehr wichtig.

Eine Frau kuesst ihren Boxhandschuh.

Wie schön, wenn wir einander ein Safe Space sind, aber auch ein Think Tank oder ein Boxring Foto: Simon Hajducki/unsplash

Ich hasse Streit. Ich hasse ihn, wenn er sich anbahnt, ich hasse den Moment der Entladung und ich hasse die emotionalen Nachwehen.

Zu Hause haben wir Konflikte nie ausdiskutiert. Wir sind verletzt auseinander gegangen, haben uns auf- und wieder abgeregt und dann über so Alltägliches gesprochen wie die Wochenangebote von Aldi. Die Choreografie war nie zufriedenstellend, aber alles andere wäre zu anstrengend. Zu Hause will man nicht wachsen müssen, sondern einfach akzeptiert sein.

Das Problem ist, dass man sich natürlich nicht bloß wegen Nichtigkeiten streitet. Manchmal geht es um Existenzielles, um die Grundfesten dessen, woran man glaubt. Solche Streits sind leichter zu ertragen, wenn man sie mit einem unbekannten, feindlich gesinnten Gegenüber austrägt. Ich kann besser ein sexistisches Arschloch am Tresen anpöbeln als einen alten Freund. Streit tut weh, wenn wir ihn mit Menschen führen, die uns wichtig sind. Also nicht nur Verwandtschaft, sondern auch andere Gemeinschaften.

Wir, zum Beispiel. Wer, wir? Na wir, die Anderen, die Geanderten. Es braucht Mut, sich innerhalb einer Community zu streiten, die aus grausamsten Anlässen dauernd zu einem Ort für Verständnis und Rückzug wird. Wir geben einander offene Arme und ernstgemeinte Solidarität anstelle von Relativierung und Untätigkeit.

Weiter als der Mainstream

Wir geben einander das Netz, das uns Staat und Gesellschaft vorenthalten. Aber genau deshalb gehe ich in diesem „Wir“ auch auf Zehenspitzen, obwohl ich eigentlich mit dem ganzen Fuß auftreten will, meinetwegen auch mal in ein Fettnäpfchen. Ich fürchte mich, eine fragile Zugehörigkeit zu verspielen. Weil ich uns brauche.

Dabei kennen wir uns kaum, da ist viel Projektion: Wir sind die, die nicht bei null anfangen. Wir sind woke, weiter als der Mainstream. Wir müssen unsere Existenz voreinander nicht rechtfertigen. Wir müssen einander nicht erklären, woher wir wirklich kommen. Wir haben Nation als Konzept überwunden. Wir debattieren weder über das N-Wort, noch über gendergerechte Sprache. Wir sind fehlbar, aber wir reflektieren unsere Privilegien. Wir können uns von unserer Wut erzählen, wenn Rassisten wieder Menschen ermorden und die Welt einfach weitermacht. Wir sind gemeinsam, aber nicht gleich. Wir sind schon immer zu groß für ein Wort aus drei Buchstaben.

Weil wir alle so viel mehr sind als dieses gemeinsame wir, ist nicht alles davon für uns alle gleichermaßen wahr. Das ist okay, wenn es um Nichtigkeiten geht, aber es tut weh, wenn es an Grundfesten rüttelt, wie immer. Wie geht das, im Diversen divers sein? Vielleicht geht es nur mit Wachstumsschmerz. Wie schön, wenn wir streiten und daran wachsen. Wenn wir einander ein Safe Space sind, aber auch ein Think Tank oder ein Boxring. Streit macht zu viel kaputt, wenn wir ihn dort führen, wo wir ausruhen und heilen müssen.

Das können wir uns nicht leisten. Also hilft nur mehr Platz. Und wenn uns dieser Platz nicht gegeben wird, müssen wir ihn uns eben nehmen.

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Redakteurin der taz am wochenende. Schreibt alle 14 Tage die Kolumne poetical correctness für taz2.

Am 19. Februar 2020 erschoss der Rechtsextremist Tobias R. an drei verschiedenen Tatorten in der Hanauer Innenstadt neun Menschen:

Kaloyan Velkov, ermordet mit 33 Jahren.

Fatih Saraçoğlu, ermordet mit 34 Jahren.

Sedat Gürbüz, ermordet mit 30 Jahren.

Vili Viorel Păun, ermordet mit 22 Jahren.

Gökhan Gültekin, ermordet mit 37 Jahren.

Mercedes Kierpacz, ermordet mit 35 Jahren.

Ferhat Unvar, ermordet mit 22 Jahren.

Hamza Kurtović, ermordet mit 22 Jahren.

Said Nesar Hashemi, ermordet mit 21 Jahren.

Später ermordete der Attentäter seine Mutter Gabriele R., 72 Jahre alt.

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