Streamingangebot der bpb: Jenseits der Erklärfilme

Die Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung ist informativ unterwegs. Es finden sich aber auch Dokus und fernsehhistorische Fundstücke.

Der ehemalige österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim wird für eine Pressekonferenz fertig gemacht

„Waldheims Walzer“ über die Affäre um Kurt Waldheim kann online in der bpb-Mediathek gesehen werden Foto: Salzgeber

Ihrem Auftrag gemäß ist die Bundeszentrale für politische Bildung meist im belehrenden Sektor unterwegs. Das gilt auch für den medialen Bereich mit den didaktisch aufbereiteten Filmbegleitheften für den Unterricht. In der Online-Mediathek der Zentrale finden sich ebenfalls erst mal für den schulischen Einsatz gedachte, selbst produzierte oder angekaufte „Erklärfilme“ oder Videos zu relevanten gesellschaftlichen Themen wie Migration, sozialer Ungleichheit oder Demokratie für Jugendliche oder Kinder.

Und auch Erwachsene können hier erkenntnisfördernde Stoffe finden wie die (leider nicht untertitelte, sondern deutsch übersprochene) gut gemachte und informative geopolitische Arte-Dauer-Serie „Mit offenen Karten“ oder fernsehhistorische Fundstücke wie alte Ausgaben der RBB-Sendung „Kontraste“.

Also ein insgesamt recht eklektizistisches, aber mit etwas Eigenorientierung produktiv nutzbares Portefeuille. Dies enthält aber auch – von der interessierten Öffentlichkeit allzu wenig beachtet – seit vielen Jahren auch einen gut ausgestatteten Bereich, der sich pädagogischer Programmatik ganz entzieht.

Internationale Produktion „Waldheims Walzer“

Hier finden sich unter dem Kapiteltitel „Film-Highlights“ bedeutende Stationen des deutschen Dokumentarfilmschaffens der letzten Jahrzehnte, aber auch internationale Produktionen wie Ruth Beckermanns vor zwei Jahren veröffentlichter „Waldheims Walzer“ (und wenige Spielfilme). Wer also an einem der vielen Orte wohnt, wo die großartige Arbeit der österreichischen Regisseurin über die Affäre um den ehemaligen UN-Generalsekretär und späteren Bundespäsidenten Kurt Waldheim nicht ins Kino gelangte, kann ihn hier online sehen.

Genauso „I am Not Your ­Negro“, ein auf höchstem artistischen Niveau agierender Filmessay von Raoul Peck, der anhand von Notizen des Dichters und Intellektuellen James Baldwin mehrere Jahrzehnte US-Rassismus und afroamerikanischer Identität bearbeitet.

Was deutsche Filme betrifft, gibt es unter anderem einen Fokus auf Arbeiten rund um die Wendezeit aus der DDR und den neuen Bundesländern, die allesamt auch filmisch herausragende Qualität haben. Wer will, kann so zugleich tief in die Film- und in die Zeitgeschichte eintauchen.

Langzeitdokumentation von Volker Koepp

Und etwa in Volker Koepps schon lange vor dem aktuellen Serientrend produzierter siebenteiliger Langzeitdokumentation mit drei Textilarbeiterinnen im brandenburgischen Wittstock die Auf- und Umbrüche zwischen 1974 bis 1996 miterleben. Andreas Voigt hat (im ersten Teil mit Gerd Kroske) in drei Filmen den Weg von den Leipziger Montagsdemos 1989 bis zu Resignation, Wut und aufkeimenden rechtsextremen Parolen verfolgt.

Manchmal geradezu unerträglich eindringlich ist auch Thomas Heises Langzeit-Trilogie mit und zu rechten Jugendlichen in Halle, die von „Stau. Jetzt geht’s los“ (1992) bis zu „Kinder. Wie die Zeit vergeht“ (2007) mehrere Generationen durch ein Vierteljahrhundert sozialer Deprivation begleitet.

Von dem Aufbruchgefühl, das 1988 in Heike Misselwitz’ „Winter adé“ nicht nur den Titel, sondern auch viele der weiblichen Protagonistinnen befeuerte, ist da nichts mehr geblieben. Es ist großartig und verdienstvoll, dass solche Filme hier nicht nur langfristig frei verfügbar sind (aus rechtlichen Gründen allerdings nur für Deutschland), sondern auch gepflegt und vermehrt werden.

Umständliche Navigation

Denn das Angebot soll auch in Zukunft regelmäßig durch Lizenzankäufe erweitert werden. Derzeit etwas umständlich ist allerdings die Navigation auf der Webseite der Bundeszentrale, wo man jedes der achtundzwanzig knapp betitelten Kapitel einzeln öffnen muss, nur um einen Kurzüberblick des jeweiligen Inhalts zu bekommen.

Schade, dass es auch nicht möglich ist, alle unter den „Film-Highlights“ angebotenen Stücke einfach übersichtlich auf einer Liste zu sehen. Und auch die Suchmöglichkeiten des Gesamtangebots sind wenig benutzerfreundlich. Eine Problematik, der sich die bpb durchaus bewusst ist. Deshalb ist für Oktober ein großer Relaunch der Webseite geplant – falls Corona nicht noch störend dazwischenfunkt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben