Strandbad Plötzensee mit neuem Pächter

Sommertraum im Sand

Das Strandbad Plötzensee ist eine Institution im Berliner Badesommer. Nun geht die erste Saison unter einem neuen Pächter zu Ende. Die Bilanz? Sonnig.

Szene eines Sommertags: Sonnenbadende im Strandbad Plötzensee Foto: Dagmar Morath

Der beste Platz ist auf dem Hügel, in einer der Hängematten aus buntem Baumwollstoff liegend, die dort an den Bäumen festgemacht sind. Ein sanfter Wind streicht vom Plötzensee herauf. Der Blick ruht auf moosgrünem Wasser und Bojen, die von hier oben aussehen wie eine Perlenkette. Leise Musik weht von der unterhalb des Hügel liegenden Bar des Strandbades herüber.

Das 1845 erbaute Strandbad Plötzensee steht unter Denkmalschutz. Im Bezirk Wedding am Rand des Volksparks Rehberge gelegen, war es immer ein beliebtes Ausflugsziel. Private Betreiber hatten die Anlage in den letzten zehn Jahren allerdings übel verkommen lassen. Die hätten nur Eintritt kassiert, schimpft ein Stammgast.

Seit diesem Jahr nun gibt es einen neuen Pächter: Michel Verhoeven, Anfang 50 und Holländer, hat in Amsterdam zuvor die bekannte Strandbar Woodstock 69 betrieben. Das Strandbad Plötzensee hat er von den Berliner Bäder-Betrieben gepachtet, zusammen mit einer deutschen Geschäftspartnerin. Als der Holländer den Zuschlag bekam, befürchteten manche, er werde aus dem Bad eine Location für Partygänger machen. Verhoeven hatte das verneint. „Ein Strandbad für jeden“ sei sein Ziel. Jetzt, wo der Sommer zu Ende geht – noch bis Ende September geht die Badesaison –, kann man sagen: Es hätte kaum besser kommen können.

Der diesjährige Sommer war der drittwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. Spitzentemperaturen von über 37 Grad ließen die Kassen der Schwimmbäder klingeln. Im Prinzenbad in Kreuzberg, Berlins beliebtestem Sommerbad, wurden im Juni über 100.000 Gäste gezählt. Bei den Strandbädern führt das Strandbad Wannsee die Hitliste an. Es ist das einzige Strandbad, das die Berliner Bäder-Betriebe noch selbst betreiben. Alle acht anderen Strandbäder sind verpachtet.

Besucher, stapelweise

Das kleine Strandbad Weißensee in Pankow, bald 140 Jahre alt, etwa: „Zärtlich ausgedrückt haben sich die Leute hier an den heißen Tagen gestapelt“, sagt Betreiber Alexander Schüller. Auch Menschen, die mit Baden nichts am Hut haben, lassen dort bei einem kühlen Weißwein den Tag ausklingen. Von der Terrasse hat man einen tollen Blick über den See.

Nach zehn Jahren Laufzeit werden die Verträge für die Strandbäder neu ausgeschrieben. Jeder kann sich bewerben. Drei Bäder haben seit diesem Jahr neue Pächter: Das Strandbad Grünau, das Strandbad Wendenschloss, und Plötzensee.

Verhoeven, gebräunte Haut, dunkle, halblange Haare, Shorts, festes Schuhwerk führt durch die fünf Hektar umfassende Anlage. Ein Uferstück mit Sandstrand und Stegen aus Beton gehört dazu, sowie mehrere große Liegewiesen – einen Zeltplatz plant er dort – und der „Hängemattenberg“, wie Verhoeven den Hügel nennt. Er selbst lebt in einem Caravan auf dem Grundstück. Immer wieder stößt man auf eingezäunte kleine Biotope für Insekten, der Holländer hat sie anlegen lassen. Auf Anhieb habe er sich in den Platz verliebt, erzählt der Mann, der auch mal Fluglotse war. Als er das Bad im April übernahm, sei das noch mal absichtlich zerstört worden. Wer das war? Verhoeven zuckt die Achseln.

Über die früheren Pächter, die an andere untervermietet haben sollen, werden von den Stammgästen wilde Storys erzählt. Michael Hellebrand, 55 Jahre alt, Rikschafahrer und seit seinem 17. Lebensjahr Badbesucher, weiß von einem Betreiber, der den ganzen Tag in seinem 500-PS-Sportboot auf dem See lag und Ostsee gespielt hat. Über einen mutmaßlich rechtsradikalen Bademeister, der die Rettung eines Schwarzen verweigert haben soll, hatten seinerzeit auch die Medien berichtet. Der Mann war auf der anderen Seite des Sees beim Baden ertrunken. Auch in der Hand arabischer und türkischer Clans sei das Bad gewesen, wird behauptet. Eine Shisabar im Haupthaus hat Verhoeven zumindest noch vorgefunden. i

Fast nirgendwo liegt Müll

90 Tonnen Schutt und Abfall seien mit Hilfe von 400 Freiwilligen aus dem Bad geschafft worden, erzählt der Holländer. Inzwischen sind die Sanitäranlagen saniert, Bäume und Hecken gepflegt. Regelmäßig wird der Sand von Maschinen durchgesiebt. Immer noch würden Kronkorken aus der Vergangenheit nach oben befördert, berichtet Verhoeven. 60 Leute seien im Bad beschäftigt. Nur Plastikflaschen sind erlaubt, beim Getränkeverkauf wird ein Euro Pfand erhoben. Fast nirgendwo sieht man Müll.

Strandbad-Szenen: Acht langhaarige Grazien stehen bis zum Po im Wasser, eine zieht dezent an einem Joint. Ein lesbisches Pärchen liegt umschlungen auf einer Decke, eine Mutter wischt ihrem nackten Kind mit dem Handtuch den Rotz ab. Ein Dicker in Badehose unterhält sich mit einer Frau, die, von oben bis unten verhüllt und mit Kopftuch, abseits von ihm im Sand sitzt.

Bis zu 4.000 Besucher seien an Sonntagen gezählt worden, einmal waren es sogar 8.000, berichtet Verhoeven. Es gibt einen Kinder- und Familienbereich. Abends gibt es Lagerfeuer und ein DJ legt in der Bar auf. Einen FKK-Bereich gibt es auch. Explizite Schilder gibt es indes nicht: Käfige mit Holz darin sind Markierung und Sichtschutz zugleich. „Alle Gruppen und Bedürfnisse sortieren sich von ganz allein“, freut sich Verhoeven, dass sein Konzept vom „Strandbad für jeden“ aufgegangen ist.

Einmal zahlen
.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de