: „Staub ist der totale Gleichmacher“
Der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker betreibt seit 20 Jahren das Internationale Staubarchiv mit inzwischen etwa 700 Proben von Orten auf der ganzen Welt. Staub sei so ästhetisch wie anarchisch, findet er. Privat hätte er allerdings lieber keinen
Foto: Bernd Arnold
Interview Petra Schellen Fotos Bernd Arnold
taz: Herr Stöcker, warum sammeln Sie Staub? Um der eigenen Vergänglichkeit zu trotzen?
Wolfgang Stöcker: Wer weiß … die eigene Vergänglichkeit ist ja etwas, womit man sich künstlerisch ohnehin beschäftigt. Und wenn ich mich mit Staub befasse, dann sehe ich: Ich bin noch nicht Staub. Ich bin noch da. Das freut mich natürlich. Auf der anderen Seite stellt sich beim Umgang mit Staub ganz allgemein die Frage nach der Vergänglichkeit. Ich sammle Staub von Orten, die eine historische kulturelle Bedeutung haben und die immer wieder gereinigt werden. Dass man da trotzdem Staub findet, bedeutet: Wir müssen uns Mühe geben, sonst verstauben diese Orte. Diese Fallhöhe zwischen der großen Bedeutung – etwa eines Doms – und dem zunächst mal lästigen Staub, der alle Bedeutung zerflust, finde ich spannend.
taz: Wie hat dieses Kunstprojekt angefangen?
Stöcker: Gesammelt wurde in unserer Familie schon immer. Mein Bruder sammelte als Kind Bierdeckel, ich selbst Briefmarken und Steine. Und die wunderbare Postkartensammlung meiner Großmutter habe ich heute noch. Sie hat auch Würfelzucker gesammelt. Ich habe Hunderte davon. Außerdem hortete sie – warum auch immer – Kefir-Becher, mit denen ich als Kind spielte. Später habe ich Geschichte studiert. Das hat auch etwas Sammelndes, denn es hat mit Archivarbeit und dem Speichern von Dingen zu tun.
taz: Das genügte Ihnen nicht?
Stöcker: Nein. Mein zweites Studienfach war Kunst, und irgendwann dachte ich: Wie kann ich historische Bauwerke sammeln? Natürlich kann ich sie fotografieren oder Postkarten kaufen. Aber da entsteht eine andere, künstliche Realität. Wie kann ich ein Bauwerk wirklich mitnehmen? Da ist der Staub naheliegend. Den will keiner haben, den kann ich überall entnehmen. 2004 habe ich damit angefangen und das erst mal als Gag gesehen: Was passiert, wenn ich sage: Ich habe das – wie es damals noch hieß – „Deutsche Staubarchiv“, so wie „Deutsche Bank“ oder „Deutsche Post“?
taz: Woher kamen die ersten Stäube?
Stöcker: Angefangen habe ich mit Kirchen. Kirche, Reliquie, Staub – das passt gut zusammen, auch Staub hat ja etwas Morbides. Außerdem sind Kirchen in unserem Kulturkreis die Bauwerke, die am längsten bestehen. Die die längste kontinuierliche, zugleich spirituelle Nutzung haben. Das lagert sich ab, auch im Staub.
taz: Wo haben Sie konkret angefragt?
Stöcker: Als Erstes habe ich die Verwaltung des Aachener Doms schriftlich um Staub gebeten. Er ist im Rheinland eins der ältesten Bauwerke nördlich der Alpen. Ich habe neunmal hingeschrieben. Irgendwann kam die Antwort: „Wir haben Ihre Briefe alle erhalten, aber was machen Sie eigentlich genau?“ So bin ich in eine Erklärungsverpflichtung gekommen und habe mich stärker mit Staub beschäftigt – mit seinem Symbolwert, aber auch naturwissenschaftlich. In diesem Lernprozess habe ich meine eigene Arbeit besser kennengelernt und ausgeweitet.
taz: Wie viele Staubproben haben Sie inzwischen?
Stöcker: Ich weiß nicht genau, wie viele Plastiktütchen mit Staubproben ich inzwischen in meinen Aktenordnern habe. Es mögen um die 700 Proben sein. Die Idee, eine Sammlung anzulegen, entstand aus einer Laune heraus, ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Als die ersten Antwortbriefe samt Proben kamen, wurde mir klar: Jetzt muss ich es weiter betreiben, sonst war das nur ein Strohfeuer. Ich habe es dann bald in „Internationales Staubarchiv“ umbenannt, weil es Proben aus aller Welt enthält und ich das „Deutschtum“ hierzulande nicht befördern wollte. Inzwischen mache ich es seit 20 Jahren.
taz: Archivieren Sie auch die Briefe?
Stöcker: Streng genommen sind die Briefwechsel das eigentliche Archiv und der Staub per Definition eine Sammlung. Wobei die Texte natürlich untrennbar zu diesem wachsenden sozialplastischen Kunstwerk gehören.
taz: Antworten alle Institutionen so zögerlich wie die Aachener?
Stöcker: Nein, denn das Projekt ist inzwischen bekannter und wird nicht mehr so stark hinterfragt. Meist sind die Antworten kurz. „Hier ist er.“ Manchen ist es wohl etwas lästig. „Hier, wir hoffen, Sie sind zufrieden“ steht dann da. Manchmal gibt es auch sehr schöne Antworten. Ich hatte zum Beispiel die zehn größten bundesdeutschen Städte angeschrieben und aus den Rathäusern Staub erbeten.
taz: Die haben behauptet, es gäbe keinen?
Stöcker: Doch, sie haben alle geschickt. Die Dortmunder waren die Letzten und haben geschrieben: „Sie wissen ja, als Westfalen überlegen wir alles ganz gründlich. Deshalb haben wir abgewartet, bis unser neuer Haushalt bewilligt ist. Denn wenn es da Probleme gegeben hätte, hätten wir nichts mehr aus der Stadt verschenken können.“ Oder wenn ich mal vergesse, den kleinen Klemmbeutel für den Staub mitzuschicken, schreiben manche, dass sie darum nichts schicken können. Oder „Wir haben jetzt einen anderen Beutel genommen.“
taz: Wer schickt nichts?
Stöcker: Von Schloss Bellevue, dem Wohnsitz des Bundespräsidenten, kam bisher immer: „Nein,wir schicken keinen Staub, es gibt auch keinen. Es ist immer total sauber.“ Was natürlich Humbug ist.
Der Mensch
Wolfgang Stöcker, Jahrgang 1969, ist gelernter Vermessungstechniker, hat Geschichte und Kunst studiert und über Sterbe- und Bestattungskultur promoviert. 2004 gründete er sein mittlerweile als international firmierendes Staubarchiv. Der frei schaffende Künstler stellt bundesweit aus, hält Vorträge und gibt Workshops. Zudem veranstaltet er Staubführungen und -expeditionen zu Fuß und per Fahrrad im Kölner und Bergisch Gladbacher Raum sowie in der Eifel. Er lebt mit seiner Familie in Köln.
Das Projekt
Das Internationale Staubarchiv besteht aus ungezählten Ordnern mit Staub-Pröbchen aus aller Welt in kleinen Plastikbeuteln. Viele wurden auf Anfrage geschickt, weitere hat der Künstler selbst gesammelt. Etliche Proben sind ergänzt um den zugehörigen Briefwechsel, ein Foto des Auffindungsorts sowie bei selbst gesammelten Stäuben Datum, Uhrzeit und Wetter während der Entnahme. Aus einigen Stäuben hat Stöcker mit Wachs architektonisch anmutende Skulpturen geformt.
taz: Die fürchten wohl ums Image.
Stöcker: Ja. Ich habe noch nie von Politikern oberhalb der Oberbürgermeister-Etage Staub bekommen. Staub hat ja auch was von „Oh, da liegt Staub, die sind faul, die sind nachlässig…“ Einmal haben wir für eine WDR-Sendung offiziell eine Staub-Entnahme im Düsseldorfer Landtag angefragt. Da kam ein Brief zurück: Was wir uns überhaupt dächten. Es sei eine ernsthafte Institution, da entnehme man keinen Staub …
taz: Haben Sie mal das Weiße Haus angefragt?
Stöcker: Ja, aber eine Antwort kam nie. Ich habe allerdings Staub aus der Halle des Volkes in Peking. Den hat mir vor vielen Jahren jemand mitgebracht. Wenn man sich heute bei einer Führung dort nach einer Fluse bückte, käme vermutlich gleich die Security.
taz: Welche Sorten Staub sammeln Sie eigentlich?
Stöcker: Los ging es mit sakralem Staub aus Kirchen, Tempeln und anderen Orten religiöser Verehrung. Dann gibt es den Kulturstaub, zum Beispiel aus Museen. Musikalische Stäube stammen von Orgeln, aus Konzert- und Opernhäusern. Es kann auch mal eine Fluse aus einer berühmten alten Geige sein. Kulinarische Stäube stammen meist von Weinbergen oder aus Weinkellern. Diese Orte haben ja auch mit Alter, Staub, Mineralität zu tun … Weinbauern haben da einen sehr positiven Zugang. Aus einer Sterneküche würde ich ja niemals Staub bekommen! Meine politischen Stäube wiederum stammen aus Rathäusern, Parlamentsgebäuden, manchmal sogar aus verlassenen Bunkern.
taz: Was interessiert Sie am Weinkeller-Staub?
Stöcker: Zunächst mal trinke ich selber gern Wein. Und dann ist eine Freundin von uns Wein-Akademikerin. Sie hat Staub-Proben aus namhaften Weinkellern und Weingütern in aller Welt mitgebracht. Das ist faszinierend. Die Herstellung und Lagerung von Wein ist ja eine der wenigen menschlichen Tätigkeiten, wo Spinnweben und Verstaubung positiv gesehen werden. Sie würden ja nie eine Schnitzel-Werbung mit Staub finden! Aber in Kochbüchern der 1970er Jahre finden Sie durchaus mal eine hochwertige verstaubte, verwitterte Weinflasche mit Kerze in einem Keller.
taz: Dagegen sind Naturraum-Stäube unspektakulär, oder?
Stöcker: Im Gegenteil. Diese Stäube von Stränden, Bergen oder aus Naturschutzgebieten sind inzwischen fast meine Lieblingsstäube. Ich erinnere mich an einen Platz im Oderbruch. In der Natur gibt es ja nicht die klassische Wollmaus. Die existiert nur in Bauwerken, wo es weder natürliche Abbauprozesse gibt noch Wind, um den Staub wegzutragen. Ich war also im Oderbruch und sah, mitten in die Natur hinein gebaut, eine Brücke über einem Kanal. An deren Betonkanten lagen Staubpartikel. Ich habe welche entnommen und dann den Beton und die „Wildnis“ fotografiert. Bei meinen Vorträgen zeige ich so etwas immer gern.
taz: Warum?
Stöcker: Um zu verdeutlichen, wie der Blick sich ändern kann: Auf der einen Seite diese architektonische Ordnung, die gerade Linie, der rechte Winkel, die glatte Fläche, wo Partikel wegwehen und irgendwo liegen bleiben. Auf der anderen Seite die amorphe Natur, in der alles ständig transformiert wird und wo Staub gar nicht auffällt, weil er schnell verschwunden oder umgewandelt ist.
taz: Wovon kann Staub erzählen?
Stöcker: Zum Beispiel von der Geschichte solcher Naturplätze. Ich habe Stäube von abbrechenden Küstenverläufen, anhand derer man über die Folgen des Klimawandels reflektieren kann: Das Meer holt sich das Land zurück. Das alles war mal Meer, weil sich alles hebt und senkt. All diese geologischen Prozesse, die Staub entstehen lassen – auch vulkanische Orte, die riesige Staubwolken erzeugen, die sich wieder setzen und über Jahrmillionen zu Stein werden: Das sind gewaltige Zeitskalen, die man in so einem kleinen Bröckchen findet.
taz: Ab wann gilt ein Partikel überhaupt als Staub?
Stöcker: Ich habe da einen sehr weiten Ansatz. Aber Geologen würden erst ab einer Größe weit unter einem Millimeter von Staub reden. Alles andere nennen sie Gestein. So gesehen hätte ich kein Staub-, sondern ein Gesteinsarchiv. Oder ein Textilarchiv, denn in einer Wollmaus finden sich Hautpartikel, Wolle, Haare, Müll – ich könnte es also auch Müllarchiv nennen. Ich habe auch Stäube, die Fetzen, kleine Zweige oder Spinnweben enthalten. Eigentlich müsste man auch unterscheiden zwischen organischem und anorganischem Material. Wenn er hauptsächlich Müll oder Plastikteile enthält, ist es eigentlich kein Staub mehr, sondern es sind allgemein Relikte.
taz: Wie stehen Sie privat zum Staub?
Stöcker: Ich finde ihn hoch lästig. Hier zu Hause habe ich es gern sauber, aber wenn man genauer in die Ritzen guckt, findet man immer etwas. Staub hat viele negative Eigenschaften, das spüre ich als Heuschnupfen-Geplagter deutlich. Andererseits ist zum Beispiel der Sahara-Staub, der durch die Lande geweht wird, wichtig für die Düngung der Meere. Und die Sonnenuntergänge mit diesen schönen Farben entstehen nur, weil Staubpartikel das Licht brechen. Wiederum: Wenn Bauern bei Hitze pflügen und es auf dem Feld staubt: Dann ist das Erosion, bei der gute Erde weggetragen wird. Staub ist eine sehr ambivalente Angelegenheit.
taz: Er steht für Vergänglichkeit, währt aber selbst ewig.
Stöcker: Ja. Die Zersetzungsprozesse führen dazu, das er zu Erde wird, und daraus entsteht wieder etwas. Es ist eine ständige Transformation: Etwas verliert seine Form, erodiert, verwest, verfällt – um irgendwann eine neue Form anzunehmen.
taz: Aber das Material ist noch da.
Stöcker: Ja. Es hat sich pulverisiert und verteilt. Und dann bringt man es wieder in Form. An Bauwerken bringen wir alles ständig wieder in Ordnung, machen es wieder rechtwinklig, verputzen. Dann kommen Regen, Frost, Hitze, Kälte. Alles platzt wieder ab, und aus dem rechtwinkligen Block wird ein kleines, ungeometrisches Steinchen. Ich laufe es platt, und irgendwann weht es weg. Dann haben beispielsweise die Romanik, die Gotik ihre Form nicht mehr. Staub ist die totale Negierung unserer Zusammensetzungsorganisation. Wir Menschen haben eine Ordnung im Kopf, und der Staub sagt: Du kannst Ordnung schaffen, soviel du willst: Ich zersetze, ich komme wieder, ich bringe alles durcheinander. Der Staub ist ein Chaot. Und darin vielleicht auch ein Demokrat.
taz: Wobei das Zerbröseln der natürliche Lauf der Dinge ist.
Foto: Bernd Arnold
Stöcker: Ja. Aber dann hat man Ikonen wie gotische Dome, da hält man dieser Zusammensetzung der Formen fest, an der Generationen gearbeitet haben. Man entscheidet sich immer wieder, es nicht verfallen zu lassen. Zivilisation bedeutet das Aufhalten von Verfall.
taz: Und warum empfinden Sie Staub als Demokraten?
Stöcker: Weil er überall ist. Er legt sich in die dickste Villa genauso wie in die ärmste Hütte. Er ist der totale Gleichmacher. Jede Oberfläche ist ihm lieb. Er nimmt einem nichts krumm, er kommt immer wieder. Er ist anhänglich und geduldig. Und ich finde ihn beruhigend.
taz: Warum?
Stöcker: Dieses Seinlassen, das Loslassen und Liegenbleiben hat etwas Beruhigendes. Manchmal betritt man einen Ort und merkt: Da war mal was, und jetzt liegt seit Jahren das Leben still, da steht noch die Kaffeetasse … Das hat etwas Unheimliches, kann aber auch beruhigend sein nach dem Motto: Es hat keiner weggeräumt. Das durfte bleiben. Es hat die Jahrhunderte überdauert, konnte sich setzen und ist eine unendliche Ruhe. Eine sich selbst genügende Ewigkeit.
taz: So gesehen wäre Staubwischen übergriffig.
Stöcker: Ja. Denn eine schön verstaubte Fläche hat auch etwas Poetisches. Wie ein Fell oder ein haariges Etwas.
taz: Finden Sie Staub eigentlich ästhetisch?
Stöcker: Manchmal schon. Um den Kölner Dom herum gibt es zum Beispiel Baustellen mit dreckigen, lärmigen, übel riechenden Ecken. Aber wenn ich es schaffe, rein die Optik wahrzunehmen, sind mache Formen des Verfalls hoch abstrakte Farberlebnisse.
taz: Wie vergänglich ist Ihre eigene Sammlung?
Stöcker: Ich bin jetzt 57 und stelle mir langsam die Frage: Was bleibt von dem ganzen Kram – vom Archiv, den Zeichnungen, Gemälden und Wachsskulpturen mit Staub innen drin. Einige sind in privaten Sammlungen und Museen, aber selbst das garantiert nicht das Überdauern. Vielleicht muss auch gar nichts übrig bleiben. Vielleicht vererbe ich es meinen Kindern, und die sagen: Was der Vater da gemacht hat, war alles Quatsch.
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