Start der Paralympics: Spiele im Schatten der Kriege
Schon vor der Eröffnungsfeier der Paralympischen Winterspiele sorgen der Krieg in Iran und die Teilnahme von Russland und Belarus für Verwerfungen.
Es wird möglicherweise nicht lange dauern, bis die russische Hymne bei den Paralympischen Winterspielen ertönt und dazu die weiß-blau-rote Fahne am höchsten gehisst wird. Der 28-jährige Alexej Bugajew wird am Samstag bei der Herren-Abfahrt (stehend) an den Start gehen. Und Bugajew hat immerhin bereits drei paralympische Goldmedaillen gewonnen.
Aber schon am Freitag bei der Eröffnungsfeier (20 Uhr/ZDF-Streamingportal) im römischen Amphitheater von Verona wird der paralympische Sport sich kaum als vereinende und friedensstiftende Kraft inszenieren können, wie dies auch der olympische Sport stets mit großem Eifer versucht. Der Entscheid der Generalversammlung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) von vergangenem September, Russland und Belarus trotz des fortlaufenden Krieges in der Ukraine wieder als vollwertige Mitglieder zu den Spielen zuzulassen, bleibt nicht ohne Konsequenzen. Etliche Länder wie die Ukraine, Polen, Finnland, die Niederlande, Tschechien, die baltischen Staaten und Deutschland werden die Eröffnungsfeier boykottieren.
Dass bei den Paralympischen im Unterschied zu den Olympischen Spielen Russland und Belarus dabei sein können, hat mit dem jeweiligen Abstimmungsverfahren zu tun. Beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) entscheidet das 15-köpfige Exekutivkomitee, beim IPC die Generalversammlung mit allen 211 Mitgliedern.
IPC-Präsident Andrew Parsons
Neben dem Angriffskrieg Russlands erschüttert das Bombardement des Irans durch die USA und Israel auch den Sport. Das IOC erklärte deshalb dieser Tage in einer Stellungnahme, „über die Störung von Wettkämpfen auf der ganzen Welt“ besorgt zu sein. Und ob der aufkommenden Fragen über weitere mögliche Sanktionen von Sportnationen erinnerte es an unzählige UN-Resolutionen, welche die Autonomie des Sports und die Neutralität des IOC bekräftigen würden. „Sie sind ein Aufruf, den heiligen Raum des Sports vor den Spaltungen der Welt zu schützen.“
Etwas nüchterner scheint das IPC mit den weltweiten Verwerfungen umzugehen. IPC-Präsident Andrew Parsons räumte gegenüber der spanischen Nachrichtenagentur EFE ein, dass sich die Paralympics nicht von den politischen Auswirkungen der Konflikte isolieren könne. „Wir sind keine Insel, wir sind Teil eines globalen Kontexts.“ Er hoffe dennoch, dass die Aufmerksamkeit auf den Athleten, auf der Botschaft der Inklusion und auf den Werten des paralympischen Sports liegen würde. Es wird auch während der Spiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo trotz des traditionellen Aufrufs an die Welt, während Olympischer und Paralympischer Spiele die Waffen schweigen zu lassen, im Iran und in der Ukraine weiter bombardiert werden. Aber der olympische Frieden war noch nie das Papier wert, auf dem er beschworen wurde.
Parasport und Weltkrieg
Genau besehen hat der paralympische Sport von Beginn an sehr viel mit den Kriegen dieser Welt zu tun. Er entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als Rehabilitationsprogramm für kriegsverletzte Soldaten. Und gerade im kriegsführenden Russland genießen die Athleten mit körperlichen Beeinträchtigungen hohes Ansehen. Wladimir Putin empfing die russischen Sportler, die bei den Paralympischen Sommerspielen in Paris noch unter neutraler Flagge antraten, im Kreml und verteilte jede Menge Orden für die Verdienste am Vaterland.
Ähnliches dürfen erst recht die sechs russischen Sportlerinnen und Sportler erwarten, die bei den Paralympics mit allem nationalen Brimborium mitmischen dürfen. Versehrte aus dem Ukraine-Krieg sind dieses Mal noch nicht dabei. Aber bei künftigen Paralympischen Spielen dürfte Russland und die Ukraine, so zynisch muss man es formulieren, aus einer großen Auswahl die Besten bestimmen können. Deren Auftritte werden dann von herausgehobener politischer Bedeutung sein.
Bei den Paralympics in Italien ist nicht nur das russische Aufgebot klein. Belarus hat lediglich vier Startplätze bekommen. Als das IPC die Rückkehr der beiden Länder beschloss, war die Qualifikationsphase für die Spiele bereits in vollem Gange. Wildcards mussten vergeben werden. Außerdem haben die Einzelsportverbände die Entscheidungshoheit in Ausschlussfragen. Beim Rollstuhl-Curling, Para-Eishockey oder Para-Biathlon dürfen nach wie vor weder Russen noch Belarussen mitmachen.
Neben den sportpolitischen Fragen sind die Paralympischen Spiele unterdessen auch mit sehr praktischen Problemen konfrontiert. Die Schließung der Lufträume über den Krisengebieten erschwert vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Anreise. So wurde zuletzt von Sportlern berichtet, die im katarischen Doha am Flughafen festsitzen.
Der Sport, dichtete unlängst das IOC, müsse „ein Leuchtfeuer der Hoffnung bleiben“, „eine Kraft, die die ganze Welt im friedlichen Wettstreit zusammenbringt“. Es ist allerdings eher vom Gegenteil auszugehen. Der Sport wird sich von der politischen Sphäre nicht lösen können. IPC-Präsident Andrew Parsons ist darauf eingestellt.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert