■ Standbild: Filterlose Kindermünder
„Brut“, Montag, 20 Uhr, arte
Was hat guter Champagner mit Szenen prügelnder Skinheads zu tun? „Brut!“ antworten die französischen arte-Dokumentaristen in ihrer neuen „experimentellen Reportagereihe“. Die Schlägerszene und der Luxussprudel – beide seien „trocken, rein, ungemischt“. Das klingt nach abgeschmackter Gourmet-Journaille bei gleichzeitiger Geheimhaltung – nicht mal im Videotext standen die Themen. So schlimm kam es nicht – wenngleich die großen Vorbilder nicht ganz erreicht wurden.
Die Idee mit dem ungesendeten Original-TV-Material stammt vom Low-budget-Spezialisten Euronews. Dessen Sendung „no comment“ liefert täglich ein kosten- und kommentarloses Nachrichtenquiz. Auch der Reality-Sketch mit dem entrückt blickenden Präsidentschaftskandidaten Balladur am Eislaufring, während eine Sängerin seufzt „Du denkst nur an dich“ – das gab es schon besser in „Spiegel TV“: die schauerliche Stolpe- Szene bei einer Predigt („kein Erbarmen“).
„Brut“ – das ist der Versuch, das flüchtige Medium Fernsehen zu stoppen, die Bilder anzuhalten. Die Szenen sind genauso kurz wie Nachrichtenfilme und bieten keine nonverbalen Einblicke. Jede Ausgabe der premiere-Sendung „Zapping“ bringt die Absurdität TV besser auf den Punkt. So wirkten gerade die zwei Beiträge mit Kindermündern am eindringlichsten. Ein schwarzes Mädchen druckst herum, deutet dann auf die weiße Barbie-Puppe: die sei schöner. Warum? Das habe sie im Fernsehen gehört. Ein neunjähriger israelischer Siedlerjunge bei Hebron ist ebenfalls verlegen, aber propagandafest: Arabern reißen sie die Olivenbäume aus, „weil das unser Land ist“.
Diese strikte Authentizität zeichnet auch die besseren Kluge-Interviews aus, in denen er nicht nur Fakten, sondern mehr noch die Art, wie etwas gesagt wird, dokumentieren will: Material für eine unverstellte Öffentlichkeit. „Brut“ war weniger prinzipienfest, wirkte wie ein Kramladen. Im Krebs-Beitrag schwankte sogar das Alter des Patienten zwischen 30 und 32 – Information als Glückssache. Neben den Kindern boten nur die präzisen Beobachtungen des polnischen Kameramanns über Le Pens brutales Skinhead-Fußvolk neue Einblicke. Fernsehen „ungefiltert“ – das ist die neue Illusion, nachdem bereits die Sache mit der Objektivität schiefgegangen ist. Dieter Deul
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