StadtgesprächJürgen Vogt aus Buenos Aires: Die Toten Hosen kommen auf Abschiedstournee nach Argentinien. Wohl keine andere deutsche Band hat so viele Fans im Land am Río de la Plata
Und? Haben Sie Ihre Konzertkarte?“, fragt unvermittelt das Herrchen des Boxerrüden aus der Parallelstraße. – „Wofür?“, frage ich zurück, während meine Hündin Pinky den Boxer schnuppernd begrüßt. – „Na, für das Abschiedskonzert der Toten Hosen in Buenos Aires“, sagt er. –„Das habe ich verpennt, die Karten sind ausverkauft“, sage ich seufzend. Dabei hatte die Düsseldorfer Punkband ihre Abschiedstour in Argentinien schon im November vergangenen Jahres angekündigt.
„Wir wollen jetzt ‚Adiós‘ sagen, wo wir in Bestform sind, und hoffen, einen Abschied feiern zu können, der unserer unglaublichen Liebesgeschichte mit diesem Land und seinen Menschen würdig ist“, schrieben die Hosen auf ihrer Website. Das Motto der Abschiedstour lautet „Fútbol, asado, vino y adiós amigos“. „Fußball, grillen, Wein“ ist ein Zitat aus dem Song „Represión“ der argentinischen Punkband Los Violadores. „Adiós amigos“ haben die Hosen hinzugefügt.
Es gibt wohl keine zweite deutsche Band, die am Río de la Plata so viele Fans hat wie die Toten Hosen. Doch nach 16 Besuchen mit über 40 Auftritten soll jetzt Schluss sein. Anfang Oktober spielen los josen – das j wird als ch gesprochen – in Tandil und in Rosario. Am 10. Oktober heißt es dann wirklich adiós beim letzten Konzert in Buenos Aires.
Begonnen hatte die wunderbare Freundschaft am 11. September 1992 mit dem ersten Auftritt der Band im Rockclub Halley in Buenos Aires. Innerlich auf ein paar Gestalten im Saal vorbereitet, spielten sie bei voller Hütte vor begeisterten Menschen. „Das Publikum in Argentinien hat eine besondere Leidenschaft und unglaubliche Energie. Es ist außerdem sehr loyal. Es kennt alle unsere Lieder, ist lustig und respektvoll“, beschrieb Gitarrist Michael „Breiti“ Breitkopf einige Jahre später die seither unverbrüchliche Verbundenheit.
„2018 war ich beim ‚Hosen-Fest‘ im Club Ciudad de Buenos Aires dabei“, schwelgt jetzt das Boxerherrchen in Erinnerungen. „Das war ein irrer Ritt von Nachmittag bis in die späte Nacht“, erzählt er mit einem Leuchten in den Augen. Gemeinsam mit Bands wie Attaque 77, Cadena Perpetua und Pilsen sei es ein Fest der Fusion von argentinischer mit deutscher Punkkultur gewesen, sagt er.
Eine zentrale Rolle spielte Pil Trafa, Sänger der Punkband Los Violadores. „Der ist hier in unserem Stadtviertel Villa Urquiza geboren“, sagt er. Trafa, mit bürgerlichem Namen Enrique Héctor Chalar, war maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Hosen nach Argentinien kamen. Er starb am 13. August 2021. Auf der Plaza Echeverría, unweit seines Elternhauses, erinnert heute ein Denkmal an die argentinische Punklegende. „Welcher Punk in Deutschland hat so was?“, fragt das Boxerherrchen grinsend.
Dem kann ich nur entgegnen, dass ich eines Sonntagmorgens auf der breiten Avenida 9 de Julio auf eine Gruppe von rund 50 übernächtigten Hosen-Fans traf, zu erkennen an ihrem punkigen Outfit mit dem typischen Hosen-Emblem des gerupften Adlers auf den T-Shirts. Mit deutschem Akzent fragten sie nach einer coolen Frühstücksbar und erzählten, dass zu den Konzerten immer ein Fantross aus Deutschland anreise. Auch diesmal wird ein solcher dabei sein. Ein „Welcher Punk in Argentinien …?“ verkneife ich mir.
„Meine Schwester hat Karten für das Konzert in Rosario bekommen“, sagt jetzt das Frauchen von Reina, der Colliehündin, als sie hört, worum es geht. Und während Pinky und der Boxerrüde Reina freudig begrüßen, erzählt sie, dass ihre Schwester schon beim ersten Konzert in Rosario dabei war: „1997, im Club Morrison war das, wenn ich nicht irre.“ Zusammen mit ihrem Schwager wird sie diesmal hingehen. „Da werden am Ende dicke Tränen fließen“, ist sie sich sicher. Doch jetzt heißt es erst mal: Bienvenidos, Tote Hosen, zu Fußball, grillen und Wein.
Und Pinky, Reina und der Boxerrüde? Die merken, dass sie heute nur Nebensache sind, und wollen nach Hause.
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