StadtgesprächSimone Schlindweinaus Kampala: Blackouts sind in Uganda normal. Doch vor den Wahlen gab es jetzt auch kein Internet mehr
Catherine Babyre sitzt vor einer Turnhalle in Ugandas Hauptstadt Kampala und wartet, dass die Ballettstunde ihrer Töchter zu Ende geht. Normalerweise nutzt die 34-jährige alleinerziehende Mutter diese Zeit am Handy für ihren Onlineshop, in dem sie Hautcremes und Haarpflegemittel vermarktet. Doch Ugandas Regierung hat vergangene Woche, kurz vor den Wahlen, das Internet abgeschaltet, selbst VPN-Anwendungen waren blockiert. Erst am Sonntag wurde es teilweise wieder hochgefahren. Social-Media-Plattformen sind nach wie vor nicht erreichbar.
„Mein Geschäft stand quasi still“, seufzt Babyre. „Normalerweise poste ich morgens meine Produkte, die Kunden kontaktieren mich über Whatsapp, bezahlen via mobilen Geldtransfer, und ich bestelle über eine App ein Motorradtaxi, das dann ausliefert“, erklärt sie. „Ohne Internet geht bei mir also gar nichts.“
Ugandas fünftägiger Internetlockdown hat nicht nur Catherine Babyres Geschäft schwer geschadet, sondern der ganzen Wirtschaft. Denn auch mobile Geldtransfers via Handy waren nicht mehr möglich. Diese sind mittlerweile beliebter als Bargeldzahlungen. „Damit hatte ich einfach nicht gerechnet“, sagt Babyre. Sie habe nicht mal genügend Bargeld gehabt, um ihren Kindern etwas zu essen zu kaufen.
Immerhin, da das Internet bereits zu den vergangenen Wahlen 2021 offline war, hatte sie VPN-Anwendungen vorinstalliert, worüber sie zumindest jetzt wieder auf die sozialen Medien zugreifen kann. „Und beim nächsten Shutdown werde ich mehr Bargeld parat haben.“
Denn eigentlich seien die Menschen in Uganda auf solche Ausfälle eingestellt, sagt Babyre. Und lacht etwas über den jüngsten Stromausfall in Berlin. „Viele Leute in den westlichen Ländern wissen ja gar nicht mehr, wie das so ist.“ In Uganda gibt es solche Ausfälle je nach Wohnort ein-, zweimal die Woche. In den Regenzeiten häufiger, weil Wassermassen die Stromfreileitungen zerstören oder die unterirdisch verlegten Wasserleitungen durch Druck zum Bersten bringen. Die meisten Betriebe, Hotels und Supermärkte haben deshalb Dieselgeneratoren. Wohlhabende Ugander*innen haben Solarzellen auf den Dächern installiert. Gekocht wird ohnehin mit Holzkohle oder Gas.
Ugandas Stromprobleme sind seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner. 2010 generierte das Land so wenig Strom, dass die Regierung jeden Bezirk nur wenige Stunden pro Tag beliefern konnte. Dagegen protestierte 2011 die Bevölkerung. Am Nilabfluss aus dem Victoriasee wurden Wasserkraftwerke errichtet. Jetzt exportiert Uganda den Überschuss sogar in die Nachbarländer. Der Strom fällt trotzdem aus, denn das Netz ist marode.
Im letzten Jahr hat die Regierung deshalb nach 20 Jahren der privaten südafrikanischen Stromgesellschaft Umeme die Konzession nicht verlängert. Eine staatliche Behörde hat den Vertrieb übernommen, kommt aber mit Reparatur- und Wartungsarbeiten nicht hinterher. Wieder sitzen die Ugander*innen im Dunkeln. „Damit kann man umgehen“, sagt Babyre und zückt ihre mobile Powerbank. Zu Hause nutze sie Solarlampen und habe dort immer einige Kanister mit Wasser als Reserve. „Neulich waren aufgrund von Straßenarbeiten zwei Wochen die Wasserleitungen gekappt“, seufzt sie. Sie habe dann Motorradtaxen mit Kanistern zum Brunnen in der Nähe geschickt.
Doch am vergangenen Samstag kam alles zusammen: Das Internet war bereits ausgeschaltet. Morgens war auch das Wasser weg, mittags der Strom. „Das war dann selbst für ugandische Verhältnisse sehr hart“, sagt Babyre und schmunzelt. In Anbetracht des Klimawandels und zunehmender Konflikte auf der Welt, fügt sie hinzu, „müssen wir uns alle auf solche Szenarien viel besser vorbereiten“.
In der aktuellen Folge des taz-Podcasts „Fernverbindung“ spricht Simone Schlindwein über die Präsidentschaftswahl in Uganda.
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