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Sperrmüll als letztes Vergnügen

Das Event-Wochenende holte einen selbst im tiefsten Lichtenberg ein. Mit „kreativer Action“ setzt das „Tollhaus“ auf ein Programm zwischen Fleischeslust und Sitzfleisch    ■ Von Christoph Rasch

Süßliche Rauchschwaden über dem Tiergarten, Besucherrekorde bei IFA und Museumsnacht, der Ku'damm als Catwalk – und schließlich mit Kind und Kegel in die Reichstagskuppel. Ein Event-Wochenende, wohin man schaute. Und dem man, selbst in den entlegensten Winkeln der Stadt, nicht entfliehen konnte.

Samstagnacht. Siegfriedstraße, Lichtenberg – ein trister Industriedamm. Inmitten von Montage-, Umschlag- und BVG-Betriebshöfen schießt ein greller Suchscheinwerfer in den Nachthimmel – das „Tollhaus“ lockt die Lichtenberger Jeunesse. Plüschige Theater-Deko ist hier Markenzeichen und zwischen den massiven Türstehern tänzelt ein schlaksiger Hoffnarr. Dass die Baracke, in der das Tollhaus residiert, vor der Wende ein Unterkunftsheim der Staatssicherheit war, lassen nur noch bauliche Rudimente erahnen. Bunt und schrill ist die Kulisse, homogen das Publikum. Je nach Geschlecht schmücken bis zur Stirn ausrasierte Nacken und blondierte Sonnenbankbräune die bizeps- bzw. nabelfrei gekleidete Partygemeinde.

Und die will „jeden Abend etwas anderes erleben“, sagt Moritz Kuckhoff. Seit vier Jahren sei das Tollhaus daher „Vorreiter“ in Sachen Eventkultur. Der 29-jährige Tollhaus-Geschäftsführer weiß, was Lichtenberger wünschen: Erotic Nights mit Dolly Buster, frivole Single-Partys – „Schlüssel sucht Schloss“ – oder Maßkrug-Wettstemmen auf der „Bayernparty“ sind die Tollitäten, die das Publikum schätzt.

Während sich um diese Uhrzeit tausende von Museumsmitläufern andernorts in überfüllte Shuttlebusse zwängen, fährt die Klientel der Lichtenberger Event-Location noch persönlich vor. „Busse gibt's um diese Zeit keene mehr“, raunt der Taxifahrer, „is eben Arsch der Welt, hier draußen.“ Und weil Letzterer auch sein passendes Pendant sucht, lädt Kuckhoff heute zur „Sofa-Sessel-Mitbring“-Party, um „den hässlichsten Sessel der Stadt“ zu ermitteln. Hauptgewinn ist eine Designercouch, „Wert: 3.000 Mark“. Die baumelt über DJ Totzis Plattentellern, während der es mit Rex Gildo und Gottlieb Wendehals krachen lässt.

„Unsere Kumpels wollten uns schon für verrückt erklären, nachts einen ollen Sessel durch die Gegend zu karren“, frohlocken um halb zwei Uhr nachts Mike, 20, und Benny, 19. Denn sie sind die bisher einzigen Mitspieler. „Vor einem Jahr lief die Sesselparty besser“, beklagt Kuckhoff. Ein Dutzend Fauteuils stapelten sich damals in der Siegfriedstraße. Und mehr Publikum strömte auch. „Unsere Auslastung ist immer noch o. k.“, meint er, aber die Zeiten, in denen man mit „kreativem Action-Programm“ Massen anziehen konnte, scheinen vorbei. Rettend scheint da die „Gewinnspiel“-Schiene: „Die Gier zieht die Leute magisch an“, meint Kuckhoff.

So auch Thomas, 31, der kurz vor zwei Uhr mit seinem alten, abgewetzten Studentensofa dem Abend die entscheidende Wendung bringt. „Man kann nicht nur sitzen drauf“, erläutert der Friedrichshainer verschmitzt ins Mikro des Conferenciers, welcher flugs ein Mädchen zwecks demonstrativer Überprüfung verbliebener Geruchsspuren herbeiwinkt: „Applaus für unsere Kulturparty!“ Applaus für Sessel-Sieger Thomas, der nun öfter reinschauen will ins Tollhaus in der Siegfriedstraße.

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