Soloalbum „Northern Dancer“ von Stella Sommer: Magische Momente

Die Hamburgerin Stella Sommer veröffentlichte ihr zweites Soloalbum „Northern Dancer“. Darin meistert sie klassisches Songwriting im Alleingang.

Stella Sommer, unterwegs im Unterholz

Pop-Esperanto an der Nordseeküste Foto: Gloria De Oliveira

Wie es ihr so geht? Ach ja, so zwanzigzwanzig eben, sagt Stella Sommer, und man versteht intuitiv, was sie meint. Vielleicht ist das aber auch Sommers Normalnull, kommt einem in den Sinn, hört man nun „Northern Dancer“, das zweite Soloalbum der Bandleaderin von Die Heiterkeit aus Hamburg und Berlin, einem der besten Indierock-Ensembles deutscher Zunge.

Ein Verdacht: Die Einsamkeit, der Abstand, das Aushalten oder wie Stella Sommer es formuliert, „Lockdown und Leerlauf“ – so muss ihr das doch schon vergangenes Jahr gegangen sein, als sie die Songs für das Album komponierte!

Auf dem neuen Werk namens „Northern Dancer“ ist Musik, die klingt wie herübergeweht aus den goldenen Zeiten des Pop. Die Musik passt zur tristen Gesamtstimmung so exakt, als hätten diese Songs nur auf den richtigen Moment gewartet, sich zu materialisieren.

Geschenkt, dass sich die Presse nach dem Jahrzehnt, in dem Sommer zu einer der prägendsten Figuren der deutschsprachigem Musikszene wurde, nun endlich unausgesprochen auf sie geeinigt hat: Nun ist endlich genug damit, Sommer darauf zu reduzieren, wie ihre Stimme klingt, und sie mit den circa drei anderen Frauen im Pop zu vergleichen, die sonst noch so aufgerufen werden.

Dabei: Kaum haben alle den Anstand, nicht mehr zu wiederholen, Sommer klänge wie Nico, klingt sie auf einmal wirklich wie Nico. Fast. Und freilich wie die „Desertshore“-Nico, die zwischen Gothic-Folk, Neoklassik und Drone entlangreitet und deren Altstimme nie so ganz in die Lieder hineinpasst, die die Komposition für sie auslegt.

Stella Sommer: „Northern Dancer“ (Northern Dancer Records/TheOrchard)

Stella Sommers neue Lieder handeln von blauen Schatten, der Liebe allein und sieben Schwestern. Sie sind sparsam bis zur Sprödheit arrangiert, aber nutzen effektvoll ein ganz anderes Instrumentarium als ihre zuletzt elektrifizierte Hauptband: Streicher, Bläser, Pauke.

Pop-Esperanto an der Nordseeküste

„Northern Dancer“ ist ihr zweites Werk mit Songs, die komplett auf Englisch gesungen sind, der Sprache, in der sie als Elfjährige an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste einst begonnen hat, eigene Songs zu entwerfen: Pop-Esperanto. Wie schon ihr Solodebüt „13 Kinds of Happiness“ (2018) ist auch das neue Album ein Plädoyer für Songwriting als Handwerk, für den simplen Kern hinter den Ornamenten der Arrangements. Man könnte diesen Ansatz konservativ nennen. Oder klassisch. Klassisch, konservativ und berückend schön.

„Zeitlos“ nennt es Sommer: „Ich glaube, dass ich Musik immer am schönsten fand, wenn sie nicht an eine bestimmte Zeit gebunden ist. Wenn es ist, als wären die Lieder größer als der natürliche Lauf der Dinge, als würden sie sich dem Lauf der Zeit nicht unterordnen. Wenn man nicht weiß, woher etwas kommt, wann es entstanden ist.

Wenn es von überall herkommen könnte“, sagt sie. Nun, eigentlich hat diese Musik natürlich Ort und Zeit, und das ist Westeuropa und Nordamerika, und das sind die späten 1960er und die frühen 1970er. Es geht um Folk aus England und aus dem New Yorker Greenwich Village und da sind typische Westcoast-Choräle. Das mag stimmen, lacht sie, aber wendet ein: „Auch in den Sechzigern klingen Songs nicht wie die Sechziger. Es ist eine andere Art, zu komponieren.“

Nach dem Ende der Indieslacker

Ist da ein Unterschied zu Die Heiterkeit, eine Band, die beinahe exemplarisch die Gegenwart des deutschsprachigen Indie-Rock nach dem Ende von Slacker-Indierock darstellt? Das Debüt 2012 noch als Hamburger Trio, eine brillante Schrammelei, das dritte Album „Pop & Tod I + II“ in völlig veränderter Besetzung 2016 schon als sakrales Meisterwerk mit Chor und letzten Dingen, entstanden zwischen Hamburg und Berlin.

Das letztjährige Werk, „Was passiert ist“, schließlich derart post-genre (Gothic Eurodance?), dass es eigentlich nur im Heute spielen kann. Und dann ist da eben noch die Sprache: „Selbst wenn man sich mit Die Heiterkeit musikalisch in den Sechzigern bewegen würde, ist man im deutschsprachigen Indierock doch immer an das Heute gebunden, weil es ihn einfach nur in einer bestimmten Zeit gab“, sagt Sommer: „Auch das ist das Spannende am Texten auf Englisch, dass es einen ganz anderen Rahmen gibt.“

Oder mehrere, denn genau wie die Songwriter-Ikonen der Sechziger, die stets mit einem fiktiven, eingebildeten archaischen Wissen verbunden schienen, beherrscht auch Stella Sommer das Spiel mit dem mystisch Verrätselten; sie lässt eine poetische Vagheit anklingen, die nicht einmal so tut, als würde sie von etwas handeln außer der Sprache selbst.

Als Inspiration diente ihr ein Gedichtband: „Texte indigener Völker, simple Verse, ganz kurz. Man weiß nie so richtig, um was es geht, nur: Etwas Magisches ist passiert.“ Eine Magie, die sie selbst beim Texten bemerkt. Dass sie gerne manchmal weiter ausholen würde, als das Songformat es zulässt, verneint sie: „Ich schreibe intuitiv. Manchmal geht das so schnell, dass ich nicht weiß, wo etwas hergekommen ist. Manchmal weiß ich, was ich mir dabei gedacht hatte, aber oft denke ich auch einfach nichts.“

Sie lacht, zu Recht: Muss man ihn sich schließlich erst einmal leisten können, diesen Satz. Und das kann sie. Mit „Northern Dancer“ tritt Sommer nicht nur musikalisch autonom auf – sie hat dafür auch soloselbstständig ihr eigenes Label gegründet. Diese Entscheidung ist der Pandemie geschuldet beziehungsweise der dadurch entstandenen unsicheren Lage auf dem Markt und der Flaute auf den Bühnen.

Erste Gespräche mit Labels über das fertiggestellte Album im Frühjahr verliefen allzu zögerlich. „Da dachte ich mir: Bevor ich jetzt noch ewig rumeiere und sich kein Label entscheiden kann, weil ja niemand wusste, wie es weitergeht, mach ich es lieber selbst.“

So verhandelte Sommer diesmal direkt mit Vertrieb und Presswerk. Spaß mache dieses Verhandeln nicht, viel mehr Arbeit bedeute es allerdings auch nicht. Und dabei ist sie auch noch vom Pech verfolgt, gerade mussten zum zweiten Mal aufgrund eines Herstellungsfehlers im Presswerk die just ausgelieferten Vinyl-Exemplare zurückgerufen werden. „Wirklich komplette 2020er-Veröffentlichung“, winkt sie grinsend ab, ohne jede Spur von Gram.

Das Album eines Jahres: Vermutlich ist nicht Stella Sommer gerade hineingeworfen in eine merkwürdige Zeit, sondern die Zeit hineingeworfen in einen Ausnahmezustand, in dem Stella Sommer sich mit „Nor­thern Dancer“ längst gut eingerichtet hat.

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