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Der Honeyball Club erobert Sporträume, indem er für Flinta* Public Viewing zu Frauensport organisiert. Der Andrang veranschaulicht das fehlende Angebot

Aus Köln Alina Schwermer

Manchmal hängt doch noch alles an Christina Eckstein. In jenem Moment in der ersten Halbzeit zum Beispiel, als das Bild ausfällt. Es wird still im Raum. Eckstein sprintet nach vorn, löst das Problem in wenigen Sekunden und führt das Interview ungerührt weiter. Der Geräuschpegel der Fans steigt wieder. Auf zwei Bildschirmen läuft die Fußballnationalelf der Frauen gegen Japan, vor vollem Raum. Eine neue Normalität, die zugleich Revolution ist: Public Viewing im Frauensport.

„Es soll ein Angebot von der Community für die Community sein, es soll unabhängig von mir funktionieren“, sagt Christina Eckstein. Erst vor einem halben Jahr hat sie dieses revolutionäre Angebot geschaffen: den Honeyball Club, den ersten Club in Deutschland, der ausschließlich Frauensport zeigt. Der Club ist kein fester Ort; es gibt Pop-up-Veranstaltungen quer durch die Republik, bislang an den Standorten München, Berlin und Köln.

Der Honeyball Club ist FLINTA*-zentriert, aber alle Menschen sind willkommen. Benannt ist er nach der Frauenfußball-Pionierin Nettie Honeyball, die das erste Team in Großbritannien gründete. Und ja, es fühlt sich auch hier nach Pionierleistung an, an diesem milden Herbstabend in Köln. Wer es gewohnt ist, Fußball in der Gruppe zu schauen, Männerfußball natürlich, erlebt eine neue Idee von Rudelgucken: offen, solidarisch, entspannt. Niemand brüllt den Bildschirm an oder hält Co-Referate mit der Moderatorin.

Die Fans schauen und plaudern, man unterhält sich tiefgehender als in einer üblichen Eckkneipe oder Sportbar. Es wird auch mehr gelacht. Es fühlt sich sicher an. Und wenn die Deutschen treffen, gibt es Applaus statt Gegröle. Wer Unterschiede finden will, findet sie. Wer Gemeinsamkeiten sucht, findet die Liebe zum Spiel. Ein Spiel, das öffentlich fast unsichtbar ist. Der Honeyball Club erobert Sporträume ganz wörtlich: Sehen und sichtbar machen.

Christina Eckstein ist kein bisschen überrascht über den Andrang. „Ich war immer total der Überzeugung, dass es eine große Nachfrage gibt. Es fehlt das Angebot.“ Die gelernte Sportmanagerin erfüllte sich mit dem Honeyball Club das, wonach sie sich selbst sehnte. „Meine Vision ist: Frauensportgucken zum Kulturgut zu machen.“ Eckstein hat damit einen Nerv getroffen.

Das Medieninteresse ist riesig, das Interesse von Flinta* an den Veranstaltungen ebenso. Die Events, die 5 Euro Eintritt kosten, sind fast immer ausverkauft. Erfolgreich hat Eckstein damit eine ewige Behauptung Lügen gestraft: dass sich für Frauensport eh niemand interessiere.

Sarah ist an diesem Abend zum zweiten Mal dabei. Sie sei über Instagram inspiriert worden. „Ich will Frauensport unterstützen. Und ich genieße, dass das in einem Safe Space möglich ist.“ Seit 25 Jahren ist sie Fan des 1. FC Köln, aber in Fußballkneipen fühlt sie sich nicht wohl. „Es ist eng, voll und nicht jeder versteht, dass man zum Gucken da ist und nicht zum Dating.“

Sie mag das Gefühl, Teil einer großen Entwicklung zu sein. Und auch, dass es Tickets gibt und somit nur Menschen kommen, die die Idee unterstützen. „Es ist eine homogene Gruppe.“ Diese Homogenität hat allerdings auch Haken. Der Club gastiert heute in einem Co-Working-Space in der Innenstadt, viele Fans trinken Hipster-Cola oder Weißwein. Es ist eine bestimmte soziale Gruppe, die diese Atmosphäre genießt.

Die Klientel ist zwischen 20 und 40 Jahre alt und akademisch-alternativ. Flinta* aus anderen Milieus fehlen spürbar. Zwar gibt es Solitickets, aber bei den feinen Unterschieden geht es nicht nur um Geld. „Die Zielgruppe ist im Moment noch relativ spitz“, räumt Christina Eckstein ein, und sagt: „Wir wollen mehr Menschen ansprechen.“

Es gibt Events an verschiedenen Orten, auch in Kneipen. Und sie würde gern etwas im ländlichen Raum anbieten, Eckstein denkt an eine Kleinstadt mit großem Einzugsgebiet. Aber klar, all das kostet. Bisher hat die Gründerin ihr eigenes Vermögen in den Aufbau der Community und die Umsetzung der Events investiert. Für die Events muss sie Vereinbarungen zum Beispiel mit Sportverbänden und TV-Anstalten treffen. Mitunter könne das Monate dauern.

„Ich führe keine Kneipe, für mein Modell gibt es noch gar keine Blaupause.“ Um in Zukunft weitere Events organisieren zu können, hat sie nun ein Crowdfunding gestartet. Die Chancen sind gut, denn die Idee boomt. In England hat gerade die erste Kneipe nur für Frauensport eröffnet und wurde ebenfalls von der Nachfrage überrollt. In den USA gibt es mit der Sports Bra sogar ein rasant expandierendes Franchise fürs Rudelgucken des Sports der Frauen.

Im Gegensatz zum gesättigten Markt der Männer bietet Frauensport niedrige Einstiegskosten bei enormem Wachstum. Zwischen 2022 und 2026 schossen die Einnahmen des globalen Frauensports um 340 Prozent in die Höhe. In den USA etwa wuchsen sie vier- bis fünfmal so viel wie die Einnahmen des Männersports. Und mit der Sichtbarkeit kommt die Nachfrage.

Ferda, Chantal und Eva haben sich im Honeyball Club gefunden. Chantal und Eva sind Stammgäste und Freundinnen, sie haben zusammen bei Vorwärts SpoHo gekickt, einem ambitionierten Kölner Regionalligisten. Chantal hat gerade aufgehört. „Ich vermisse Fußball“, erzählt sie, „aber auf Leistung will ich nicht mehr spielen.“ Im Honeyball Club kann sie die Sehnsucht zumindest am Bildschirm stillen. Und Menschen kennenlernen.

So wie Ferda, die neu hier ist. „Ich mag das Miteinander, dass man ins Gespräch kommt“, sagt Ferda. „Es ist eine sehr entspannte Atmosphäre.“ Die neuen Freundschaften sind Teil der Idee. Eckstein berichtet, dass manche Leute jetzt gemeinsam zu Events kommen. Sie bilden Banden. „Es wurde auch schon eine Kickrunde und eine Padelgruppe gegründet.“ Solidarität im Zeitalter der Vereinzelung.

Der Honeyball Club strahlt dabei ein Sportverständnis aus, das stellvertretend ist für den neuen Hype um Frauensport und das man durchaus kritisch sehen kann. Spitzensport wird gefeiert, das Nationalteam bejubelt. Es ist Liberalfeminismus, der gut passt zum Milieu der Co-Working-Spaces. Aber zunächst mal: Feminismus. Ein Wort, das lange gebraucht hat, bis es im Sport selbstverständlicher wurde.

Geht es nach Christina Eckstein, soll diese Selbstverständlichkeit wachsen. „Wenn am Samstag die Männer-Bundesliga spielt, sind die Kneipen voll“, sagt sie. „Ich möchte, dass Frauensport eines Tages auch so kulturell verankert ist.“ Wenn man sich das Wachstum ihrer ­Community ansieht, ist das nicht so unrealistisch, wie viele Männer glauben.