Soldaten-Lifestylemagazin "Y.": Der Pepp der Bundeswehr

Das vom Verteidigungsministerium produzierte "Y."-Magazin versucht einen Mix aus Waffenkunde, Geschichte und Lifestyle - und thematisiert das Attentat auf Rudi Dutschke.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng. Um zur Redaktion des Y. Magazins der Bundeswehr zu kommen, muss man durch die Personalausweiskontrolle, auf die Erteilung der Eintrittserlaubnis mit Unterschrift warten, dann erst wird der Besucherausweis aushändigt. Ist man dann endlich in der Redaktion, wird es entgegen allen zuvor geschürten Erwartungen fast heimelig: Es gibt einen herzlichen Empfang, dazu Kaffee mit Milch und Zucker. Nach einigen Schwierigkeiten, einen Termin zu bekommen, ist man dort jetzt gerne bereit, Auskunft über das offizielle Monatsmagazin der Bundeswehr zu geben. Es wird sogar richtig gemütlich mitten auf der Hardthöhe, dem Gelände des Bundesverteidigungsministeriums in Bonn.

Die Räume der Redaktion sind in dunklen, altbackenen Farben gehalten, mit Teppich und Gardinen, und stehen so ganz im Gegensatz zu dem Heft, das hier produziert wird. Das wirkt eher schrill und bunt - optisch und inhaltlich. Im nahezu familiären Kreis wird mit 16 Männern und immerhin 6 Frauen - für die Bundeswehr ein verhältnismäßig hoher weiblicher Anteil - an dem über 100 Seiten starken Monatsheft gearbeitet, das regelmäßig an alle Soldaten der Bundeswehr im In- und Ausland und die interessierte Öffentlichkeit verteilt wird.

Stolz sind sie auf ihr Blatt. Richtig stolz. Selbstbewusst redet Chefredakteur Dieter Buchholtz, Mitte 60 und ehemaliger Feuilletonredakteur des Generalanzeigers in Bonn, über Journalismus und Meinungsfreiheit. All das habe Platz im Y. Keine reine Truppeninformation wie früher, sondern ein peppiges und informierenden Blatt mit einer Auflage von mittlerweile 75.000 Stück, das auch von freilich der Bundeswehr zugeneigten Zivilisten gelesen werden soll: "Der Anteil der an Kiosken verkauften Exemplare liegt mittlerweile bei stabilen 4.000 Exemplaren", erklärt Buchholtz. Er klingt wie ein Pressesprecher. Seine Sätze sind wohlformuliert, nicht zum ersten Mal muss der Journalist sein Heft verteidigen.

"Die Deutsche Bahn hat mit Mobil ja auch sehr erfolgreich ein Unternehmensblatt herausgebracht", pflichtet Oberstleutnant Conrad Flachsbarth bei. Er ist Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf der Hardthöhe und weicht während des gesamten Besuchs nicht von unserer Seite.

Aufgabe des Hefts ist laut Selbstverständnis die klassische Information über typische Bundeswehr-Themen wie Eurofighter oder Auslandseinsätze. Daneben ist Y aber auch aufklärerisch: "Wir begleiten mit dem Magazin die historische und politische Bildung unserer Soldaten und wollen historische Zusammenhänge aufzeigen", so Buchholtz. Das Attentat auf Rudi-Dutschke vom April 1968 - ein eigentlich ja so gar nicht bundeswehraffines Thema - findet im Heft Platz. Oder auch die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Über all das wird nicht nüchtern oder objektiv berichtet, sondern in einem Ton, der eher wirkt, als sei er den gängigen Jugendmagazinen abgeschaut. Chefredakteur Buchholtz beschreibt das so: "Wir versuchen immer, einen etwas anderen Weg zu gehen. Wichtig ist uns dabei die Dramaturgie, denn das Heft soll gelesen werden." Y. möchte feuilletonistisch sein, ist aber oberflächlich. So richtig viel scheint man dem Leser nicht zuzutrauen, die Themen werden schlaglichtartig aufbereitet und in kleinen Häppchen angeboten. So hat man mit Y. eine Art Lifestylemagazin für Soldaten, die, während sie sich im Auslandseinsatz um ihre Gesundheit sorgen, Lebenshilfe aus Bonn erhalten: Es werden wie wild Themen aller Couleur durcheinandergeworfen, irgendwie eine Mischung aus FHM (ohne posierende Frauen), der Zeit (ohne Helmut Schmidt) und Bravo (inklusive Musiktipps und Foto-Love-Story). Unterhaltung und Information, mit großen Bildern und vielen Farben.

In der Ausgabe April/08 ist beispielsweise der Aufmacher ein Fitnesscheck dreier Redaktionsmitglieder von Y., dazu gibt es sportmedizinische Tipps - das ist die Y.-typische Reaktion auf den kürzlich aufgekommen Vorwurf des Wehrbeauftragten Reinhold Robbe (SPD), Bundeswehrangehörige seien zu dick und konsumieren zu viel Alkohol und Nikotin. Was fehlt? Eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Doch Y. ist Unterhaltung und Service. Den Vorwurf, das Magazin diene der reinen Öffentlichkeitsarbeit, weist Buchholtz vehement von sich: "Wir arbeiten hier deutlich journalistisch. Natürlich sind wir ein Teil der Institution Bundeswehr und dementsprechend auch in bestimmte thematische Bereiche eingebunden. Aber wir haben eine definitive Recherchefreiheit." Schön und gut, aber war vorher nicht von Meinungsfreiheit die Rede?

Der Jahresbericht 2007 des Wehrbeauftragten Reinhald Robbe findet dann noch einmal Erwähnung unter dem Titel "Spürbar helfen" - hier wird das Thema Unsportlichkeit und Dicksein erneut kurz aufgegriffen - Herzstück des Textes ist aber die Kritik Robbes an der Unvereinbarkeit von Dienst und Familie in der Bundeswehr. Reumütig wird zugeben, dass Verbesserungsbedarf bestehe, aber das alles plätschert so vor sich hin, wird in sanfte Worte gefasst, dass man der Bundeswehr gar nicht böse sein kann. Schlau gemacht: Selbstkritik ist irgendwie eingebaut, aber suggeriert wird: Die Bundeswehr arbeitet dran! Und die wirklich wichtigen Themen? Auch die finden ihren Platz, irgendwie. Der konservative Terrorismusexperte Rolf Tophoven schreibt im April-Heft über die "Neue Generation": Er spricht von neuen "autonomen Zellen fanatischer Gotteskrieger" die sich ausbreiten, und beschwichtigt zugleich, dass die "effiziente Arbeit der Sicherheitsbehörden" bisher einen großen Terroranschlag in Deutschland verhindert habe. Das klingt nicht nach unabhängiger Information, sondern nach Glorifizierung staatlicher Institutionen und schlichtem Anheizen von Aggression. Schließlich muss das Heft die Soldaten in den Einsatzgebieten bei Laune halten, und das funktioniert mit dem Schüren von Angst vor Terrorismus.

Bei der Entwicklung des Heftes im Jahr 2000 erkannte man: Soldaten können ein Magazin mit journalistischem Anspruch nicht allein hervorbringen. Deshalb holte man sich Profis aus dem Frankfurter Societäts-Verlag dazu, die nicht der Bundeswehr angehören und rein redaktionell arbeiten. Dennoch: Wirklich unabhängige Berichterstattung findet bis heute keinen Platz. Wie auch? Die Finanzierung findet über das Bundesverteidigungsministerium statt, und die Redaktion untersteht dem Presse- und Informationsamt der Bundeswehr. Und gerade deshalb sehen sich die Redakteure wohl mit einem Dilemma konfrontiert: Sie sind bewusst als Journalisten rekrutiert worden und haben einen entsprechenden Anspruch. Trotzdem unterstehen sie einer Institution, die auf positive Berichterstattung angewiesen ist. Man muss sich also eines Tricks bedienen, um diesen eigenen und den Anspruch der Bundeswehr auf wohlmeinende Berichterstattung zu kombinieren, und der heißt: Distanz durch Selbstironie. Beispiel: Der Aufmacher über Unsportlichkeit zeigt nicht zufällig großformatige Fotos der Redakteure beim Fitnesstest. Durch die optische Aufbereitung wird dieses Thema mit augenzwinkernder Ironie behandelt. Einen ähnlichen Zweck erfüllen die im Heft abgedruckten ganzseitigen Cartoons, in denen gerne klassische Bundeswehr-Aktivitäten karikiert werden. Im April-Heft sind beispielsweise um die Wette robbende Soldaten zu sehen, dazu die Sprechblase: "Wir üben für eine neue Olympia-Disziplin!" Ist das komisch? Für Bundeswehrverhältnisse sicherlich und für die Macher des Hefts wahrscheinlich die größtmögliche Form unabhängiger Berichterstattung.

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