Siegerin der Rad-WM: Blaues Wunder

Elisa Balsamo ist Weltmeisterin. Die Favoritinnen aus den Niederlanden können über die Arbeit der Italienerinnen für ihre Kapitänin nur staunen.

Elisa Balsamo reißt den Mubnd weit auf und reckt die Arme in die Höhe

Freudenschrei: Elisa Balsamo überquert die Ziellinie Foto: ap

LÖWEN taz | Sport ist, wenn sich nicht immer die Favoritinnen oder Favoriten durchsetzen. Das wurde beim WM-Straßenrennen der Frauen in Flandern deutlich. Das niederländische Team, im Frauenradsport mit zuletzt vier Weltmeisterinnentiteln in Folge etwa so dominant wie ein gewisser bayrischer Fußballklub in der Bundesliga, startete auf der letzten Runde durch die Brauereistadt Löwen eine Attacke nach der anderen.

Ob Lucinda Brand, im Frühjahr noch Siegerin der Thüringen-Rundfahrt, Ellen van Dijk, die neue Zeitfahrweltmeisterin, oder Annemiek van Vleuten, mit ihren vielen und grandios herausgefahrenen Siegen so etwas wie der Muhammad Ali des weiblichen Zweiradsports auf Asphalt und Pflaster – sie alle schossen mit Attacken aus dem Feld hervor. In normalen, in weniger heiß umkämpften Rennen, wäre wohl jede dieser Attacken tödlich gewesen.

An diesem Samstagabend in Flandern hatte jede Frau im Oranje-Dress aber noch einen blauen Schatten. Ob Marta Cavalli, Marta Bastianelli oder Elisa Longo Borghini – stets parierte eine Italienerin den Angriff. Oft genug sah man in jenen Momenten auch noch ein weiß-rotes Trikot vorn, sodass man schwer erstaunt über die tolle Mannschaftsleistung der Polinnen war. In diesem Falle handelte es sich aber um nur eine einzige Athletin, die beim deutschen Rennstall Canyon SRAM unter Vertrag stehende Katarzyna Niewiadoma. Niewiadoma attackierte teilweise auch noch selbst – mit dem Ergebnis, dann über einen doppelfarbigen Schatten aus Orange und Blau zu verfügen.

„Ich wollte einfach auf jedem dieser kleinen Hügel attackieren. Aber stets gingen da eine Niederländerin und eine Italienerin mit. Und leider wollte von denen niemand mit mir arbeiten“, sagte Niewiadoma, und fügte säuerlich lächelnd auf der Siegerinnenpressekonferenz hinzu: „Jetzt weiß ich auch, warum.“ Die Polin war dort zwar eingeladen, aber eben nur als Dritte. Der Stuhl neben ihr war für Weltmeisterin Elisa Balsamo aus Italien freigehalten, und an der anderen Seite von Balsamo nahm Marianne Vos, die Grande Dame des Rennsports aus den Niederlanden, Platz. Balsamo, die erst 23-jährige Überraschungsweltmeisterin, strahlte.

Vos, dreifache Weltmeisterin zwar, aber jetzt schon zum siebten Mal Vizeweltmeisterin, wusste nicht recht, ob ihr zum Heulen oder zum Lachen zumute war. Sie machte dann eben beides. Sie freute sich auf der Pressekonferenz über Silber. Tränen der Enttäuschung vergoss sie zuvor inmitten ihrer ebenfalls enttäuschten Teamkameradinnen.

Perfekt vorbereiteter Sprint

Sie bekam Zuspruch. „Ich schäme mir die Augen aus dem Kopf für Marianne, denn wir hätten als Team besser funktionieren müssen“, meinte etwa van Vleuten. Denn im entscheidenden Moment war Vos, die beste Sprinterin des Teams, allein. Für Italien hingegen riss auf dem letzten Kilometer Elisa Longo Borghini eine Lücke. In ihrem Windschatten war die spätere Weltmeisterin Balsamo, dahinter Vos. Den perfekt angefahrenen Sprint entschied Balsamo.

Die 23-Jährige ist ganz sicher eine Überraschungssiegerin. Denn fast jede Athletin, die man vorher befragte, ging davon aus, dass eine Niederländerin gewinnen würde. „Die haben für jede Rennsituation eine Fahrerin. Jede von ihnen kann gewinnen“, meinte etwa Lisa Brennauer, die im Überraschungsrennen einen guten 9. Platz herausfuhr. Dass sie sich selbst mehr erwartet hatte, ist eine andere Geschichte. Balsamos Sieg fiel für sie aber auch nicht aus heiterem Himmel. „Sie kommt von der Bahn, bringt da Explosivität mit. Und sie hat bei den Frühjahrsklassikern in diesem Jahr gezeigt, dass sie da auch vorn mitfahren und um den Sieg sprinten kann“, analysierte die deutsche Kapitänin.

Ausgerechnet die geschlagene Vos hatte Balsamo sogar als ihre persönliche Favoritin für dieses WM-Rennen auf dem Zettel. „Sie ist sehr schnell, sie kommt mit kleinen Anstiegen und auch dem Kopfsteinplaster gut zurecht. Sie war für mich die Gefährlichste“, meinte Vos. Dass ihre Ahnung sich bewahrheitete, lag aber auch an der überragenden Mannschaftsleistung Italiens. Wie die Frauen in Blau jeden Angriff der Oranjes parierten, war lehrbuchreif.

Stoisch vertrauten sie darauf, dass Balsamo, die keinen einzigen Tritt vorn im Wind fahren musste und Kräfte fürs Finale sparen konnte, tatsächlich die Beste sein würde. Jede einzelne dieser Rennfahrerinnen widerstand auch der Versuchung, vielleicht doch mit der Niederländerin mitzugehen, die sie gerade beschatten sollte, oder gemeinsam mit der Polin Niewiadoma davonzufahren und den eigenen Erfolg zu suchen.

Mit Elisa Balsamo hat der Frauenradsport jetzt eine neue Königin. Sie ist multitalentiert, feierte auf der Bahn in der Verfolgung, dem Omnium, dem Madison und dem Scratch erste Erfolge. Sie hat auch das Zeug dazu, auf der Straße noch viel zu gewinnen.

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