Sieger des Deutschen Lichtdesign-Preises: Diepholz auf dem Weg ins Licht
Das Beleuchtungskonzept für die kleine Kreisstadt zwischen Osnabrück und Bremen hat den Deutschen Lichtdesign-Preis erhalten. Eine Begehung.
Jetzt, wenn es früh dunkel wird, kommt es besonders gut zur Geltung: In seiner Mitte leuchtet Diepholz. Und es leuchtet schön. Das ist quasi amtlich festgestellt, von der Jury des deutschen Lichtdesignpreises, wobei im Himmel über der Fußgängerzonenkreuzung wie in vorweihnachtlicher Rufbereitschaft bereits die Lichterketten hängen; noch sind sie aus, können aber bestimmt jederzeit angeknipst werden und damit das ganze ausgezeichnete Konzept schon bald wieder beeinträchtigen.
Für Purist*innen ist also jetzt der Moment, nach Diepholz zu reisen und in der Dämmerung den knappen Kilometer vom Bahnhof Richtung Zentrum zu marschieren. Am besten ohne Routenplaner, den braucht hier niemand, es geht ohnehin nur geradeaus, und dann fällt der Kontrast stärker ins Auge. Der ist eindrucksvoll. Denn düster wirkt die Bahnhofstraße und nach links rüber scheinen die alten Straßenlaternen einen Grauschleier auf den Weg zu legen, den sie erhellen.
Rechts hingegen öffnet sich die Lange Straße wie eine freundschaftliche Umarmung. Und das muss ein Effekt der Beleuchtung sein, der warmweiß strahlenden LED-Stelen und des in den Boden eingelassenen Funktionsbandes, mit denen die Kreisstadt am Dümmer beim Lichtdesign-Preis 2026 in der Rubrik „Außenbeleuchtung/Öffentliche Bereiche“ gewonnen hat.
Im Windeschatten der Geschichte
Das ist keine Trostpreiskategorie für Landgemeinden: Diepholz ist im Laufe von zehn Jahren erst die zweite Stadt unter 20.000 Einwohner*innen, die sie für sich hat entscheiden können. Zu ihren Vorgängerinnen gehörten Hamburg, Hannover, München und Berlin. Und auch diesmal waren mit Luxemburg eine europäische Hauptstadt und mit Düsseldorf eine Wirtschaftsmetropole nominiert. Und trotzdem hat der etwas im Windschatten der Geschichte zwischen Osnabrück und Bremen gelegene Ort sie alle überstrahlt.
Der „neugestalteten Beleuchtung der Diepholzer Innenstadt“ gelinge es, „den urbanen Raum durch atmosphärische Komponenten und gezielte Akzentuierungen nachhaltig und effizient mit Leben zu erfüllen“, begründet die Jury ihre Entscheidung etwas schief. Einerseits führt in die Irre, die zwei Straßenabschnitte in Diepholz’ Mitte, die lichtgestalterisch bereits ausgearbeitet sind, als „Innenstadt“ zu bezeichnen: Es soll ja noch wachsen, rüber zum Schloss hin, sowohl stadt- als auch beleuchtungsplanerisch, auch das Bahnhofstraßenproblem ist erkannt.
Und andererseits, wer Diepholz „urban“ nennt, weiß offenbar nicht, was das Adjektiv bedeutet. So verdeckt das Lob die gestalterische kommunale Leistung, deren Element die Beleuchtung ist: Sie ist ein wahrnehmbarer Schritt auf dem Weg, den auch schon vor Corona abends nicht besonders frequentierten Ortskern zu einem Raum zu machen, an dem sich Menschen aufhalten. Und zwar, weil sie es wollen.
Alle Geschäfte dicht
Das ist kein Nahziel. Gegenwärtig sind hier um 19 Uhr alle Geschäfte dicht, die Spielinseln verwaist; es gibt, immerhin, zwei Restaurants und eine Kneipe, der Springbrunnen plätschert. Am Ende der Straße sitzt ein Mann auf einem Poller und singt leise, allerdings weder melodie- noch textsicher, Leonard Cohen’s Hallelujah; vermutlich hat er einen im Tee.
Also: Da geht noch was in Richtung lebendig. Und das allein dem Lichtkonzept aufbürden zu wollen, wäre ebenso Quatsch, wie sich von ihm eine Belebung des Tourismus zu erhoffen. „Keiner kommt nach Diepholz, um sich die Straßenbeleuchtung anzuschauen“, bestätigt Kristin Christen vom verantwortlichen Designbüro OC-Lichtplanung. „Das wäre zu viel verlangt.“ Stattdessen solle das Lichtkonzept „dazu beitragen, dass sich die Menschen hier wohlfühlen“. Groß in Erscheinung treten müsse es dafür nicht.
Aber ein paar spielerische Elemente hat es dann doch. Dazu gehört, dass ab und an die in den Boden eingelassenen Lichtfliesen die Farben Blau und Grün annehmen, „das sind die Stadtfarben“, so Christen. Ihr zufolge können sie auch mit anderen bunten Tönen bei Stadtfesten zur Atmosphäre beisteuern. Und kommenden Monat, am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, der auch „Orange Day“ heißt, sollen sie ein Zeichen der Solidarität setzen.
Die Besonderheit
Im Rahmen der Neugestaltung der Innenstadt hat Diepholz ein Beleuchtungskonzept entwickeln lassen, das mit seinen LED-Stelen und ihrer warmen, freundlichen Atmosphäre die Fachjury des Lichtdesignpreises begeistert hat. Chapeau!
Das Zielpublikum
Neben Diepholzer*innen und solchen, die es werden wollen, könnten sich Menschen mit Stadtplanungsinteresse hier erleuchten lassen.
Hindernisse auf dem Weg
Eigentlich keine. Wer den Rückweg absichern will: Der letzte Zug nach Bremen fährt um kurz vor, nach Osnabrück um kurz nach Mitternacht.
Ein anderes Detail findet sich im Durchlass zur Hinteren Straße: Gut verborgene Projektoren malen Gänsesilhouetten aus Licht an die Wände der beiden Häuser, zwischen denen dieser Gang verläuft, denn die Diepholzer Gans ist das, wofür man Diepholz kennt, wenn man Diepholz kennt. Sie hat laut Slowfood besonders zartes Fleisch und ist stark gefährdet.
Fast zum Verschwinden gebracht wird sie jedenfalls vom Weißlicht, mit dem der Juwelier seine Konfektionsuhren im Schaufenster beschießt: Über Lichtkonkurrenzen wird noch zu reden sein, in Diepholz, nicht nur zur Weihnachtszeit. Aber das wird schon. Denn die City-Entödung ist sicher ein Ziel, auf das man sich verständigen kann. Und bei dem ist die Stadt auf einem guten Weg.
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