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Sie wollen Schule machen

An der internationalen Montessori­schule in München lernen genauso viele Kinder mit Fluchtbiografie wie Einheimische. Wie das gelingen kann

Für Nathalie, Marie-Grace und Jeno (v.l.n.r.) ist das Pausenboot auf der Dachterrasse auch ein Rückzugsort Foto: Florian Bachmeier

Aus München Dominik Baur (Text) und Florian Bachmeier (Fotos)

Es ist ja nicht so, als hätte man hier nur Spaß. Schule bleibt Schule. Mit allem, was dazugehört: Deklinationen, Turnen, Gleichungen und Winkel. Über die Winkel einiger Dreiecke beugt sich gerade eine Schülerin der 10V1, ziemlich unglücklich wirkt sie. „Ich versteh’ das nicht“, klagt sie. Es geht um die Ähnlichkeit von geometrischen Figuren. Christiane Wagner, die Klassenlehrerin, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich zu der Schülerin an den Tisch. Geduldig fängt sie an zu erklären: „Weißt du noch, wie die Winkelsumme im Dreieck ist?“

Die Tische im kaum mehr als wohnzimmergroßen Klassenzimmer der 10V1 der internationalen Montessorischule in München bilden ein Hufeisen. An die Pinnwand sind Karten mit „Lerntipps“ geheftet: „To-do-Listen schreiben und abhaken“, „Youtube-Videos schauen“, „Laut vorlesen, damit man es besser versteht“, „Viel Wasser trinken“. Am anderen Ende des Klassenzimmers sitzen zwei Jugendliche und diskutieren auf Dari die Geometrieaufgabe. Andere sind mit Mathe bereits fertig, packen ihre Deutschsachen aus. „Generell sind sie schon sehr motiviert“, sagt Wagner über ihre Klasse.

Es ist ein ganz normaler Schultag an einer nicht ganz so normalen Schule. Man könnte sie auch – wie Matthias Weinzierl – als „völlig verrückten Ort“ bezeichnen, aber Weinzierl ist noch gar nicht an der Reihe. Campus di Monaco nennt sich die Schule – oder eben internationale Montessorischule. Dass hier die Hälfte der 320 Schüler einen Fluchthintergrund hat und das sogar so gewollt ist, ist sicher nicht normal in Bayern. Inklusion pur, bloß dass man hier manchmal nicht mehr so recht weiß, wer eigentlich inkludiert wird – der beste Beweis, dass es funktioniert hat. Dass man auch noch „Umweltschule“ ist, in einem klimaneutralen Holzhaus sitzt, die schuleigene Kantine nur hochwertiges Bioessen auftischt und es hier ein Schulfach Engagement und ein Axolotl gibt, derlei kleine Besonderheiten fallen dann gar nicht mehr weiter auf.

Vielleicht machen sie hier ja doch etwas richtig. Vielleicht ist es ja doch kein Zufall, dass im vergangenen Herbst just diese Schule in die Auswahl des Deutschen Schulpreises kam, unter die Top 20. Wohlgemerkt: als einzige Schule in Bayern. In dem Bundesland, in dem die Politik ihr Bildungssystem über alles lobt und nicht selten mit Häme über die Schulen von Ländern wie Nordrhein-Westfalen oder Bremen herzieht, schaffte es nur eine private Schule in die Auswahl.

Erst 2019 wurde die Schule gegründet, damals noch in provisorischen Räumen in der Innenstadt. Drei Jahre später zog man hier raus nach Neuperlach. Ein sympathischer Stadtteil Münchens, aber auch einer, dem der notorische Beiname „sozialer Brennpunkt“ anhängt. Oder Glasscherbenviertel, wie man hier sagt. Es war ein feierlicher Umzug damals. In einer großen „Parade für Vielfalt“ zogen sie mit einem neun mal vier Meter großen Holzboot durch die Straßen. Das Boot hatten sie nach dem Vorbild eines Schulschiffs in Bangladesch selbst gebaut.

Am neuen Haus, einem schmalen in eine Baulücke zwischen einem Bürohaus und einem kleinen Einkaufszentrum gezwängten Bau, angekommen, wurde das Boot mit einem Kran auf das Dach des Gebäudes gesetzt. Die Dachterrasse ist gewissermaßen der Schulhof des Campus. Das „Pausenboot“ ist nun zugleich Rückzugsort für Schüler und so etwas wie das Maskottchen der Schule.

Inzwischen besteht der Campus di Monaco aus einer Grund- und einer Mittelschule, die die Jahrgänge 1 bis 9 abdecken, plus sogenannter M-Klassen. M-Klassen sind eine Möglichkeit im dreigliedrigen bayerischen Schulsystem nach dem Mittelschulabschluss noch ein Jahr dranzuhängen und dann die Mittlere Reife zu erhalten, die man sonst an der Realschule erwirbt. Am Campus gibt es auch eine M-Klasse, die sich über zwei Jahre erstreckt – 10V1 und 10V2 eben. Ideal für Schüler, die noch nicht so sicher in der deutschen Sprache sind.

Der Eingang der Montessorischule wirkt wie versteckt Foto: Florian Bachmeier

Auch in der 10V1 kommen die Schüler von überall her. Naree etwa stammt aus Thailand, hat deutsche Adoptiveltern. Jeno und Marie-Grace sind vor wenigen Jahren aus dem Kongo gekommen, Nathalie ist deutsch. Die anderen kommen beispielsweise aus Somalia, Afghanistan, Polen, der Ukraine und dem Jemen. 15 Schüler sind es, 11 von ihnen haben Deutsch erst als Zweit- oder Drittsprache gelernt, manche sind erst vor drei, vier Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.

15 Schüler, das ist nicht viel. Die durchschnittliche Klassengröße an bayerischen Mittelschulen liegt bei 20,3 Schülern. Die kleinen Klassen am Campus ermöglichen eine besonders intensive Betreuung durch die Lehrkräfte. Und es sind ja nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer, die sich um die Klassen kümmern. „Multidisziplinär“ lautet das Zauberwort, das Schulleiterin Antonia Veramendi besonders gern in den Mund nimmt, wenn sie über ihre Schule spricht. So ergänzten etwa Heilpädagogen, eine Kunsttherapeutin, eine Spieltherapeutin, eine Traumatherapeutin und Lernbegleiter das Team.

„Wir haben gesehen, wie unglaublich viel Jugendliche mit Fluchtgeschichte und prekärsten Lebenslagen erreichen können, wenn wir es richtig anstellen und ihnen die richtige Unterstützung und die nötige Zeit geben“, erzählt Veramendi. Mit Statistiken, wonach 25 Prozent der Schüler mit nicht deutschem Pass die Mittelschule ohne Abschluss verlassen, will sich die 49-Jährige nicht abfinden. „Ein Viertel! Das ist doch der Wahnsinn!“

Und dann hat Veramendi 2019 mit ein paar Mitstreitern eben einfach ihre eigene Schule gegründet. So einfach sei das natürlich nicht gewesen, sagt Matthias Weinzierl und schaut auf die neben ihm sitzende Schulleiterin. „Sie spielt jetzt ihre Rolle ein bisschen runter. Es braucht schon eine Wahnsinnige – und Antonia war wahnsinnig. Da steckte einfach richtig Zunder dahinter.“ Weinzierl arbeitete viele Jahre in der Flüchtlingshilfe, jetzt ist er Hortkraft am Campus; nachmittags kocht oder gartelt er mit den Schülern, zieht mit ihnen durch die Stadt. Parallel kümmert er sich auch um die Öffentlichkeitsarbeit der Schule. Veramendi und er sitzen an dem kleinen Besprechungstisch in dem ebenfalls kleinen Zimmer, das an anderen Schulen wohl als Direktorat firmieren würde, hier allerdings Brücke genannt wird. Man schätzt Schiffsmetaphern an dieser Schule.

Antonia Veramendi ist die Schulleiterin, Matthias Weinzierl war früher bei der Flüchtlings­hilfe, jetzt arbeitet er im Hort Foto: Florian Bachmeier

Die Einrichtung auf der Brücke ist schlicht – und wild durcheinander gewürfelt. „Alles, was in diesem Haus steht, ist gespendet“, erklärt Veramendi, „dieser Tisch, dieser Stuhl.“ Überhaupt finanziert sich der Campus als private Schule überwiegend über Spenden, vor allem von Stiftungen. Es gibt zwar auch ein Schulgeld von 290 Euro im Monat, aber drei Viertel der Schüler sind wegen ihrer prekären Situation davon befreit.

Das Inklusionskonzept scheint aufzugehen. „Wir haben jetzt zum Beispiel einen Schüler in der sechsten Klasse“, erzählt Veramendi, „der noch nie an einer Schule war. Er ist unglaublich intelligent, kann aber nicht lesen und schreiben.“ Der junge Somali sei mit seiner Mutter und seinem behinderten Bruder nach Deutschland geflohen. Innerhalb von drei Monaten habe er jetzt schon sehr viel Deutsch gelernt. „Es ist großartig, was dieser Junge durch seine soziale Art in der Klasse auslöst. Andere Schüler, die schon fünf Jahre an der Schule sind, helfen ihm jetzt und bekommen dadurch selbst mehr Lust aufs Lernen.“ Auch einen besten Freund hat der Junge schon, ein ukrainisches Kind. Die beiden trifft man in der Schule nur noch im Doppelpack an.

Ein großer Teil der Ausstattung wurde gespendet Foto: Florian Bachmeier

Der Campus ist eine Montessorischule. Wobei man das hier nicht so streng sieht. „Wir nehmen uns von der Montessoripädagogik raus, was sinnvoll ist für unsere heterogene Schüler:innenschaft“, sagt Veramendi. Heißt: Man versucht, sehr genau auf die jeweiligen Schülerinnen und Schüler einzugehen, individuelle Lernpläne zu machen. „Wir haben aber keine Scheuklappen und orientieren uns sehr wohl auch an anderen pädagogischen Konzepten. Mehrsprachigkeit ist zum Beispiel so ein Thema, das meines Wissens an anderen Montessorischulen kaum eine Rolle spielt.“

Denn natürlich ist das Thema Sprache ein Schwerpunkt an der Schule, an der rund 45 verschiedene Muttersprachen gesprochen werden. Zum einen bietet der Campus di Monaco gezielt Förderunterricht in Deutsch als Zweitsprache an, zum anderen fördert die Schule Mehrsprachigkeit, versucht, wo immer möglich, die Erstsprachen der Schüler in den Unterricht mit einzubinden.

Der Campus di Monaco soll ein lebender Beweis sein, dass mehr Chancengerechtigkeit möglich ist. Nachmachen ausdrücklich erwünscht! Vor allem, wenn sich auch das staatliche Schulsystem hier das eine oder andere abschauen würde, wäre das ein großer Erfolg, findet Veramendi. Im kommunalen Bereich gebe es schon großes Interesse.

Nathalie, Marie-Grace, Naree und Jeno führen schnell am Werkraum vorbei Foto: Florian Bachmeier

Von Seiten des Freistaats allerdings begegne man der Schule vor allem mit Skepsis: „Da gibt es wenig Interesse und Förderung, sondern eher: Gute Aufsicht.Gute Kontrolle. Enger Gürtel.“ Eigentlich müsse man alle Signale von staatlicher Seite so verstehen, dass Integration nicht unbedingt erwünscht sei.

Umso größer die Genugtuung, dass man in die Top 20 der für den Deutschen Schulpreis nominierten Schulen kam. Am Ende gehörte der Campus zwar nicht zu denen, die den Hauptpreis von Frank-Walter Steinmeier überreicht bekamen, aber immerhin wurde er mit einem Spezialpreis, dem Themenpreis Demokratiebildung, ausgezeichnet. „Das ist schon etwas wahnsinnig Schönes“, erzählt Veramendi. „Wenn du da mit den Schü­le­r:in­nen vor Ort bist, der Bundespräsident spricht, und die merken, dass es eine Wertschätzung für das gibt, was wir hier machen.“

Zwei Schülerinnen diskutieren ein Unterrichtsthema Foto: Florian Bachmeier

Marie-Grace, Nathalie, Naree und Jeno führen noch schnell durch das Schulhaus. Gleich ist Pause. Im Werkraum und in der Mensa war man schon, auch im Musikzimmer, sogar beim Aquarium mit dem Axolotl. Jetzt stehen die vier auf der Dachterrasse, zeigen das Pausenboot, die Bienenkästen, um die sich die Teilnehmer des Imkerkurses kümmern, die Beete. Und die Sitzbank dort drüben, die habe sie mit ein paar anderen Schülern gebaut, erzählt Naree stolz.

Den Schülern gefällt es am Campus di Monaco. „Ich finde es gut, dass die Lehrer zwar immer da sind, um uns zu helfen“, sagt Marie-Grace, „aber trotzdem erwarten, dass wir selbstständig arbeiten.“ Die Schüler haben auch schon recht konkrete Vorstellungen, wie es nach der Mittleren Reife weitergehen soll. So will Marie-Grace Abitur machen und an eine Handelsschule gehen, Jeno möchte gern Grafikdesigner werden.

Die Chancen, dass die Schüler ihre Träume verwirklichen, stehen nicht schlecht. Egal ob Mittlere Reife oder Hauptschulabschluss: Die Notendurchschnitte am Campus di Monaco können sich sehen lassen. Und das Viertel der Nichtdeutschen, das die Mittelschule laut Statistik ohne Abschluss verlässt? „Bei uns“, hat Antonia Veramendi zuvor auf der Brücke erzählt, „geht keiner ohne Schulabschluss raus.“

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