: Sie sind gegen den Staat, dem sie ihren Reichtum verdanken
Paulina Borsook analysierte die technolibertäre Ideologie des Silicon Valley – und wurde in der Branche zur Persona non grata erklärt. Ihr lange vergriffenes Buch „Cyberselfish“ wurde jetzt neu aufgelegt
Foto: Bryan Meltz/nyt/redux/laif
Von Tilman Baumgärtel
Später hat sie es nur noch „TGB“ genannt, kurz für „That Goddamned Book“. Also dieses gottverdammte Buch, das ihre Karriere als Journalistin beendete. „Cyberselfish“, im Jahr 2000 erschienen, hat Paulina Borsook kein Glück gebracht. Dass sie sich mit ihrem „kritischen Streifzug durch die schrecklich libertäre Kultur der High-Tech-Welt“ in ebendieser keine Freunde machen würde, war vorauszusehen. In ihrem Buch nahm Borsook das Weltbild der jungen Internet-Start-up-Gründer im Silicon Valley der späten 1990er Jahre aufs Korn, die zu dieser Zeit das Netz zu einem Marktplatz machten. Hellsichtig arbeitete sie die Ideologie heraus, die sich hinter der Fassade der coolen Computerfreaks verbarg, die unter der Woche aus ihrer Garage heraus in Shorts und übergroßen T-Shirts die Welt veränderten und am Wochenende beim Burning-Man-Festival in der Wüste tanzten.
Jenseits ihres unkonventionellen Auftretens vertraten viele der Tech-Unternehmer eine Ideologie, in der Markt und Wettbewerb als überlegene Formen gesellschaftlicher Ordnung gelten. Ihr persönlicher Erfolg sei das Resultat ihrer Intelligenz und Eigeninitiative, nicht ihrer gesellschaftlichen Privilegierung und auch nicht der Milliarden von Dollar, die das US-Verteidigungsministerium über Jahrzehnte in die Entwicklung der neuen Computer- und Netzwerktechnologie gesteckt hatte.
In so einem Klima gedieh nicht nur die Ausbeutung von Mitarbeitern, sondern auch die sexistische Benachteiligung von Frauen. Für diese Haltung verwendete Borsook den Begriff „Technolibertarismus“: eine Kombination von Egoismus und Marktgläubigkeit mit einer tiefen Verachtung des Staates.
Als langjährige Computerjournalistin wusste Borsook, dass die meisten technischen Innovationen aus dem Silicon Valley nur durch staatliche Investitionen möglich geworden waren – inklusive des Internets, das als akademisches Forschungsnetzwerk entstanden war. In einem Essay für die linke Zeitschrift Mother Jones, der Ausgangspunkt für ihr Buch war, schreibt sie: „So wie sich im 19. Jahrhundert die großen Holz-, Vieh- und Bergbauunternehmer an öffentlichen Gütern bereicherten, machen heute die Technolibertären ihre Gewinne mit Ressourcen, welche die Allgemeinheit geschaffen hat. Und es fehlt ihnen offenbar die Einsicht, der Anstand und die Haltung, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben – jedenfalls etwas anderes als Elektronik.“
Heute denkt man bei dieser Beschreibung an Tech-Unternehmer wie Elon Musk, der einen guten Teil seines Vermögens mit Hilfe des Staates gemacht hat – vom Einsatz seiner SpaceX-Satelliten durch Nasa und Pentagon über Emissionszertifikate bis zur Subventionierung seiner Firmen in Kalifornien, Texas oder Brandenburg. Gleichzeitig stellt er den Staat – ähnlich wie sein Vordenker Peter Thiel – penetrant als ineffizient und übergriffig dar.
Die Zerstörungsorgie, die Musk als Chef der staatlichen Effizienzinitiative Doge veranstaltete, richtete sich absurderweise auch gegen die Grundlagenforschung, aus der später oft Technologien hervorgehen, mit denen private Unternehmen Milliarden verdienen. Stolz scheint Musk auch darauf zu sein, dass er – anders als klassische US-Unternehmer – seine Wohltätigkeit ganz auf von ihm kontrollierte Einrichtungen konzentriert.
Musk und Thiel sind dabei nur besonders aufdringliche Vertreter eines reaktionären Rollbacks der US-Tech-Branche in der zweiten Amtszeit von Donald Trump. Dieser war spätestens unübersehbar, als die einstigen guten Menschen aus dem Silicon Valley für Trumps Amtseinführung Millionen spendeten und als Belohnung in der ersten Reihe sitzen durften. In der Folge beendete Meta das verhasste externe Faktencheck-Programm und strich Initiativen für Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Inklusion; auch bei Google und Amazon wurden „überholte“ Programme zur Inklusion abgeschafft. Bei X fuhr Musk unter Berufung auf die „Meinungsfreiheit“ die Moderation massiv zurück. Er ließ Rechtsradikale und Spinner wie Tommy Robinson, Alex Jones, Andrew Tate oder Nick Fuentes zurückkehren. Aus dem einstigen Twitter wurde so eine Hochburg für rechtsextreme Propaganda, Verschwörungsmythen und Hassrede.
In dieser Situation erlaubt es die Wiederveröffentlichung von „Cyberselfish“, zu den Urgründen zurückzukehren, aus denen diese rückständigen und zunehmend antidemokratischen Impulse vor mehr als einem Vierteljahrhundert hervorgegangen sind. Und zu der Frage, wie es gelungen ist, ewiggestrigen Ansichten den Anstrich des Futuristischen und Innovativen zu geben. Allerdings muss man ein bisschen über die Ideengeschichte des Internets wissen, um die Bezüge zur Gegenwart herstellen zu können.
Etwa über die Modetheorie „Bionomics“, der Borsook das erste Kapitel widmet, weil sie Ende der 1990er Jahre im Silicon Valley viele Anhänger hatte. Dahinter steckte die Vorstellung von der Wirtschaft als einem „evolutionären Ökosystem“, das man nur sich selbst überlassen muss, damit es die tollsten Resultate hervorbringt.
Paulina Borsook: „Cyberselfish. A Critical Romp through the Terribly Libertarian Culture of High Tech“. Zero Books , London 2026. 300 Seiten, ca. 22 Euro
Klarsichtig analysierte Borsook, dass der freie Markt so quasi als Naturzustand normalisiert wird und politische Eingriffe als widernatürliche Störungen eines vermeintlich selbstregulierenden Systems verstanden werden.
Heute ist Bionomics weitgehend vergessen. Aber derartige politische Ideen sind immer noch im Umlauf – bei den Vertretern eines Paläokapitalismus, die keinen Hehl daraus machen, dass sie sich gesellschaftlich ein darwinistisches Gesetz des Dschungels wünschen. Auch die neue Silicon-Valley-Modephilosophie des „Effective Accelerationism“ (e/acc) träumt von einer möglichst ungehemmten Beschleunigung technologischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Der Tech-Investor Marc Andreessen spricht in seinem „Techno-Optimist Manifesto“ von 2023 von einer „techno-capital machine“: Der Markt betreibe eine natürliche Selektion der Ideen, die besten setzten sich durch.
Auch das zweite Kapitel über die „Cypherpunks“ hat unübersehbare Bezüge zur Gegenwart. Borsook beschreibt, wie sich ein zunächst plausibles Anliegen – Schutz der Privatsphäre durch kryptografische Verschlüsselung – in Teilen der Szene zu einem Anarchokapitalismus steigert, der Regierung möglichst vollständig durch Technik und „smart contracts“ ersetzen will. Freiheit wird nur noch als Freiheit von Einmischung verstanden und der Zusammenbruch bestehender sozialer Strukturen teilweise geradezu lustvoll imaginiert. Dieser Szene verdanken wir auch Kryptowährungen wie Bitcoin. Die haben zwar die utopischen Hoffnungen, die in sie gesetzt wurden, nie erfüllt. Dafür haben sie sich als ideale Instrumente zur Geldwäsche und Steuerhinterziehung erwiesen und ein paar Spekulanten obszön reich gemacht – andere jedoch um ihr letztes Hemd gebracht.
Auch das Kapitel über die Zeitschrift Wired ist noch lesenswert, weil es offenlegt, wie das Blatt solche Ideologien perpetuierte, ohne sie je ausdrücklich zum redaktionellen Programm zu erklären. Dass Wired Borsook danach keine Aufträge mehr gab, kann man allerdings auch verstehen.
Jahrzehntelang fand sie auch anderswo kaum journalistische Arbeit und musste sich unter anderem als Hausmeisterin für Airbnb-Apartments durchschlagen – ironisch, denn der Plattformkapitalismus und seine Begleiterscheinungen wie fehlende Wohnungen und Mietwucher waren Exzesse, vor denen sie gewarnt hatte.
Ganz so einzigartig, wie ihre Fürsprecher das Buch nun machen wollen, war „Cyberselfish“ freilich nicht. Es gab bereits vor ihr die „Netzkritik“ von Geert Lovink und Pit Schultz sowie den bis heute rezipierten Aufsatz „The Californian Ideology“ von Richard Barbrook und Andy Cameron von 1995, der die Ideologiekritik an der Dotcom-Ökonomie wesentlich prägnanter auf den Punkt brachte. Denn leider ist „Cyberselfish“ streckenweise sehr ausufernd geschrieben.
Die späte Anerkennung, die Borsook seit der Wiederveröffentlichung ihres Buches erfährt, sei ihr gegönnt. Inzwischen wurde sie unter anderem von der New York Times wie eine Prophetin porträtiert. Selbst bei Wired ging man mit jahrzehntelanger Verspätung der Frage nach, wieso sie nach Veröffentlichung dieses Buches nie wieder einen Auftrag erhalten hat.
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