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In Berlin werden öffentliche Räume für Jugendliche immer knapper. Ein Lichtblick ist ein neues Jugendzentrum von Outreach in Schöneweide

Von Marco Fründt

Sitzbänke unter Markisen und vor großen Schaufenstern, dahinter ein großzügiger Tresen sowie eine Theke am Fenster, umschallt von Technobeats. Von einem normalen Café unterscheidet sich der FreiRaum nur dadurch, dass es hier ausschließlich Milchshakes und Limo gibt. Und durch das niedrige Alter der Anwesenden.

In Berlin gibt es immer weniger öffentliche Räume für Jugendliche – Orte, an denen sie sich ohne Angst vor Stigmatisierung bewegen können. Das hat viele Gründe, unter anderem die Bebauungsdichte. Auch in Oberschöneweide im Bezirk Treptow-Köpenick steigt die Ein­woh­ne­r:in­nen­zahl seit Jahren.

Am vergangenen Freitag hat Outreach hier den FreiRaum eröffnet, ein selbstverwaltetes Ladencafé für Jugendliche. Ein Glücksgriff für den freien Träger, der seit über 30 Jahren Jugendsozialarbeit macht. Denn die Lage in der Wilhelminenhofstraße ist ideal: „Der Kaisersteg ist nicht weit weg – der fast einzige Ort, wo sie noch relativ ungestört Zeit verbringen können“, sagt Sozialarbeiter Tobias Michel. „Ungestört in dem Sinne, dass niemand sie wegschickt.“

Der FreiRaum soll so ein Ort werden – und noch mehr. Die rechte Raumhälfte ist bis auf eine aus einer Badewanne gebauten Couch leer. Und zwar mit Absicht. Denn das erklärte Ziel von Outreach ist die Selbstverwaltung des FreiRaums durch die Jugendlichen. Ein paar Zeichnungen zieren schon die Backsteinwand, die extra freigelegt wurde, um zu den umgebenden Gebäuden zu passen.

„Das kann man natürlich nicht von jetzt auf gleich machen“, sagt Michel. Denn häufig seien Jugendliche mit so viel Freiheit am Anfang überfordert, weil sie das aus ihrem Alltag überhaupt nicht kennen würden. „Schule ist maximal regelbehaftet. Zu Hause gibt es wahnsinnig viele Regeln.“ Auch in klassischen Jugendfreizeiteinrichtungen sei es ähnlich. „Überall gibt es Regeln, Regeln, Regeln. Aber keiner fragt, ob diese eigentlich auch okay sind und in die Lebenswelt der Jugendlichen passen.“ Welche Regeln es im FreiRaum nicht geben soll, das müssen die Jugendlichen selbst entscheiden. Auch der Name sei nur ein Arbeitstitel, den sie ändern können.

Ort für Kreativität

Selbstverwaltet bedeute aber nicht unbetreut. „Wir werden am Anfang immer dabei sein“, sagt Michel. „Bei Fragen oder Konflikten sind wir da.“ Aus sozialarbeiterischer Perspektive seien selbstverwaltete Orte so wichtig, weil dort Kreativität entstehe. „Weil sie in ihrer Peer Group eine Sicherheit empfinden und den Mut haben, aus sich rauszugehen. Sie werden nicht verurteilt und wissen einfach, dass die Toleranz dafür da ist, Dinge auszuprobieren.“ Warum die Selbstverwaltung so zentral ist, solle man aber am besten die Jugendlichen selbst fragen.

„Es bringt nichts, wenn ein Erwachsener, der keine Ahnung von dem Leben eines jungen Menschen hat, entscheidet“, sagt Merima. Sie ist eine von vielen, die bei der Eröffnung des FreiRaums am Freitagabend dabei sind. Die 27-Jährige ist Erzieherin an einer Schule und heute hinterm Tresen für die Milchshakes zuständig. Merima ist mit den Angeboten von Outreach aufgewachsen: „Ich kenne Outreach, seitdem ich zwölf bin. Ich war damals obdachlos und sie haben mit mir zusammen eine Wohnung gesucht“, erzählt sie. Seit 25 Jahren wohnt sie im Bezirk und hat immer mehr Orte für Jugendliche verschwinden sehen. „Es gibt einfach kein Geld, diese Räume zu schaffen oder für Personal. Statt zu fördern, wird gekürzt.“

Auch für die 16-jährige Emily ist es nicht der erste Besuch bei Outreach: „Hier haben auch Jugendliche, die vielleicht 14 sind, einen Raum, wo sie sich entspannen können. Sie lernen neue Leute kennen, mit denen sie reden können, wenn sie Stress haben. Und sie können sich abreagieren.“ Was aus dem FreiRaum werden soll? „Ich hoffe, ein Ort zum Spiele spielen, Chillen und einfach zum Reden.“

Es liegt an der gesamten Stadtgesell­schaft, sich daran zu erinnern, wie man selber war, als man jugendlich war

Alke Wierth, Outreach

Orte zum laut sein

Doch einfach nur mit anderen Jugendlichen zu chillen wird für manche schnell zu einem Problem: „Wenn sich Jugendliche draußen aufhalten, was sie im Sommer gerne tun, dann ist es natürlich manchmal auch ein bisschen laut“, sagt Alke Wierth von Outreach. Gerade wenn die Räume in Wohnhäusern sind, gebe es von An­woh­ne­r:in­nen dann manchmal Beschwerden über Lautstärke. Natürlich könne Wierth es auch verstehen, wenn Menschen sich von Lärm gestört fühlen. „Auf der anderen Seite brauchen Jugendliche als Teil der Gesellschaft auch Orte, an denen sie sich treffen können. Und wir freuen uns, wenn man dann vernünftig ins Gespräch kommt.“

Doch wenn öffentliche Orte, an denen Jugendliche sich aufhalten können, weniger werden, sei es durch Bebauung oder anderes, weichen sie aus. Zum Beispiel in Parks. „Da sind Jugendliche auch oft die ersten, die rausfliegen, weil sie durch Lautstärke unangenehm auffallen oder durch was auch immer Jugendliche tun, weil sie eben jugendlich sind“, sagt Wierth.

Orte für Jugendliche zu schaffen, liege in der Verantwortung der zuständigen Senatsverwaltung, findet Wierth. „Die soziale Infrastruktur für junge Menschen bleibt ein zentraler, wichtiger Bestandteil der Kinder- und Jugendpolitik in Berlin“, sagt auch Katharina Günther-Wünsch (CDU) der taz, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie. „Deshalb wurden die Mittel für die Jugendarbeit in den vergangenen Jahren deutlich erhöht.“ Das Budget für die Jugendarbeit wurde tatsächlich von 95 Millionen Euro im Jahr 2020 auf 135 Millionen in 2026 gesteigert.

Mehr Angebote

„Mit den Mitteln aus dem Jugendfördergesetz der letzten Jahre konnten Angebote bereits in hohem Maß ausgebaut werden“, sagt Sarah Nagel (Linke), Bezirksrätin für Jugend in Neukölln. Gleichzeitig stünden dennoch nicht ausreichend Mittel zur Verfügung, um den Bedarf an Angeboten für junge Menschen zu finanzieren. „Die Bezirke sind chronisch unterfinanziert.“

Für ihre Parteikollegin und jugendpolitische Sprecherin, Lisa Pfitzmann, ist das die Schuld des Senats. Die Bezirke verwalten zwar die Haushalte, doch der finanzielle Rahmen werde maßgeblich durch den Senat gesetzt, sagt sie. „Wenn Bezirke dauerhaft unterfinanziert sind, geraten soziale Angebote zwangsläufig unter Druck, denn gekürzt wird bei den sogenannten ‚freiwilligen Leistungen‘, und genau darunter fallen bislang Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Familienförderung.“

„Freie und selbstverwaltete Jugendräume sind wichtige Orte für junge Menschen in Berlin“, findet auch Lilia Usik, die jugendpolitische Sprecherin der Berliner CDU. Sie sieht Senat, Bezirke und Träger von Jugendsozialarbeit gleichermaßen in der Verantwortung, Freiräume langfristig zu schützen. Ihr Amtskollege von der SPD, Alexander Freier-Winterwerb, geht etwas kritischer mit der eigenen Organisation um: „Als mitregierende Partei tragen wir Verantwortung. Punkt.“ Das Land müsse die Bezirke finanziell in die Lage versetzen, sich priorisiert um Freiräume für Jugendliche zu kümmern.

Dafür bedarf es aber Druck von unten. Im Grunde sei es an der gesamten Stadtgesellschaft, sich daran zu erinnern, wie man selber war, als man jugendlich war, findet Alke Wierth von Outreach. „Unsere Zielgruppe sind überwiegend Jugendliche, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, die oft kein eigenes Zimmer zu Hause haben, wo sie sich mit Freunden treffen können, oder gar einen Partykeller im Einfamilienhaus. Und die brauchen auch ihren Platz in der Stadt.“ Marco Fründt

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