Sicherheit in Taiwan: Kriegsgefahr als Hintergrundrauschen
Täglich rechnet man in Taiwan mit einem Überfall der Volksrepublik China, mit dem Beistand der USA hingegen kaum. Wie bereiten sich junge Leute vor?
A ls Tommy Lee seine Gitarre umhängt und die ersten Akkorde spielt, könnte hier jeder mit einstimmen. Die Rentnerinnen, die am Ufer des Jingmei spazieren, kennen die Melodie seit ihrer Jugend. Die jungen Männer auf dem Basketballplatz sind mit ihr aufgewachsen. „Der Mond repräsentiert mein Herz“ ist wohl der bekannteste Song Taiwans – eine Liebesballade, so leise und zärtlich, dass man heute kaum glauben mag, dass sie in den 1970er-Jahren als kulturelle Waffe gegen Peking diente.
Damals sollte die warme Stimme von Teresa Teng das Bild eines freien Taiwans über die Meerenge tragen. Auf dem Festland waren ihre Lieder verboten – und trotzdem wurden sie selbst dort millionenfach auf geschmuggelten Kassetten gehört.
„Keine Frage“, sagt Tommy, der eigentlich anders heißt, und legt seine Gitarre ins Gras. „Taiwan ist wunderschön. Aber würde ich dafür mein Leben opfern?“ Der 25-Jährige schaut um sich. Nach wochenlangem Regen ist endlich der Frühling in Muzha angekommen, einem Stadtteil am südlichen Stadtrand Taipehs – von hier aus sieht man sowohl die gläserne Skyline der Millionenstadt als auch die weiten Teefelder in den umliegenden Bergen. Am Flussufer blühen die ersten weißen Kirschblütenbäume. Es riecht nach feuchter Erde und Sonnencreme. Tommy schüttelt den Kopf. „Ich will nicht kämpfen.“
Doch die Frage ist inzwischen unausweichlich. China schickt fast täglich Kampfjets und Kriegsschiffe in die 180 Kilometer breite Taiwanstraße. Laut dem Verteidigungsministerium in Taipeh stieg die Zahl der Provokationen im Luftraum im Jahr 2025 um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Trump bereitet mehr Sorgen als Xi
Erst vor wenigen Wochen startete die Volksbefreiungsarmee völlig überraschend eines ihrer bislang größten Manöver: die totale Abriegelung der Insel. Fregatten, Kampfbomber, Drohnen. Die Botschaft ist angekommen: Peking zeigt sich jederzeit zum Würgegriff bereit.
„Natürlich bin ich nervös geworden“, erklärt Tommy. „Ich habe hier meinen Militärdienst geleistet, bin Reservist. Wenn China angreift, werde ich an die Front geschickt.“ Der Englischlehrer stammt aus Myanmar, besitzt aber auch die taiwanische Staatsbürgerschaft. In seine Heimat kann er nicht zurück, dort tobt seit Jahren ein Bürgerkrieg. Einst war Taiwan für ihn ein Zufluchtsort – nun droht er von einem Krieg in den nächsten zu geraten. „Ja“, sagt Tommy, „ich denke inzwischen immer öfter daran, die Insel zu verlassen. Bevor es zu spät ist.“
In Taipeh fragt man sich allerdings längst nicht mehr nur, was Chinas Machthaber Xi Jinping im Schilde führt. Sorgen bereitet auch der wichtigste Verbündete. Ob die USA Taiwan im Falle einer Invasion tatsächlich zur Hilfe eilen würden, war schon vor Donald Trump die ewige Gretchenfrage. Doch selten zuvor wirkte die Schutzmacht so unberechenbar wie in diesen Tagen.
Der Militärschlag gegen Regierungschef Nicolás Maduro in Venezuela. Das aggressiv vorgetragene Interesse an Grönland. Die Drohgebärden gegen Iran. Auch hier auf der Insel überschlagen sich die Fragen. Könnte die Entführung Maduros Peking dazu ermutigen, ein ähnliches Kommando gegen Taiwans Führung zu wagen? Wie verlässlich ist das Wort aus Washington noch, wenn selbst einem engen Nato-Partner wie Dänemark mit der Annexion Grönlands gedroht wird? Und wie viele Kapazitäten blieben dem Pentagon für den Schutz der Insel, sollte das US-Militär zeitgleich einen Krieg gegen das Mullah-Regime beginnen?
Bürger mit Sturmgewehr
In einem Industriegebiet in Neu-Taipeh bereitet man sich bereits auf den Ernstfall vor. Zwischen Fabrikhallen, Logistikzentren und Bürokomplexen liegt das Hauptquartier der Taiwan Airsoft & Airgun Association (TWAAA). Im Chinesischen wird der Verband verharmlosend als Vereinigung für „Spielzeugwaffen“ bezeichnet. Doch was hier in den Regalen lagert, hat mit Kinderspielzeug nichts zu tun.
Im Showroom reihen sich Sturmgewehre, Pistolen und Schrotflinten aneinander, deren Metallgehäuse und präzise Verarbeitung sie zu täuschend echten Repliken ihrer Vorbilder machen: Kalaschnikows, Berettas und vor allem das T91 – jenes Standardsturmgewehr, das taiwanische Soldaten im Dienst führen. Mit dem Unterschied, dass die Waffen hier nicht scharfe Munition, sondern kleine Plastikkugeln verschießen.
Tommy Lee, 25, Reservist
„Diese blauen Kugeln enthalten nur Papierstaub“, sagt Qi Sheng, ein Mann mittleren Alters in Camouflage-Uniform. Um ihn herum beugen sich ein Dutzend Zuhörer vor und starren auf die Munition in seiner Hand. Es sind weder Waffennerds noch Hobbysportler, sondern ganz normale Bürger, die an diesem verregneten Sonntagmorgen zum Zivilschutztraining gekommen sind.
„Die Pfefferkugeln hingegen sind extrem stark“, erklärt der Trainer und greift nach einer orangen Kugel. „Ich habe das selbst ausprobiert.“ Drei Wochen lang habe er noch Verätzungen im Hals gespürt. „Der Unterschied zu normalem Pfefferspray ist: Wenn du von einer Kugel getroffen wirst, atmest du reflexartig ein. Das Mittel wirkt sofort – und du verlierst die Kontrolle über deinen Körper.“
Die Ukraine als bittere Lektion
Sieben Stunden lang lernen die Teilnehmer an diesem Tag den Umgang mit Airguns, um sich im Ernstfall damit verteidigen zu können. „Wir bereiten die Menschen hier nicht darauf vor, mit Waffen gegen die Volksbefreiungsarmee zu kämpfen“, erklärt Willi Chiang, Generalsekretär der TWAAA. „Das wäre absurd und gefährlich.“ Heutzutage würden Drohnen und Raketen Kriege entscheiden, keine Gewehre. „Zivilschutz bedeutet nicht Militarisierung der Bürger. Es geht darum, Menschen vorzubereiten: Wie schütze ich mich, wenn die Gesellschaft instabil wird? Wenn Strom, Wasser oder Nahrung fehlen?“
Sobald die Ressourcen knapp werden, so seine düstere Prognose, müssten sich die Taiwaner nicht gegen Feinde von außen verteidigen – sondern gegeneinander. „Die größte Bedrohung kommt von innen: durch Desinformation, Spionage und irgendwann vielleicht durch den Kollaps unserer Ordnung.“ In dem Fall, meint Chiang, könnte es helfen, eine Airgun bei sich zu tragen. In seinem Kofferraum liegt bereits eine.
Chiang greift nach einem T91-Replikat und runzelt die Stirn. „Ich finde, jeder hier sollte mal diese Waffe in der Hand gehalten haben. Spüren, wie schwer sie ist. Unsere Brüder, unsere jungen Männer tragen sie den ganzen Tag, wochenlang.“ Zivilisten müssten verstehen, was Soldaten leisten – und dass sie jederzeit bereit sein müssen, ihr Land zu schützen.
„Wir wissen nicht, wann es passiert. Vielleicht morgen. Vielleicht später. So war es auch bei Putin – alle dachten, es sei nur ein Manöver.“ Der Ukrainekrieg habe auch Taiwan eine bittere Lektion erteilt: Ein Krieg kann sich über Jahre ziehen. „Ich glaube: Wenn es wirklich passiert, werden die meisten kämpfen“, sagt Chiang. „Ich jedenfalls würde bleiben.“
Selbsthilfe statt Hilfe
Er ist nicht der Einzige. Auch andere Zivilschutzorganisationen in Taiwan berichten von gestiegenem Interesse an Notfall- und Verteidigungstrainings. „Bis Januar 2026 haben wir mehr als 27.000 Menschen geschult – darunter Zivilisten, Lehrkräfte sowie Angehörige von Militär, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten“, sagt Ginnie Yu von Forward Alliance, einer taiwanischen Organisation, die 2022 gegründet wurde, kurz nach Russlands Angriff auf die Ukraine.
Hier lernen Teilnehmer allerdings nicht das Schießen, sondern wie man Blutungen stillt, Desinformation erkennt und mit seinen Liebsten in Kontakt bleiben kann, auch wenn das Mobilfunknetz ausfällt. „Wir gehen im Falle eines Krieges nicht davon aus, dass die internationale Gemeinschaft eingreift“, erklärt Yu. Die Bürger müssten sich darauf vorbereiten, auf sich allein gestellt zu sein.
Willi Chiang, Waffenlobbyist
Weilin Tseng, 48, ist vorbereitet. Der Marketingexperte kommt aus Taipeh und hat lange Zeit in China gelebt. Seit seiner Rückkehr vor fünf Jahren nimmt er regelmäßig an den Trainings von Forward Alliance teil. „Ganz am Anfang ging es mir vor allem um Vorbereitung auf Krisen allgemein“, erklärt er. „Taiwan hat viele Erdbeben und Taifune. Es ist wichtig, als Ersthelfer reagieren zu können.“
Aber seit 2022, als die damalige Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi nach Taiwan gereist war, sei die Lage immer ernster geworden. „Wir müssen mit allem rechnen“, sagt Weilin. Doch viele Taiwaner seien inzwischen abgestumpft. „Weil sie jeden Tag von neuen Militärflugzeugen in der Taiwanstraße hören.“
Die innere Sicherheitslücke
Die Regierung versucht dem bereits entgegenzusteuern. Ende vergangenen Jahres bekamen Taiwans 23 Millionen Einwohner ein kleines oranges Handbuch zugeschickt. Auf 29 Seiten wird empfohlen, einen einwöchigen Vorrat an Lebensmitteln anzulegen und einen Notfallrucksack an der Haustür zu platzieren. Ähnliche Anleitungen hatte es schon früher gegeben – allerdings zur Vorbereitung auf Erdbeben und Taifune. Nun wird erstmals vor chinesischen Truppen auf heimischen Boden gewarnt. Freund und Feind seien im Ernstfall kaum voneinander zu unterscheiden, heißt es.
Für Aufruhr sorgte 2025 auch eine zehnteilige TV-Serie, die das Bewusstsein für China als Bedrohung schärfen soll. „Zero Day Attack“ skizziert ein Szenario, in dem Peking mit Fake News, Entführungen, Mafiabossen und religiösen Vereinigungen versucht, Taiwan von innen heraus zu destabilisieren. Finanziert wurde die Serie vom Kulturministerium und Robert Tsao, Tech-Milliardär und Unterstützer der regierenden Democratic Progressive Party (DPP).
Für Weilin Tseng ist das längst keine Fiktion mehr. „Für unsere Community hat der Krieg schon begonnen – nur nicht als militärische Aktion. Es ist auch ein Informationskrieg, der unsere Gesellschaft spalten soll.“
Die eigentliche Gefahr sieht der Taiwaner weniger in einer direkten Invasion als in einem schleichenden Kollaps. Er fürchtet, Peking könnte das Hongkong-Modell kopieren und zunächst das Parlament lähmen. „Die Opposition“, meint er, „könnte zu unserer größten Sicherheitslücke werden.“
Streit in und um Taiwan
Tatsächlich herrscht im Legislativ-Yuan, dem Parlament, derzeit Eiszeit. Die Kuomintang (KMT) und die Taiwan People’s Party (TPP) blockieren ein 40 Milliarden Dollar schweres Waffenpaket, das Präsident Lai Ching-te als Lebensversicherung der Insel angekündigt hatte. Es geht um Drohnen, Raketen und den „T-Dome“, ein Abwehrsystem nach israelischem Vorbild.
Die Opposition verweist auf den gigantischen Lieferstau in den USA: Waffen für über 30 Milliarden Dollar sind bestellt, doch Amerikas Fabriken kommen nicht hinterher. Das neue Paket sei daher kein Schutzschild, sondern eine teure Provokation Pekings.
Die KMT setzt auf Annäherung. Parteichefin Cheng Li-wun, die erst im Oktober überraschend zur Vorsitzenden gewählt wurde, hofft auf ein baldiges Treffen mit Xi Jinping. Die 55-Jährige will, dass „alle Taiwaner stolz sagen können: ‚Ich bin Chinese.‘“
In einem jüngsten Interview mit dem Economist wirft sie der DPP-Regierung vor, den „Konsens von 1992“ zu ignorieren – jenes fragile Einverständnis über die Existenz eines „einzigen Chinas“, das beide Seiten je nach Bedarf unterschiedlich interpretieren. Stattdessen habe die DPP in den vergangenen Jahren Peking immer weiter provoziert – mit der Unterstützung Washingtons. Dass die USA Taiwan im Falle eines Krieges wirklich verteidigen würden, bezweifelt auch sie.
Trump und Vance: Immerhin ehrlich
Chengs Misstrauen gegenüber Taiwans Schutzmacht trifft selbst in den USA auf Resonanz. „In der amerikanischen Außenpolitik gewinnt eine Strömung namens ‚Restraint‘ – also Zurückhaltung – massiv an Boden“, erklärt Julian Müller-Kaler vom Stimson Center in Washington. Ihr prominentestes Gesicht ist Vizepräsident J. D. Vance.
Das Argument: Amerika habe kleinere Staaten wie die Ukraine oder Taiwan dazu verleitet, ins Risiko zu gehen, nur um sie am Ende im Schützengraben allein zu lassen. „Insofern ist die Außenpolitik von Trump und Vance, ohne sie rechtfertigen zu wollen, zumindest ehrlich“, so der Politologe. Taiwan müsse sich darauf einstellen, dass die USA vielleicht nicht da sein werden, wenn China Ernst macht.
„Es ist angsteinflößend, wie sich die USA derzeit außenpolitisch verhalten“, sagt die 25-jährige Lynn, die ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen will. Sie sitzt in einem Park in der Nähe der Sun-Yat-sen-Gedächtnishalle im Osten Taipehs, ein Denkmal für den Gründervater der Republic of China, wie Taiwan bis heute offiziell heißt – aber immer seltener genannt wird, weil man sich vom Festland abgrenzen will.
Viele hier sähen Trumps Vorgehen in Venezuela als Zeichen der Stärke, erzählt sie. „So werden also Länder bestraft, die Peking nahestehen, heißt es dann.“ Venezuela galt als Chinas Brückenkopf in Lateinamerika. Peking finanzierte die Regierung Maduro mit Milliardenkrediten, im Gegenzug für billiges Öl.
In die Wüste schicken
Es gibt aber auch eine weitere Lesart. Könnte China nicht dazu ermutigt werden, auch Präsident Lai Ching-te aus seinem Palast zu entführen? Mitte Januar, nur wenige Tage nach dem Angriff auf Venezuela, veröffentlichte Chinas Staatsfernsehen Aufnahmen einer sogenannten Enthauptungsmission, also Übungen zur Ausschaltung oder Gefangennahme der politischen Führung. Zu sehen war ein Spezialkommando der Volksbefreiungsarmee (PLA), das mit Armbrüsten Wachposten lautlos ausschaltete, bevor es ein Gebäude stürmte und innerhalb von zwei Minuten vier Terroristen tötete.
Forscher des Institute for the Study of War (ISW) in Washington glauben, dass hier die Entführung von Präsident Lai Ching-te geprobt wurde. Tatsächlich hat die PLA in der Inneren Mongolei den taiwanischen Präsidentenpalast zu Übungszwecken detailgetreu nachgebaut, inklusive der umliegenden Regierungsgebäude und Fluchttunnel. Erste Satellitenbilder davon sind bereits 2015 aufgetaucht.
Seit 2020 ist die Anlage um das Dreifache gewachsen. „Eine Enthauptungsoperation könnte Teil einer Blockade Taiwans sein – mit dem Ziel, Kapitulation zu erzwingen oder die Reaktionsfähigkeit der taiwanischen Führung zu lähmen“, lautet eine Analyse des ISW. „Ob China allerdings über eine Elitespezialeinheit vergleichbar mit der US-Delta Force verfügt, die eine solche Operation zuverlässig durchführen könnte, ist unklar.“
Bei Bomben greift Plan B
Während Strategen über Enthauptungsszenarien sprechen, versuchen viele junge Taiwanerinnen und Taiwaner vor allem eines: ihren Alltag weiterzuleben. „Ich fühle mich hier sicher, seltsamerweise“, sagt Lynn. „Das Leben, der Alltag – hier fühlt sich nach wie vor alles sehr normal an.“
Für einen kurzen Augenblick lässt sie sich von ein paar spielenden Hunden auf einer Wiese ablenken, dann fasst sie sich wieder. „Ich habe kürzlich meinen Master in internationalen Beziehungen gemacht und war für ein Auslandssemester in den Niederlanden“, erzählt sie. „Meine Kommilitonen haben mich immer wieder gefragt, ob ich keine Angst hätte, nach Taiwan zurückzukehren. Aber ich denke, wir können das Leben hier weiterhin genießen – sofern wir uns auf den Worst Case vorbereiten.“
Auch Lynn hat gelernt, welche Schritte im Ernstfall zu treffen sind. Bei der Kuma Academy, der wohl bekanntesten Zivilschutzorganisation Taiwans, hat sie gelernt, Notfallrucksäcke vorzubereiten – inzwischen hat jeder in ihrer Familie eine gepackte Tasche mit Kleidung, Wasser, Essen und Erste-Hilfe-Kits. „Wir haben einen Treffpunkt ausgemacht, eine Grundschule in der Nähe unseres Hauses, falls das Netz zusammenbricht.“ Sie hält kurz inne. „Und falls die Schule zerbombt sein sollte, haben wir einen weiteren Treffpunkt als Plan B.“ Wo dieser ist, verrät sie nicht.
Längst denkt Lynn über eine Promotion im Ausland nach. Ihre Mutter will, dass sie und ihr Bruder das Land vor 2027 verlassen – jenem Jahr, das Militärexperten als möglichen Zeitpunkt für eine Invasion markiert haben. Laut US-Auslandsgeheimdienst CIA hat Xi Jinping seine Armee angewiesen, bis dahin in der Lage zu sein, Taiwan militärisch anzugreifen. Lynns Bruder hat gerade seinen Wehrdienst beendet. Er wäre einer der Ersten an der Front.
Bleiben oder gehen?
Ganz im Süden Taiwans teilt eine junge Frau diese Beklemmung. Erya Hsue sitzt am späten Abend in einem 7-Eleven in der Küstenstadt Kaohsiung und arbeitet an ihrem Computer. „Im Alltag fühle ich mich hier sehr sicher“, sagt die 25-jährige Journalistin. „Ich könnte meinen Laptop hier stehen lassen und niemand würde ihn stehlen. Ich kann nachts allein durch die Straßen gehen.“
Doch für die Zukunft könne sie nichts garantieren. „Ich kann meinen Freunden und meiner Familie nicht sagen: ‚Ich glaube nicht an eine Invasion.‘ Diese Worte bringe ich nicht über die Lippen.“
Wann auch immer China seine Militärflugzeuge in die Taiwanstraße schickt, rechnet Erya mit einem Angriff. „In Taiwan merkt man die Gefahr meist nur beim Abendessen vor dem Fernseher“, sagt sie. Die ständigen Manöver seien zu einem Hintergrundrauschen verblasst. Viele Menschen in Taiwan hätten sich daran gewöhnt. „Wenn das der Plan Pekings ist, dann funktioniert er sehr gut.“ Erya sagt, sie spürt, dass die Gefahr näher rückt. „Wenn ich die Möglichkeit hätte, ins Ausland zu gehen, würde ich sie sofort ergreifen.“
Es ist der bittere Unterton einer Generation, die ihre Heimat liebt – aber wohl nicht bleiben wird.
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