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„Sich zur Begrüßung die Hand geben – ich liebe das inzwischen“

Katharina Franck ist bereits gut herumgekommen.Die Sängerin der Rainbirds ist gebürtige Rheinländerin und lebte schon in Portugal, Brasilien, Westberlin und Bayern. Seit 2012 wohnt sie auf einem Dorf bei Neuruppin. Mit den Rainbirds wird sie demnächst beim dortigen Ostmusik-Festival auftreten – als „Westbesuch“. Kein Problem, sagt sie im Gespräch

Interview Gunnar Leue Foto Roland Owsnitzki

taz: Frau Franck, Ihr Lebensweg führte Sie vom Rheinland über Portugal, Brasilien, Berlin in ein Dorf bei Neuruppin. Staunen Sie manchmal selbst darüber?

Katharina Franck: Nee, eigentlich nicht. Ich bin schon immer eher der Nase nach gegangen, und es hatte fast immer mit Musik zu tun. Wobei natürlich nicht als Kind: Als ich so vier Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir nach Portugal ausgewandert. Mein Vater arbeitete für Thyssen, weshalb wir zwischenzeitlich auch nach Brasilien gingen. Kurz vor meinem 18. Geburtstag bin ich zurück nach Deutschland gegangen, weil ich auf eine Anzeige hin bei einer Band in Bonn vorsang. Ich wurde als Sängerin genommen. Über Düsseldorf, wo ich bei meiner Patentante wohnte, Köln und Hamburg bis ich 1983 nach Westberlin gekommen. Dort habe ich auch die Rainbirds gegründet.

taz: Die Band hatte 1987 mit „Blueprint“ einen Megahit, zerfiel aber schon 1990, es folgten wechselnde Besetzungen und Soloprojekte. Jetzt stehen die Rainbirds wieder gemeinsam auf der Bühne – aber Sie sagen, das sei keine klassische Reunion, eher Abschluss einer schwierigen Trennung. Klingt fast therapeutisch?!

Franck: In gewisser Weise schon. Der Erfolg und der Umgang damit, vieles hat damals nicht wirklich gut funktioniert. Das hat Spuren hinterlassen und sicher auch spätere Entscheidungen beeinflusst: Wie macht man weiter? Mit wem? Wir haben in den vergangenen 36 Jahren nicht ständig miteinander gesprochen, aber wir sind uns immer wieder begegnet. Jetzt arbeiten wir gemeinsam an einer Rainbirds-Jubiläumsbox und spielen einige Konzerte. Natürlich bringt das vieles wieder hoch. Bei mir vielleicht besonders, weil „Blueprint“ einfach nie verschwunden ist. Egal, was ich mache – zuerst wird immer auf diesen Song verwiesen. Das gehört inzwischen fast zu meiner Identität. Einen großen Masterplan für unsere Konzerte gab es nicht, denn als Independent-Künstlerin habe ich gelernt, Dinge eher organisch entstehen zu lassen. Wir wollten einfach schauen, was draus wird. Ich mache keine Musik mehr aus Karrieregründen. Ob vor 70 oder 1.000 Leuten, ist mir inzwischen egal. Und nach den Konzerten wird das Kapitel Rainbirds live wieder beendet sein.

taz: 1990 war nicht nur für die Band ein Einschnitt, sondern auch für Berlin. Die Mauer war gefallen, trotzdem haben Sie die wiedervereinte Stadt einige Jahre später verlassen. Warum?

Franck: Ich wollte Ende der 90er Jahre einfach raus. Ich musste weg aus engen Wohnungen und diesem permanenten Großstadtgefühl. Wir waren damals eng mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten befreundet, der schon länger in Bayern lebte. Wir haben oft mit ihm gearbeitet, auch bei ihm zu Hause. Also dachte ich irgendwann: Vielleicht finde ich dort einen Ort, an dem ich leben kann.

taz: Bayern war am Ende aber doch nicht ganz Ihr Ding?

Franck: Nicht dauerhaft, obwohl dort viele Vorurteile und Klischees widerlegt wurden. Jedenfalls zog es mich noch einmal zurück nach Berlin. Aber irgendwann bin ich dann tatsächlich aus Berlin-Mitte in den Wald gezogen, bei Neuruppin.

taz: Wieder wegen der Musik?

Franck: Ja, ich hatte dort einen Veranstalter kennengelernt: Manfred Neumann vom Kornspeicher Neumühle. Das war ein wunderbarer Ort – unten Werkstatt und restaurierte Antiquitäten, oben Veranstaltungsraum. Kennengelernt habe ich ihn 2010 über die Zusammenarbeit mit dem Club der toten Dichter von Reinhardt Repke.

taz: Bei dem musikalischen Projekt wirkten Sie zweimal als Sängerin mit, bei einer Rilke- und einer Fontane-Vertonung.

Franck: Richtig. Ich fuhr also immer wieder nach Neumühle und dachte irgendwann: Hier könnte ich leben. Manfred kannte natürlich jeden in der Gegend. Gemeinsam haben wir uns Häuser angesehen, oft während er alte Klaviere auslieferte. Eines Tages rief er an und sagte, er hätte jetzt ein Haus gefunden. In dem wohne ich bis heute – in einem alten Forsthaus zwischen Wald und einer kleinen Siedlung.

taz: Haben Sie in Brandenburg auch die Erfahrung gemacht, dass Klischees widerlegt wurden?

Franck: Absolut. Wobei ich durch Manfred schon viele Leute kannte. Er war Teil der Bürgerbewegung rund um die Wende, bei der Bürgerinitiative Freie Heide. Über ihn lernte ich sowohl Zugezogene kennen als auch Alteingesessene. Vielleicht liegt meine offene Haltung auch daran, dass ich als Kind im Ausland gelebt habe. Meine Eltern wollten die Länder und die Menschen wirklich kennenlernen. Dieses Gefühl habe ich mitgenommen: Man kommt nicht irgendwohin und denkt, jetzt läuft alles nach der eigenen Pfeife.

taz: Kannten die Leute im Dorf Sie durch den Rainbirds-Hit „Blueprint“?

Franck: Viele kannten den Song tatsächlich, denn wir waren 1988 bei einem Open Air in Weißensee aufgetreten. Irgendwann war ich sogar überzeugt, dass alle aus der DDR dort gewesen sein mussten, weil so viele Menschen bei dem Konzert waren. Aber viele in meinem Dorf sagten: „Nee, wir waren da nicht. Wir hatten ganz andere Sorgen.“ Da merkt man plötzlich, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten waren. In meinem Dorf leben Menschen mit völlig verschiedenen Biografien: Leute, die früher in der LPG gearbeitet haben und heute Land besitzen. Andere waren Handwerker. Meine beste Freundin dort wurde sogar in dem Haus geboren, in dem ich heute wohne. Sie hat früher im Schweinestall gearbeitet und später einen Schweinebauern aus Niedersachsen kennengelernt.

taz: Gab es Vorbehalte gegen Sie, die Künstlerin, noch dazu aus Berlin und obendrein „Wessi“?

Franck: Sicher. Und dann noch allein in diesem Haus im Wald! (lacht) Manfred hatte mich aber gleich jemandem vorgestellt, den dort wiederum jeder kannte. Kurz nach meinem Einzug 2012 spielte ich ein Konzert im Kornspeicher. Manfred gab mir einen Stapel Eintrittskarten und sagte: „Jetzt lädst du deine Nachbarn ein.“ Also bin ich zu einer Besprechung über das Osterfeuer im Dorf gegangen, wo die Leute tatsächlich beschlossen, das Osterfeuer ausnahmsweise von Samstag auf Sonntag zu verschieben, damit man auf mein Konzert gehen konnte. Einige Paare aus dem Dorf saßen dann dort im Publikum. Ich spielte Rainbirds-Songs, Solo-Stücke und erzählte Geschichten zwischen den Liedern. Die Leute waren begeistert.

taz: Und auch Ihnen gegenüber offen?

Franck: Ja. Sehr schnell lernte ich übrigens, dass man sich zur Begrüßung die Hand gibt. Ich liebe das inzwischen. Mittlerweile mache ich das sogar in Berlin-Mitte, wo die Leute dann komisch gucken. Ich kann heute wirklich sagen: Das ist mein Zuhause geworden.

taz: Worüber staunen Sie zuweilen bei Ihren Nachbarn?

Franck: Bei Treffen am Feuer wird manchmal ganz fatalistisch über Krisen gesprochen – und wie man im Ernstfall über die Runden käme. Da sagt dann jemand: „Gut, dass wir unsere Gärten haben, denn bald können sich viele Menschen das Leben nicht mehr leisten.“ Ich reiße dann die Augen auf und sage: „Oh Gott, was mache ich dann?“ Darauf kriege ich die trockene Antwort: „Na, dich kriegen wir auch noch durch.“

taz: Jüngst gab es in der taz ein Interview mit Juli Zeh, die in einem Brandenburger Dorf lebt. Die Schriftstellerin sagte, dass ihre Nachbarn keineswegs alle Nazis wären. Sie wurde deshalb als Verharmloserin bezeichnet. Wird Ihnen auch gelegentlich vorgehalten, wie könnten Sie nur da im AfD-verseuchten Osten leben?

Franck: Wenn ich auf mein Dorf schaue, sehe ich erst einmal extrem unterschiedliche Menschen. Natürlich gibt es auch dort Konflikte. Bei manchen Osterfeuern wurde spät nachts bierselig heftig gestritten, gerade vor Wahlen. Von einigen weiß ich, was sie wählten: SPD, FDP, einer war mal in der Linken. Mit manchen habe ich mich auch wegen Putin regelrecht in den Haaren gehabt. Ich war bei der Europawahl Wahlhelferin, und dass die AfD dort so ein starkes Ergebnis erzielt hat, hat mich echt erschüttert. Natürlich begegnen mir auch Leute mit entsprechenden Tattoos oder T-Shirts. Und manche glauben tatsächlich, die AfD würde ihr hart erarbeitetes Leben schützen. Denen sage ich: „Die schützen gar nichts. Die interessieren sich überhaupt nicht für euch.“ Es ist auch vorgekommen, dass jemand bei einem Dorffest oder am Feuer einen homophoben Spruch macht. Dann frage ich natürlich: Was war das denn jetzt?!

taz: Wie ist die Reaktion darauf?

Franck: Ein bisschen entschuldigend, fast schon komisch: „Ach komm, du weißt doch, wie ich das meine.“ Die Leute wissen, dass ich für diskriminierende Sprüche nicht zu haben bin und Kontra gebe. Aber ich glaube auch, dass sie mich ernst nehmen. Vielleicht nicht bis zum letzten Punkt, aber wir gehen so miteinander um, dass man trotz Meinungsverschiedenheiten zusammen ein Bier trinken kann. Es ist eben vieles komplexer, als es oft dargestellt wird. Jeder Mensch hat seine eigene Biografie, seine Erfahrungen, seine Verletzungen. Viele Probleme sind über Jahrzehnte entstanden. Westdeutsche kamen in den Osten, Ostdeutsche hatten oft wenig Einfluss auf die gesamtdeutsche Entwicklung. Daraus entstehen Frust, Enttäuschungen und manchmal auch merkwürdige Identitäten. Umgekehrt gibt es auch Leute aus meiner Berliner Musik­szene, die bis heute nicht nach Ostdeutschland fahren wollen, weil das für sie „Dunkeldeutschland“ ist. Das finde ich genauso bescheuert.

taz: Hat sich Ihr Blick auf Berlin geändert?

Katharina Franck

Der Mensch

Katharina Franck, 1963 in Düsseldorf geboren, wuchs in Portugal und Brasilien auf, wo sie begann, Gitarre zu spielen und englischsprachige Songs zu schreiben. 1981 zog sie nach Köln, zwei Jahre später nach Westberlin, wo sie 1986 die Rainbirds gründete. Mit dem Hit „Blueprint“ gelang der Band der europaweite Durchbruch, aber schon 1990 trennte sie sich wegen musikalischer Differenzen. Ab 1997 veröffentlichte Katharina Franck Soloalben mit ihren „gesprochenen Popsongs“. Seit 2012 lebt Katharina Franck in einem brandenburgischen Dorf bei Neuruppin.

Die Konzerte

Zum 40. Bandjubiläum sind die Rainbirds gerade auf Tour mit Konzerten bis zum 15. August. Einen besonderen Auftritt gibt es beim „Klassentreffen der Ostmusik“ am 19. und 20. Juni in Neuruppin, bei dem die Rainbirds dann neben Bands wie Sandow und Stern-Combo Meißen der „Westbesuch“ sind.

Franck: Eigentlich nicht. Natürlich erkenne ich manche Viertel kaum wieder. Friedenau, Schöneberg – alles sieht inzwischen wahnsinnig teuer aus. Und ich merke: Ich behalte keinen Koffer mehr in Berlin. Mein Zuhause ist inzwischen wirklich der Ort im Wald.

taz: Die Rainbirds spielen beim Festival „Klassentreffen der Ostmusik“ am 19./20. Juni in Neuruppin. Wie kam es dazu?

Franck: Der Veranstalter Christian Juhre hat früher im Kornspeicher Neumühle die Technik gemacht. Irgendwann baute er den Hangar 312 als Veranstaltungsgelände auf. Ich habe dort einmal bei einem Friedensfestival anlässlich des Ukraine­krieges gespielt. Als Christian hörte, dass die Rainbirds wieder zusammenkommen und wir eine Jubiläumstour planen, hatte er sofort die Idee, uns zum Ostmusik-Festival einzuladen. Er meinte: „Ihr seid dann der Westbesuch.“ Ich habe damit kein Problem. Ich kenne ihn lange genug und glaube wirklich, dass es ihm darum geht, Menschen über Musik zusammenzubringen. Dafür hat er diesen Ort geschaffen.

taz: Beim Festival spielen ansonsten nur Bands ostdeutscher Herkunft. Mit dem Musiker Dirk Zöllner standen Sie aber schon 1988 beim legendären Rocksommer in Weißensee auf der Bühne. Wie kam es überhaupt zur Einladung der Rainbirds in die DDR?

Franck: 1988 fand parallel zu Weißensee der „Berlin-Rockmarathon“ am Reichstag in Westberlin statt, wo wir zusammen unter anderem mit Nina Hagen und Rio Reiser spielten. Unser damaliger Manager managte damals auch Rio Reiser, und es war so, dass die DDR-Seite versuchte, Rio mal nach Ostberlin zu holen. Was ja im Oktober 1988 klappte. Vielleicht waren wir Teil dieses Deals.

taz: Wie haben Sie das Weißensee-Konzert im Rahmen der „Friedenswoche der Berliner Jugend“, das von der DDR auch politisch vereinnahmt wurde, in Erinnerung?

Franck: Ich muss sagen, über das Festivalmotto haben wir nicht so nachgedacht. Gegen Frieden konnte man ja nichts haben. Ich bin heute deutlich politischer als damals. Ich war ja nie Teil dieser typischen westdeutschen Uni-Szene. Als ich mit 18 nach Deutschland zurückkam, kannte ich niemanden und wollte einfach Musik machen. Natürlich fand ich die Teilung absurd. Ich habe lange in Kreuzberg direkt an der Mauer gewohnt. Wir spielten dort ­Badminton im Schatten der Mauer und hörten aus geöffneten Fenstern auf der an­deren Seite aus dem Radio Michael Jackson. Da dachte ich oft: Was soll das eigentlich? Diese riesige Mauer, der Todesstreifen – und gleichzeitig hören alle dieselbe Musik. Natürlich bekam man die Realität mit: die Kontrollen an den Grenzen und so. Aber wir lebten eben unser Westberliner Leben. Als Band waren wir gerade auf dem Weg nach oben und ich fand es vor allem wahnsinnig spannend, mit den Rainbirds in Ostberlin aufzutreten.

taz: Wie empfanden Sie das Konzert dort?

Franck: Allein die riesige Zuschauermenge war beeindruckend. Ich erinnere mich, dass wir auch Katarina Witt trafen und sie wahnsinnig nett fanden. Für uns war das alles ein einziges Abenteuer. Kurz zuvor hatten wir noch beim „Berlin-Rockmarathon“ im Westen gespielt und zwei Tage später dann in Ostberlin. Wenn ich heute darüber nachdenke, erscheint mir diese Zeit völlig surreal. Zwischen der Gründung der Rainbirds und der Auflösung der ersten Besetzung lagen gerade einmal drei Jahre. In dieser kurzen Zeit ist unfassbar viel passiert.

taz: Sie sind später auch mit dem Club der toten Dichter in Orten wie Greifswald und ­Templin aufgetreten. Gab es Momente, in denen Sie dachten: Früher Weißensee vor Zehntausenden – heute kleine Säle?

Franck: Demütig geworden bin ich an ganz anderen Orten. Mein „Karriereknick“ kam direkt nach der Auflösung der ersten Rainbirds-Besetzung. Aus einer Band mit drei Männern und einer Frau wurde plötzlich ein Duo aus zwei Frauen, und das war für viele im Musikbusiness damals offenbar schwer zu akzeptieren. Beim Publikum weniger, aber in der Presse merkte man sofort eine Veränderung. Irgendwann stellte ich aber fest, dass es gar nicht die kleineren Konzerte sind, die mich belasten, sondern die ständige Frage nach dem nächsten „Blueprint“.

taz: Sie wurden immer wieder darauf reduziert?

Franck: Ja. Ich habe weiter Platten gemacht, und die Labels hofften immer auf den nächsten großen Hit. Über allem schwebte ständig die Vergangenheit und die Sehnsucht nach Wiederholung. Das eigentliche Problem war irgendwann: Wie gehe ich mit diesem Rainbirds-Erbe um? Nicht das kleiner werdende Publikum hat mir die Freude genommen, sondern dieses permanente Gewicht. Dazu kommt irgendwann die Realität als unabhängige Musikerin: Man bezahlt alles selbst, organisiert alles selbst – und merkt irgendwann, dass Anspruch und finanzielle Möglichkeiten nicht mehr zusammenpassen. Wichtig ist für mich jedoch: Ich bin Musikerin geblieben. Ich habe immer weiter Songs geschrieben und neue Ideen gehabt. Und wenn ich jetzt einen guten Abschluss finde, im Sinne von: „Ja, redet ruhig über die Rainbirds, aber ich habe auch andere Theme­n“, dann wäre das schön.

taz: Sie haben oft die Ignoranz Ihnen gegenüber als Frau im Musikbusiness angesprochen. Hat sich da was verändert?

Franck: Ja, einiges hat sich verändert. Aber vieles musste ich mir gegen Widerstände erkämpfen. Früher wusste ich oft gar nicht, warum ich schlecht behandelt wurde. Erst später verstand ich: Das hatte oft mit Sexismus zu tun. Wenn ich wütend reagierte, hieß es sofort: „Ach, die hat bestimmt ihre Tage.“ Noch bevor ich vierzig war, fiel ich aus dem Raster heraus, in dem Frauen im Musikgeschäft vermarktet werden. Wenn du mit Mitte vierzig nicht mehr eindeutig als erotische Figur vermarktbar bist, wissen manche Leute überhaupt nichts mehr mit dir anzufangen. Inzwischen ist es mir egal. Man darf bei dieser ganzen Rainbirds-Geschichte eines aber nicht vergessen: Wir haben alle das Privileg, bis heute Musik machen zu können und davon zu leben. Wenn wir Glück haben, machen wir mit dieser Tour kein Minus. Eigentlich wollten wir anfangs nur drei bis fünf Konzerte spielen. Jetzt sind es dreimal so viele über mehrere Monate verteilt. Und mir ist wichtig zu sagen: Wir machen das nicht aus finanzieller Not. Im Gegenteil. Wir haben das Geld für diese Tour und deshalb machen wir sie. Aus reiner Leidenschaft.

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