Sexuelle Gewalt in der Kirche

EKD untersucht Missbrauch

Die Evangelische Kirche richtet eine Anlaufstelle für Opfer sexueller Gewalt in den eigenen Reihen ein. Die meisten Betroffenen waren wohl Heimkinder.

Ein Kreuz glänzt am Hals von Heinrich Bedford-Strohm

Späte Aufklärung: Die Evangelische Kirche Deutschland reagiert auf Missbrauchsvorwürfe Foto: dpa

HANNOVER taz | Der Name ist Programm: help (helfen) nennt die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) eine neue Anlaufstelle für Opfer sexueller Gewalt in den eigenen Reihen. Help wende sich an jene Opfer, die nicht mit einer Beratungsstelle reden möchten, die an die evangelische Kirche angebunden ist, sagte Kirsten Fehrs, Bischöfin der Nordkirche und Sprecherin des Missbrauchsbeauftragtenrats ihrer Kirche, am Dienstag in Hannover.

Damit reagiert die EKD auf Missbrauchsvorwürfe, die es nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch in protestantischen Kreisen gibt. Aktuell spricht die Kirche von 600 Opfern. Allen sei aber klar, dass es weitaus mehr sind, sagte Fehrs. Die bekannten Fälle sind überwiegend in der Diakonie angesiedelt, zwei Drittel der Übergriffe mussten Heimkinder erleiden.

Sexuelle Gewalt in evangelischen Einrichtungen unterscheidet sich von denen in katholischen Schulen und anderen Kircheneinrichtungen vielfach. Waren Opfer katholischer Ordensträger mitunter erst zehn Jahre alt oder sogar noch jünger, übten evangelische Pfarrer Gewalt vornehmlich an Jugendlichen ab 14 Jahren aus. Sie manipulierten ihre Opfer stark mit Bekundungen wie „wahrer Liebe“ und „Wir haben eine Beziehung“, so dass die Opfer den dahinter verborgenen Missbrauch erst viel später erkannten, erzählt Kerstin Claus, Mitglied im Betroffenenrat beim Bundesmissbrauchsbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig in Berlin.

Während in katholischen Einrichtungen wie im Berliner Canisius-Kolleg oder bei den Regensburger Domspatzen reihenweise sexuelle Gewalt verübt wurde, blieben Opfer in evangelischen Einrichtungen häufig Einzelfälle. Das mache die Aufarbeitung und Strafverfolgung mitunter schwierig, weiß Claus: „Es gibt kaum Zeugen, häufig steht Aussage gegen Aussage.“

Strukturen aufdecken

Um die Strukturen, die sexuelle Gewalt ermöglichen, aufzudecken und aufzuarbeiten, hat die Synode der EKD im vergangenen Herbst einen 11-Punkte-Plan beschlossen. Der Plan sieht unter anderem verschiedene Studien vor, in die nicht nur die 20 Landeskirchen einbezogen werden sollen, sondern ebenso die Diakonie, Kirchenmusikeinrichtungen, Kitas und selbst Menschen in Ehrenämtern. Auf erste Ergebnisse hofft die EKD für Ende 2021. Das Vorhaben finanziert die EKD mit 1,3 Millionen Euro.

Kerstin Claus, Betroffenenrat

„Es gibt kaum Zeugen, häufig steht Aussage gegen Aussage“

Auch help wird von der EKD bezahlt. Die telefonische Anlaufstelle mit der Nummer 0800-504 01 12 ist ab 1. Juli besetzt, berät anonym und nach vorheriger Terminvergabe. Die Beratungsstelle verstehe sich als „Dienstleister“ und sei strukturell nicht mit der EKD verbunden, versichert Bischöfin Fehrs. Die Aufarbeitung von sexueller Gewalt sei enorm wichtig, „sonst können wir als Kirche nicht mehr glaubwürdig sein“.

In den Augen der Betroffenen Kerstin Claus kommt der Aufklärungswille ohnehin zu spät. Sie sagt: „Die evangelische Kirche hat die Anfänge der Aufarbeitung 2010 komplett verschlafen.“

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