Seriensieger Freiburg beim FC Bayern: Hartes Handwerk

Nach Startproblemen kompensiert der SC Freiburg seine Abgänge bestens. Die fünf Siege in Folge sind auch Coach Streich zu verdanken.

Freiburger Spieler Santamaria jubelt mit ausgebreiteten Armen

Gute Entwicklung: Santamaria integriert sich mit Wissbegierigkeit immer besser ins Freiburger Spiel Foto: Thomas Frey/imago

FREIBURG taz | Pressekonferenzen, die online übertragen werden, sind ein zweifelhaftes Vergnügen. In der Mimik der auf wenige Pixel eingedampften Trainer lässt sich nichts lesen, Interaktion ist kaum möglich. Keine Regel ohne Ausnahme: Als Freiburgs Coach Christian Streich jüngst mit dem Lob des Kölner Kollegen Markus Gisdol konfrontiert wurde, er sei der „beste Trainer der Liga“ entfuhr ihm schon ein lauter Seufzer, bevor der Fragesteller überhaupt zu Ende formuliert hatte. Danach lobte Streich irgendwie auch den Kollegen. Und natürlich seine Mannschaft, die das Spiel zwei Tage später dann auch brav mit 5:0 gewann.

4:1, 3:1 und 5:0 lauteten die letzten drei Ergebnisse, fünf Mal am Stück siegte der SC. 23 Punkte nach 15 Spielen sind so viel, dass selbst notorische Schwarzseher wie der Trainer nicht mehr ganz so offensiv betonen, dass es natürlich nur gegen den Abstieg geht. Insgeheim ist er dennoch davon überzeugt, dass auch bald wieder eine Niederlagenserie zu beklagen ist. Und dass die vielleicht schon am Samstag in München ihren Anfang nimmt.

Dass dort mit dem Sportclub das Team der Stunde aufwartet, ist umso überraschender, als der SC mit einem großen Handicap in die Saison gestartet ist. Die Nationalspieler Luca Waldschmidt und Robin Koch gingen ebenso wie der langjährige Torwart Alexander Schwolow. 35 Millionen Euro brachte das ein, wovon nur etwas mehr als ein Drittel wieder ausgegeben wurde. Der Saisonstart misslang dann auch gründlich. Nur sechs Zähler hatte man nach dem achten Spieltag, der mit einem gruseligen 1:3 gegen Mainz zu Ende ging.

Dass danach kein einziges Spiel mehr verloren wurde, scheint kein Zufall zu sein. Jedenfalls benennen die Spieler unisono das schwache Mainz-Spiel als Wendepunkt im bisherigen Saisonverlauf. Es soll einige Male lauter geworden sein im Besprechungsraum. Und was passiert, wenn der Trainer wütend wird, hat Mittelfeldmann Vincenzo Grifo jüngst einer Reporterin nur angedeutet: „Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht erleben.“

Tipps vom Konkurrenten

Deutliche Worte scheinen sich aber vor allem die Spieler untereinander gesagt zu haben, wie es vielleicht überhaupt die funktionierenden Selbstheilungskräfte im Team sind, die die Mannschaft stark machen. So hat der neue Stürmer Ermedin Demirović kürzlich bestätigt, dass er bei einem gemeinsamen Spaziergang wertvolle Tipps von einem Kollegen bekommen habe, von dem man das nicht erwartet hätte: von Nils Petersen, der von Demirović einstweilen auf die Bank verdrängt wurde.

Doch bei allem Lob für die Soft Skills ihrer Spieler – vor allem ist der Freiburger Höhenflug aber das Ergebnis harten soliden Handwerks. Wenn die begabten Individualisten zuhauf das Weite suchen, bleibt eben nur die Stärkung des Kollektivs.

Das Streich’sche „Übsch, machsch Video“, klingt banal und ist doch ein interessanter konzeptioneller Kontrast zu den Aussagen, die beispielsweise Markus Gisdol nach dem 0:5 vom Samstag tätigte. „Wenn du gut verteidigst, machst du meist auch offensiv ein gutes Spiel“, fand Kölns Trainer und beschrieb das exakte Gegenteil dessen, was sie in Freiburg für richtig halten. Standards, eine große Waffe im SC-Spiel, werden hier bis zum Erbrechen geübt, offensive Spielzüge sowieso. Und natürlich kann Streich sehr akkurat beantworten, welch wohltuenden Einfluss die Fußhaltung bei Santamarias Treffer im Hoffenheim-Spiel hatte.

Santamarias Entwicklung steht gewissermaßen stellvertretend für die der ganzen Mannschaft. Der Franzose brauchte einige Wochen, bis er selbstbewusster auftrat und die geforderten Laufwege verinnerlicht hatte. Überraschen konnte das allerdings nur die Beobachter, die aufgrund der Ablösesumme – die Rede ist von zehn Millionen Euro – Wunderdinge erwarteten. Doch der kam in eine Mannschaft, die Spiel um Spiel verlor. Heuer zählt er zu den Leistungsträgern, der das einbringt, was Streich sich von ihm erhofft hatte: neben Fleiß und Robustheit ein gutes Spielverständnis.

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Das Scharnier zwischen Mittelfeld und Sturm funktioniert nun endlich. „Santa ist ein großer Kämpfer. Er jammert nicht rum oder zweifelt nicht, wenn es nicht läuft“, sagte Streich nach dessen erstem Bundesligator. „Irgendwann habe ich ihn gefragt: Ist es vielleicht zu viel?“ Doch Santamaria waren die vielen Einzel-Videositzungen nicht zu viel. Er wollte immer mehr wissen. Das, so findet Streich, „sagt alles über ihn“. Vor allem aber sagt es viel über die Art und Weise, wie in Freiburg gearbeitet wird. Dass der aktuelle Kader mit einem etwas weniger besessenen Trainer auch auf Platz acht stehen würde, ist nicht sehr wahrscheinlich. Dass das gelingen könnte, wenn sie in Freiburg ein klein bisschen weniger akkurat arbeiten würden, ist hingegen absolut ausgeschlossen.

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