Serie „Maid“ auf Netflix: Wie Armut wirklich ist

Der US-Serie „Maid“ gelingt es, Elend weder zu romantisieren noch die Betroffenen zu entmenschlichen. Das macht sie gerade hierzulande sehenswert.

Filmausschnitt Alex und Tochter

Alex mit ihrer Tochter Maddy Foto: Ricardo Hubbs/Netflix

Udo sitzt in seiner verrauchten Wohnung auf dem Sofa, trägt eine weiße Unterhose und ein Unterhemd, das über seinem dicken Bauch spannt. Auf dem Tisch vor ihm stehen leere Bier- und Wodka­flaschen. Während Dutzende Schü­le­r:in­nen sein Wohnzimmer betreten, kackt der Hund auf dem Teppich. Udo kommentiert: „Ist doch egal.“

Die Schulklasse ist mit ihrem Lehrer (Elyas M’Barek) bei Udo zu Besuch, um ein abschreckendes Beispiel eines Hartz-IV-Empfängers zu sehen. Diese Szene aus „Fack ju Göhte“, einem der zehn erfolgreichsten deutschen Kinofilme jemals, steckt voller Stereotype über arme Menschen. Und ist leider keine Ausnahme: Armut wird in Serien und Filmen häufig als etwas „Ekliges“ gezeigt und als etwas, das die Menschen selbst verschuldet haben.

Eine US-Serie, die es jetzt deutlich besser macht, ist „Maid“. Es ist noch dunkel, als die 25-jährige Alex (Margaret Qualley) das Bett verlässt, ihre Tochter Maddy (Rylea Nevaeh Whittet) nimmt, vorbei an dem großen Loch im Flur läuft, das ihr Freund erst wenige Stunden zuvor im Streit hineingeschlagen hat, und in ihr Auto steigt. Sie will sich und ihre Tochter aus einer toxischen Beziehung befreien, doch die Befreiung ist ein Weg voller Widerstände.

Nachdem Alex’ Auto auf der Flucht zerstört wird, kommen die beiden in einem Frauenhaus unter, dann in einer Wohnung voller Schimmel, um schließlich doch wieder bei ihrem Ex-Partner zu landen. „Die meisten Frauen brauchen sieben Anläufe, bis sie wirklich gehen“, hatte ihr schon die Leiterin des Frauenhauses gesagt. Damals konnte Alex es noch nicht glauben. Doch die Grenzen des Sozialsystems, an die auch Alex beständig stößt, bieten eine Erklärung dafür, warum Frauen so häufig zu ihren gewalttätigen (Ex-)Partnern zurückkehren.

Marmorböden schrubben für Niedriglohn

Die Grenzen des Systems bemerkt Alex am ersten Tag nach ihrer Flucht, als sie obdachlos ist. Um eine Unterkunft zu bekommen, braucht sie einen Job und dafür braucht sie eine Kinderbetreuung für Maddie. Doch Kinderbetreuung gibt es nur für diejenigen, die einen Job haben. „Was für eine Scheiße ist das denn?“, fragt sie die Sozialarbeiterin. Die hat aber auch keine Antwort parat und schiebt ihr lediglich die Visitenkarte einer Putzfirma zu.

Künftig schrubbt Alex also für einen Niedriglohn Marmorböden in Villen oder voll geschissene Toiletten in leerstehenden Häusern, die verkauft werden sollen. Sie ist die meiste Zeit auf sich allein gestellt, um für ein besseres Leben für sich und ihre Tochter zu kämpfen, nur um dann doch wieder ohne ausreichend Geld an der Supermarktkasse zu stehen.

Es sind diese detaillierten Alltagsszenen, die die Armut und Ausbeutung von Alex als Putzkraft so verdeutlichen. Die Serie schafft es, ihr Elend weder zu romantisieren noch sie als Betroffene zu entmenschlichen. „Maid“, das auf den Memoiren von Stephanie Land basiert, ist das Porträt einer alleinerziehenden Putzkraft, aber es ist auch auch das Porträt eines Sozialsystems, das zwar theoretisch da ist, aber praktisch nicht funktioniert.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Ressortleitern bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de