Seminar zur Flüchtlingsberichterstattung: Und keiner redet über Böhmermann
In Izmir diskutieren deutsche und türkische Journalisten über Flüchtlinge. Haben die Medien dazu beigetragen, Ressentiments zu schüren?
Dass es bei dem Seminar um Flüchtlingsberichterstattung gehen soll, steht seit Langem fest. Deswegen trifft man sich auch in Izmir, dem Küstenort, von dem bis vor wenigen Wochen Flüchtlinge in Schlauchboote gestiegen sind und die griechischen Inseln angesteuert haben. Auch hier hat das Zeitgeschehen die Workshop-Planer überholt: Seit der Deal mit der Türkei in Kraft ist, steigen kaum noch Flüchtlinge in Izmir in Gummiboote. Zum Glück, denkt man, wenn man an der steilen Felsenküste steht.
Es scheint in diesen Tagen, als gäbe es in puncto Türkei kein anderes Thema als Böhmermann. Als wäre kein Krieg im Südosten des Landes, als mache Erdoğan nicht Jagd auf kritische Journalisten, als wären all die Flüchtlinge, derer sich die EU durch ihren schmutzigen Deal mit der Türkei entledigt hat, vergessen. Wer aktuell über die Türkei berichtet, beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob „Ziegenficker“ ein angemessener Begriff der Satire ist.
Trotzdem – oder genau deswegen: In Izmir interessiert sie kaum jemanden. Der Moderator der Diskussionsrunde, ein ehemaliger Journalist des türkischen Programms der Deutschen Welle, hört die Böhmermann-Nachricht aus dem Publikum, verkündet sie kurz und niemand reagiert. Die deutschen Journalisten sind von der Debatte so genervt, dass sie jedes Gespräch darüber am liebsten abwürgen. Den türkischen Kollegen ist die deutsche Diskussion ziemlich egal. Auch sie sagen: Haben wir nicht andere Probleme als einen deutsche Satiriker?
Angst herbeigeschrieben?
Die Flüchtlinge zum Beispiel. Haben die Medien dazu beigetragen, Ressentiments zu schüren – oder haben sie die vorhandenen Ressentiments nur aufgegriffen und darüber berichtet? Gut 3 Millionen Flüchtlinge leben derzeit in der Türkei, 2,7 Millionen davon aus Syrien. Bis 2015 seien sie in der türkischen Presse kein Thema gewesen, sagt der Kommunikationswissenschaftler Bülent Mehmet Çapli. Nun zeigten Umfragen, dass rund die Hälfte der Türken glaube, durch die Syrer ihren Job zu verlieren.
Mehr als 60 Prozent sind überzeugt, dass Kriminalität und Prostitution durch die Flüchtlinge ansteige – obwohl die Kriminalitätsstatistiken anderes beweisen. Das läge auch an der teils provozierenden, vorurteilsbeladenen Berichterstattung in der Türkei, glaubt Çapli. Dem stimmt auch Esra Sancaklı zu, die für eine Nichtregierungsorganisation für Flüchtlinge arbeitet. Andererseits hätten nie so viele Türken Geld gespendet wie nach der Veröffentlichung des Fotos des in Bodrum angeschwemmten toten syrischen Kindes, Alan Kurdi.
Die Frage, wie die Medien die Stimmung in der Flüchtlingsfrage beeinflussten, beschäftigt auch die deutschen Kollegen. An der „Verrohung“ der Debatte seien auch die Journalisten schuld, sagt Spiegel-Redakteur Maximilian Popp. Sie hätten die Stimmung „herbeigekippt“.
Beispiele dafür finden sich genug: Angela Merkel in einer Photoshop-Collage im Tschador in der Sendung „Bericht aus Berlin“, die andauernden Berichte über überforderte deutsche Kommunen, die Bild-Zeitung mit ihrem Ruf nach Obergrenzen. Merkels „Wir schaffen das“ wurde von einem medialen „Wir können das gar nicht schaffen“ abgelöst. Spätestens nach der Gewalt in der Kölner Silvesternacht.
Äußerst zaghaft
Das derzeit aktuellste Thema in Sachen Pressefreiheit in der Türkei allerdings, nämlich die Unterwerfung kritischer Medien unter das Erdoğan-Regime, blieb weitgehend unangetastet. Türkische Kollegen von eher staatsfernen Medien sprachen zaghaft von einer „Polarisierung“ der Medien im Land – eine verharmlosende Untertreibung, die zeigt, wie wenig kritisch sich viele türkische Journalisten offenbar nur noch äußern können.
Andererseits ist das ja auch kein schlechter Witz, ausgerechnet an Tag, an dem in Deutschland eine Klage wegen Majestätsbeleidigung zugelassen wird, von Türken eine Einschätzung der Pressefreiheit in ihrem Land hören zu wollen. Böhmermann würde dieser Witz gefallen.
Das Seminar wurde veranstaltet und finanziert vom Auswärtigen Amt
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