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Seine Musik verteidigt Raum und Zeit

Seine Musik nahm sich Freiheiten, blieb dabei stets präzise. Ein Abend in der Berliner Ölbergkirche erinnerte an den Komponisten Ernstalbrecht Stiebler

Von Robert Mießner

Draußen am Paul-Lincke-Ufer verlustieren sich Sonntags­scharen, rudern Models auf dem Landwehrkanal, drinnen hinter der Pforte zur Ölbergkirche spielt Biliana Voutchkova auf der Viola eine sich vortastende Komposition. Fast unmerklich gerät das Stück flächig, auch durch das Zusammenspiel Voutchkovas mit Klangregisseur Stefan Tiedje am Delay.

An einem Juniabend wie aus der Tourismusbroschüre haben der Komponist Hauke Harder und der Cellist Tilman Kanitz zu einem Porträt des Komponisten Ernstalbrecht Stiebler (1934–2024) eingeladen. Die Ölbergkirche ist so gut wie ausverkauft.

Das Publikum trägt Abendgarderobe oder Nine-Inch-Nails-T-Shirt, es erlebt Stücke, die der Autor Matthias Entreß im Programmheft als „Abfolgen ruhiger, bei aller Freiheit, äußerst präzise gesetzter Schritte ins Offene“ beschreibt. Er könnte den zweiten Beitrag, eine von Rebecca Lane auf der Altflöte gespielte Komposition, im Ohr gehabt haben.

„Aufwärts“, ein Duett nach Mozart mit Voutchkova an der Violine und Hartmut Leistritz am Klavier, ist Schönheit mit Momenten der Unruhe. „Kleines Duo“, Lane an der Bassflöte und Kanitz am Cello, bringt mit südosteuropäischen Folk-Assoziationen einen nahezu archaischen Tonfall in den Abend.

Nach einer ersten Pause Musik der 1980er Jahre: Das „Klavierstück 1987“ verbindet Pendelakkorde und Ausbrüche. Weite Spannungsbögen auf dem Cello, Klopfzeichen aus dem gedämpften Klavier und eigenwilliger Schlagzeugeinsatz kennzeichnen das „Trio ’89“: Perkussionistin Teresa Grebchenko spielt Crotales. Den auch als antike Zimbeln bezeichneten kleinen Instrumenten entlockt sie mit dem Geigenbogen Klänge einer singenden Säge und mit dem Schlegel die eines Glöckchens. In einem kurzen, markanten Moment setzt Grebchenko das Vibrafon ein.

Dann „Mehrklang“, ein langes Werk für Cello und Delay. Stieblers Musik verteidigt zwei rare Ressourcen, Raum und Zeit. Beides braucht Kanitz jetzt, der sich das Stück übrigens von Stiebler gewünscht hat, nachdem er in Indien einen Sitarspieler sein Instrument stimmen gehört hatte und das viel interessanter als das eigentliche Konzert fand.

Vor der Tür schweigen mittlerweile die Bars und Boote. Die Bettler übernehmen. Im IL Kino um die Ecke zeigen Viola Rusche und Hauke Harder ihren Film „Zeile für Zeile“. In ihm bringt Fährmann Olaf Schiela Ernstalbrecht Stiebler durch den Spreewald. Die Cellistin Agnieszka Dziubak spielt, der Komponist Stiebler wird Philosoph. Als er in einen Seitenarm des Kanalnetzes einbiegt, verabschiedet ihn Vogelgesang. Draußen ist die Nacht von Kreuzkölln.

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