: Sehnsucht nach der Katastrophe?
■ Betr.: " 'Friedenstag': Schweigen im Walde", taz vom 6.9.89
betr.: “'Friedenstag‘: Schweigen im Walde“, taz vom 6.9.89
Der Friede beginnt hier nicht zufällig gerade in dem Augenblick, wo der Kommandant den Befehl gegeben hat, die Festung und damit die ganze Stadt in die Luft zu sprengen, um sie nicht in die Hand der Feinde fallen zu lassen. Die mythische Handlungslogik dieser Oper ist eine andere: Gerade diese letzte Opferbereitschaft bewirkt das „leuchtende Wunder“ des Friedens und der Erlösung. Die Bejahung des Krieges und der Selbstzerstörung wird hier als Wegbereiter des Friedens hingestellt. Diejenigen, die diese Opferbegeisterung und diesen „Pazifismus“ nicht teilen, werden als „Ratten“ bezeichnet, die es nicht wert seien, daß man auf sie schießt.
Im Zentrum steht die Selbstaufopferung der Frau: Im festen Glauben an den Endsieg des Lichts über Finsternis und Tod findet sie sich zum Liebestod mit dem Kommandanten bereit. Im Programmheft der Deutschen Oper wurde diese Haltung in ein „klares weibliches Nein“ gegen den Krieg umgelogen und dem Publikum zum 50.Jahrestag des Kriegsbeginns zur Identifikation angeboten: „Verstehen wir heute seine (des 'Friedenstags‘, G.K.) Botschaft besser als das Premierenpublikum vor 50 Jahren, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs?“
Daß das möglich war - und zwar in Anwesenheit des Bundespräsidenten -, und mehr noch: daß es nicht zum Skandal wird, ist mir unbegreiflich. Gibt es schon wieder die latente Sehnsucht nach einer Kastrophe, die uns von den wachsenden Problemen nach 44 Jahren ohne Krieg erlöst?
Übrigens: Es existiert zwar keine Plattenaufnahme von 'Friedenstag‘. Aber das Textbuch ist in der Ausgabe von 1938 im Handel erhältlich.
Gudrun Kohn-Waechter, Berlin 65
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