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■ Schöner lebenKorrekt Falschparken

Nicht lange ist es her, da beklagte sich die Kollegin Ubben an dieser Stelle über die Unzulänglichkeiten des Öffentlichen Nachverkehrs. Und tatsächlich, neben all den Gemeinheiten, denen Bus- und Bahnfahrende so ausgesetzt sind, werden diese Menschen eines niemals erfahren: die Genugtuung, korrekt falsch zu parken.

Diese adrenalingeladene urbane Extremsportart beginnt damit, daß Spieler A – ein nicht vom Öffentlichen Nahverkehr zu überzeugender Autonarr – seine Spielfigur, in diesem Fall ein zerbeultes 87er-Golfmodell, in die Spielzone bringt. Ist das Auto in der Innenstadt positioniert, beginnt Spielphase zwei: die Parkplatzsuche. Phase zwei dauert zwischen fünf und fünfzehn Minuten, je nachdem, wieviel Zeit und Lust da ist, etwaige Verbotsschilder wahr- oder ernstzunehmen.

Legal parken kann jeder. Das Fahrzeug aber so gegen zehn am Schütting oder an der Schlachte abstellen, erfordert Traute und ein Gespür, wann der Feind das Territorium betritt. Schon um Elf? Erst um eins? Solange ist Zeit, das zu tun, was man eben so vor hat.

Blieb man bislang knöllchenfrei, wird die Mittagspause genutzt, um flugs umzuparken und den Feind so zu umkurven. Dann beginnt Phase drei: die Revanche. Noch einmal haben die Politessen Zeit, das Fahrzeug aufzuspüren. Vorsicht: Die Schlachterunde drehen sie meistens zweimal.

Findet man bei Phase vier, der endgültigen Abfahrt, ein Knöllchen, so bedeutet das aber noch nicht das Aus. Erst wenn in der Monatsmitte die Falschparkgebühren den Preis eines Parkhausplatzes überschreiten, hat Spieler A die Runde endgültig verloren.

Ärgerlich wird es nur, wenn Phase vier ausfällt und dort, wo ein 87er-Golfmodell stand, längst ein anderer parkt. Erwischt nämlich eine Politesse eine Spielfigur, die trotz des Knöllchens nicht bewegt wurde, darf der Abschleppwagen gerufen werden. Aber ein korrekter Falschparker nimmt die totale Niederlage, den fälligen Gang zur Wallwache und die anschließende Busfahrt mit der 24 zum Woltmershausener PKW-Gefängnis mit einem Lächeln und droht nicht mit dem Girosspieß. Ist doch alles nur ein Spiel, Mann. Wenigstens wurde unser bestes Stück nicht gestohlen und kann morgen für eine neue Runde in die Stadt rollen.

Lars Reppesgaard

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